Münchner Stadt-Derby? Für mich nicht!
- VON OLIVER GRISS
- 15.10.2026 13:04
- 3 Minuten Lesezeit
- 191 Kommentare
VON OLIVER GRISS
Davon ist vieles verloren gegangen. Zum Leidwesen der Fans, der Wirte und auch der Münchner Presse. Sechzig ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu einer bemitleidenswerten Nummer verkommen. Der Niedergang begann schon lange vor dem Einstieg von Hasan Ismaik - um das auch mal festzuhalten.
Als ich 1998 bei der Münchner Abendzeitung meinen Traum verwirklichen und einen Vertrag in der Sendlinger Straße 10 unterschreiben durfte, gehörte 1860 im Ist-Zustand zu den besten Mannschaften im deutschen Fußball. Während Bayern die Tabelle anführte, waren die Löwen seinerzeit stolzer Zweiter. Nein, das war keine Fantasie und auch kein Strategiespiel auf dem Commodore C64. Das war Realität.
Sechzig, angetrieben von Karl-Heinz Wildmoser und Werner Lorant, zeigte damals, was mit Ehrgeiz möglich war. Auch mit vergleichsweise wenig Geld und ohne Investor. Dafür mit Kompetenz, einem starken Netzwerk und Unterstützern, die etwas bewegen wollten.
1860 dachte groß, nicht in Stadtteilen. Als die Löwen später mit Jiayi Shao den „Beckham Chinas“ verpflichteten, boten sie ihre Webseite auch auf Chinesisch an. Wildmoser hatte dabei längst den chinesischen Markt im Blick. Dazu kamen langfristige Partnerschaften mit Unternehmen wie der Telekom und Nike. Dieser Verein hatte Ideen. Und er hatte Menschen, die sie umsetzten.

Der damalige AZ-Reporter Oliver Griss (weiße Jacke) nach dem Derby-Sieg im Innenraum mit Thomas Riedl und anderen Zeitzeugen.
Jedem jungen Löwen-Fan kann ich nur empfehlen, sich einmal das Stadtderby vom 27. November 1999 anzuschauen. Auf YouTube oder, wenn’s sein muss, auf einer alten VHS-Kassette. Um zu erleben, wie Sechzig den großen FC Bayern bezwingen konnte. Thomas Riedl. Sein Goldtor. Der erste Derby-Sieg nach 22 Jahren. Ich werde das nie vergessen.
Das war Glückseligkeit pur – die ich auf der Pressetribüne allerdings nur schwer ausleben konnte. In der Redaktion hatte ich als Blauer ohnehin einen schweren Stand. Um mich herum saßen Bayern-Sympathisanten, die von Champions-League-Reisen und Interviews mit Mehmet Scholl, Oliver Kahn oder Uli Hoeneß erzählten. Mein Chef sagte immer: „Wenn du Bayern machst, dann hast es geschafft.“
Das war nie mein Lebensziel. Auch wenn die Aussicht auf Reisen durch ganz Europa reizvoll war. Ich war mit Bayern in Tokio und Barcelona - und durfte das Sommermärchen 2006 als Reporter der deutschen Nationalmannschaft begleiten. Aber Sechzig hat mir immer mehr gegeben. Weil dieser Verein mit seinen Geschichten, seinen Brüchen und seinen Menschen das Leben für mich besser widerspiegelt.
Dass die Löwen irgendwann wieder nur Amateurfußball anbieten würden, konnte ich mir damals trotzdem nicht vorstellen - und das hat eben auch mit den Menschen im Verein zu tun. Aber wenn wir ehrlich sind: Die Spielklasse ist auch ein Zeugnis dessen, was ein Verein aus seinen Möglichkeiten macht. Bei Sechzig fällt dieses Zeugnis seit vielen Jahren verheerend aus: Viele Wichtigtuer und Pöstchen-Verteidiger, wenig bis gar keine Umsetzer und Macher.
Genau deshalb kann ich wenig damit anfangen, wenn vor dem Spiel gegen die Bayern-Amateure vom „Münchner Derby“ gesprochen wird. Natürlich steckt in dieser Begegnung Brisanz. Natürlich geht es um die Farben, um das gemeinsam genutzte Grünwalder Stadion und um die Frage, ob 1860 dem Favoriten-Druck gegen die kleinen Bayern standhält. Dafür werden am Sonntag wieder Hundertschaften der Polizei aufgeboten.
Für mich bleibt es trotzdem bestenfalls ein Mini-Derby.
Denn zu einem Münchner Derby gehören für mich die beiden ersten Mannschaften von Sechzig und Bayern. So, wie ich es erleben durfte: mit Riedls Goldtor und dem Gefühl, dass in dieser Stadt auch die Blauen die Größten sein können. Dass 1860 inzwischen gegen die zweite Mannschaft der Roten spielt, zeigt vor allem eines: wie weit Sechzig vom Spitzenfußball entfernt ist. Eine Stadionphobie wird die Löwen diesem Niveau keinen Zentimeter näherbringen.
