Ein Jahr Mang: Der Dirigent des Absturzes
- VON OLIVER GRISS
- 06.07.2026 17:03
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VON OLIVER GRISS
Womöglich kannte seine inzwischen verstorbene Mutter die Löwen besser als Mang selbst. Ein Jahr später wurde das Mitglied der Tennisabteilung überraschend Präsident und löste nach acht erfolglosen Jahren Robert Reisinger ab. 512 Stimmen reichten ihm dafür.
Wer geglaubt hatte, schlimmer könne es nach der Ära Reisinger nicht mehr kommen, wurde eines Besseren belehrt. Reisingers Führungsstil war bekannt – man wusste zumindest, woran man war. Mangs Wirken hingegen lässt viele Fans ratlos und kopfschüttelnd zurück. Obwohl der Vorarlberger aus der Wirtschaft kommt, strahlt er weder Souveränität noch Führungsstärke noch Weitblick aus. Eigenschaften, die ein Klub mit der Strahlkraft des TSV 1860 eigentlich dringend bräuchte.
Als die Löwen um die Drittliga-Lizenz bangten, befand sich Mang im Türkei-Urlaub. Dort traf er unter anderem auf Ex-Trainer Michael Köllner, auch der frühere Nürnberg-Profi Fred Klaus war zur selben Zeit vor Ort. Und auch Fans hatten Mang im Hotel erkannt. In den Stunden des schwarzen Dienstags, als der Zwangsabstieg offiziell verkündet wurde, war Mang zurück in München – und überbrachte den wartenden Fans am Trainingsgelände die Hiobsbotschaft. Eine Pressekonferenz gab es an diesem historischen Tag freilich nicht.
Mangs Name wird – genauso wie der von Hasan Ismaik – untrennbar mit dem Zwangsabstieg und dem Insolvenzverfahren verbunden bleiben. Ebenso mit der angekündigten Neuorientierung, die nun offenbar vor allem von den Fans getragen werden soll. Wäre es Mang ausschließlich um die Rettung der Fußballmarke TSV 1860 München gegangen, hätte sich dieser bittere Gang in die Amateurklasse möglicherweise vermeiden lassen. Es ging letztlich um 2,7 Millionen Euro. Ismaik war nach eigenen Angaben bereit, die Summe bereitzustellen. Zu einer Einigung kam es dennoch nicht.
Dass der Marktwert des Klubs mit dem Absturz innerhalb kürzester Zeit massiv eingebrochen ist, scheint Mang in diesem Moment nicht ausreichend berücksichtigt zu haben. Auch die aufwendige Jugendarbeit wird unter den Folgen über Jahre leiden. Hinzu kommt, dass der enorme Einsatz für die Machbarkeitsstudie eines neuen Grünwalder Stadions durch den Absturz in den Amateurfußball deutlich an Bedeutung verloren hat. Potenzielle Unterstützer werden sich künftig zweimal überlegen, ob sie einen Verein fördern, der aus ihrer Sicht wirtschaftliche Chancen zugunsten ideologischer Grundsatzdebatten über Kommerz und Kapital ungenutzt lässt - allein schon die Diskussion um die Bayerische und deren Vorstand Martin Gräfer ist grenzwertig. Die Versicherung hat in den letzten zehn Jahren rund 14 (!) Millionen Euro in die Löwen gepumpt.
Auch Mangs Wortwahl sorgte in den letzten Monaten immer wieder für Irritationen. Er sprach in einer e.V.-Stellungnahme von “Befreiungskampf” und kritisierte beim BR, dass mit Rechtsanwalt Peter Gauweiler “ein ehemaliger CSU-Politiker jemanden aus Middle East” vertrete. Bei einem Fantreffen im Landkreis Straubing erklärte Mang zudem, ihm sei mitgeteilt worden, “dass die HAM-Seite kein Geld mehr hat”. Hasan Ismaik widersprach dieser Darstellung umgehend. Und auch die wiederkehrenden Seitenhiebe auf den FC Bayern wirken eher deplatziert. Nicht umsonst hatte MagentaSport-Kommentator Christian Straßburger Mang weit vor der Eskalation einen PR-Berater empfohlen.
Gernot Mang ist mit seinen Präsidiumskollegen jetzt ein Jahr bei 1860 im Amt: Welche Note geben Sie dem Quartett?
Gernots Bilanz fällt mangelhaft aus – und das lässt sich auch sportlich belegen. Seine Personalentscheidungen, erst Christian Werner und Patrick Glöckner zu entlassen und anschließend auf NLZ-Boss Manfred Paula sowie Markus Kauczinski zu setzen, blieben ohne den erhofften Erfolg. Die hinterlassene sportliche Bilanz geriet durch die Entwicklungen im Mai ohnehin viel zu sehr in den Hintergrund. Dabei sprechen die Zahlen für sich: elf Pflichtspiele, nur ein Sieg. Da hilft es auch wenig, das eigene Wirken immer wieder schönzureden und zu betonen: “Wir sind kein Chaosverein.” Aus Sicht vieler Fans liegt das eigentliche Problem tiefer: Präsident Mang war nicht nur Teil dieser Entwicklung – er gab als Dirigent selbst den Takt vor.
Oliver Griss (54) begleitet seit 1989 journalistisch die Löwen, u.a. von 1998 bis 2010 für die Münchner Abendzeitung. Seit 2011 betreibt Griss db24.






