Gräfer über 1860-Weg: "Wer das nicht akzeptiert, versteht oder ablehnt, der findet seine Heimat dauerhaft im Amateurfussball"
- VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
- 06.07.2026 08:56
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VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
Ein groß angelegtes Konzept, wie man die Löwen wiederbeleben kann, scheint es nach der Insolvenz des Giesinger Traditionsvereins nicht zu geben. Stattdessen sammeln die Fans Geld ein, wollen mit der Aktion “Football for the people” sogar aufs neue Löwen-Trikot. Es ist aller Ehren wert, wird aber nur ein Tropfen auf den bekannten heißen Stein bleiben.
Schon vorab hatte sich Martin Gräfer, Vorstand des scheidenden Hauptsponsors “Die Bayerische” auf seinem Facebook-Account unter dem Titel “Nur für Interessenten des TSV 1860 München” geäußert.
Nachdem zuletzt Ex-Aufsichtsrat Nicolai Walch zu einem Boykott gegen die Merchandising-Firma des TSV 1860 offen aufgerufen hatte, schrieb der Versichererer: “Boykottaufrufe sind schnell geschrieben. Die Folgen tragen andere.
Aktuell wird dazu aufgerufen, den offiziellen Fanshop des TSV 1860 zu boykottieren. Das kann jeder für sich entscheiden. Voraussetzung für eine faire Diskussion sollte aber sein, dass die Fakten vollständig dargestellt werden.”
Und genau diese Fakten werden immer wieder von Fans verfälscht dargestellt: “Die Merchandising GmbH wurde 2012 nicht einfach “verschenkt”, sondern für rund eine Million Euro verkauft. Die KGaA benötigte damals dringend Liquidität. Mit dem Kauf übernahm der Gesellschafter zugleich das vollständige unternehmerische Risiko der Gesellschaft. Auch die Darstellung der Ertragsverteilung ist häufig unvollständig. Wenn ich richtig interpretiere was ich dazu öffentlich gelesen habe, dann sind die vertraglichen Regelungen wohl so, dass die ersten 120.000 Euro Gewinn (wenn einer erwirtschaftet wird) beim Gesellschafter verbleiben. Die darüber hinausgehenden Gewinne werden zwischen Gesellschafter und KGaA geteilt. Es ist deshalb schlicht falsch, den Eindruck zu erwecken, sämtliche Erträge aus dem offiziellen Fanshop kämen ausschließlich dem Gesellschafter zugute. Die Merchandising hat gerade auch im letzten Jahr einen positiven Beitrag zur Finanzierung des Profisports geleistet.” Und die Merchandising-Firma hat dank der Personalpolitik des vergangenen Sommers und der starken Linie des Ausrüsters Joma ordentlich Umsatz gemacht, womit auch die gemeinsame Fußballfirma einen ordentlichen Batzen Geld verdient hat - also die Firma, an der der e.V. 40 Prozent hält.
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Außerdem erklärte Gräfer: “Was mich aber noch mehr beschäftigt, ist etwas anderes.
Hinter der Merchandising GmbH stehen Menschen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Logistikpartner, Lieferanten und viele weitere Unternehmen. Boykottaufrufe treffen deshalb nicht nur einen Gesellschafter. Sie gefährden Umsätze, Arbeitsplätze und wirtschaftliche Stabilität. Und im übrigen schadet ein Boykott auch mit Joma einem Ausrüster, den man für die Zukunft gewinnen sollte.”
Gräfer richtet seinen Blick in seiner Stellungnahme aber auch nach vorne: “Der erklärte Weg ist die neue Spielbetriebsgesellschaft, finanziert durch eine Genossenschaft, die von Fans und Mitgliedern getragen wird. Diesen Ansatz finde ich grundsätzlich spannend. Ich selbst arbeite seit mehr als 40 Jahren für genossenschaftlich organisierte Unternehmen, hier in Form von Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit. Aber eine Genossenschaft ist ebenfalls auch ein Wirtschaftsunternehmen. Wie jede Volksbank die auch eine Genossenschaft ist, braucht es Gewinne um investieren zu können. Sie braucht Vertrauen. Sie braucht Kapital. Sie braucht erfolgreiche Geschäftspartner. Im Sport braucht auch eine Genossenschaft Sponsoren. So ist das auch bei Sankt Pauli!”
Gräfer warnt die Löwen eindringlich: “Und sie braucht Menschen, die bereit sind, unternehmerisches Risiko zu übernehmen. Professioneller Fußball ist ein moderner Wirtschaftsbetrieb. Und erst wirtschaftliche Solidität führt zu sportlichem Erfolg. Wer das nicht akzeptiert, versteht oder ablehnt, der findet seine Heimat dauerhaft im Amateurfussball. Wie soll aber all das gelingen, wenn gleichzeitig öffentlich dazu aufgerufen wird, Unternehmen im Umfeld des TSV 1860 wirtschaftlich zu schädigen? Wer glaubt denn tatsächlich ernsthaft, dass die Lage des Profifußballs nur durch eine Seite zu verantworten ist?” Walch, ein renommierter Münchner Anwalt und bis vor kurzem Funktionär, hatte zuletzt geschrieben, dass H.I. Squared en TSV 1860 in die Vierte Liga gesenkt hätte.
Gräfer: “Nicht falsch verstehen, die Trennung jetzt ist gut und richtig. Aber ein echter Neuanfang wird nur möglich wenn es ein tragfähiges Konzept gibt. Dazu braucht es Transparenz. Dazu braucht es Einbindung auch externer Partner.”
Dass die Löwen sich vom Emotionen leiten lassen, findet Gräfer den falschen Weg: “Jeder Sponsor, jeder Dienstleister und jeder wirtschaftliche Partner schaut sich genau an, in welchem Umfeld er sich engagiert. Wer erleben muss, dass Boykottaufrufe zum Mittel der Auseinandersetzung werden, wird sich sehr genau überlegen, ob er sich langfristig bei 1860 engagieren möchte. Warum muss man andere versuchen zu beeinflussen? Das halte ich für den falschen Weg, gerade wenn diese Aufrufe von Menschen kommen, die bis vor kurzem noch selbst Verantwortung für Unternehmen getragen haben, denen ein solcher Boykott schadet.”
Folgerichtig sagt Gräfer: “Kritik gehört zu einer lebendigen Vereinskultur. Fakten gehören ebenso dazu. Wer wirtschaftliche Unabhängigkeit für den TSV 1860 erreichen möchte, sollte Unternehmen, Sponsoren und Partner nicht pauschal zum Gegner erklären. Denn ohne wirtschaftlich starke Partner wird auch eine von Mitgliedern getragene Genossenschaft keinen nachhaltigen Profifußball finanzieren können.
Eine Genossenschaft im Übrigen wird überhaupt nur eine Chance haben wenn sie von Beginn an transparent und mit zeitgemäßen Medienformaten eine Teilhabe anbietet.
Ein erfolgreicher Neuanfang braucht Leidenschaft. Er braucht Zusammenhalt. Und er braucht die Erkenntnis, dass wirtschaftlicher Erfolg, Arbeitsplätze und verlässliche Partnerschaften keine Gegner des Vereins sind, sondern eine seiner wichtigsten Voraussetzungen. Wem Stimmungsmache wichtiger ist, als ein tragfähiger Zukunftsplan, der spaltet und schadet dem Verein nachhaltig. Und wer dabei vergisst selbst Fehler gemacht zu haben und dabei jede Selbstkritik außer Acht lässt, der belastet einen wirklichen Neustart.”
Gleichzeitig versteckt Gräfer auch noch eine weitere wichtige Botschaft in seinem Schreiben: “Vielleicht macht es Sinn, wenn es eben auch differenzierte Stimmen in einem lebendigen Verein gibt. Und nicht nur solche die in Freund/Feind - Bildern denken. Wirklich beeinflussen können das aber nur die Gremien und die Mitglieder zumindest einmal im Jahr! In diesem Jahr war das Votum der in Präsenz teilnehmenden Mitglieder überragend und ein deutliches Mandat. An der Kultur zu arbeiten, nicht die Lagerbildung zu fördern ist aber die aktive Aufgabe der gewählten Gremien. Und jedes Mitglied hat die Chance sich einzubringen und zu Wort zu melden.”






