In eigener Sache
- VON OLIVER GRISS
- 22.06.2026 15:41
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VON OLIVER GRISS
Mit diesen Worten meinte der frisch gewählte KGaA-Aufsichtsrat Nicolai Walch auf der Mitgliederversammlung nicht nur Hasan Ismaik, sondern auch mich, den Gründer von dieblaue24.
Seit 37 Jahren berichte ich über den TSV 1860 München. Ich habe den Verein in der Bayernliga begleitet, war für das Trostberger Tagblatt 1994 beim Erstliga-Aufstieg in Meppen, in der Bundesliga, auf internationalen Reisen und sogar in der Champions-League-Qualifikation. Vor allem aber hatte ich das Privileg, viele der Persönlichkeiten näher kennenzulernen, die diesen Verein einst groß gemacht haben. Viele Freunschaften sind entstanden. Zum Beispiel mit Idolen wie Petar Radenkovic. Über viele Jahre durfte ich seine Kolumne für die Münchner Abendzeitung als Ghostwriter begleiten. Im Mai 2023 kam Radi noch einmal nach München, um beim db24-Legendentreffen dabei zu sein - bei 1860 hat er nicht vorbeigeschaut. Radi, der größte Löwe aller Zeiten. Gemeinsam mit Tobias Fischbeck habe ich unserer Legende vor vielen Jahren den Podcast „Radis Erben“ gewidmet.

Viele dieser ehemaligen Löwen fühlen sich in der heutigen 1860-Welt längst nicht mehr zuhause. Sie beobachten mit großer Sorge, wie sich der Verein entwickelt hat. Aus einem stolzen Traditionsverein ist ein Klub geworden, der nach dem Absturz in den Amateurfußball um seine Zukunft kämpft. Das schmerzt viele Menschen, die ihr Herzblut in Sechzig investiert haben.
Bemerkenswert ist dabei, dass die Verantwortlichen die Ursachen der Krise nur selten bei sich selbst suchen. Schuld sind meistens die anderen: Hasan Ismaik, der über Jahre Millionen investiert hat. Oder Medien wie dieblaue24, die Entwicklungen kritisch begleiten.
Dabei gehört Kritik zum Journalismus. Unsere Aufgabe ist es nicht nur, Beifall zu spenden. Unsere Aufgabe ist es, hinzuschauen, Fragen zu stellen und Entwicklungen einzuordnen. Das machen wir seit 15 Jahren in der db24-Welt. Unabhängig. Direkt. Manchmal unbequem. Aber niemals mit dem Ziel, dem TSV 1860 zu schaden, sondern den Protagonisten den Spiegel vorzuhalten.
Wer heute so tut, als seien Kritiker das Problem des Vereins, verwechselt Ursache und Wirkung. Die wirtschaftliche und sportliche Situation des TSV 1860 ist nicht wegen kritischer Berichterstattung entstanden. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen, die Verantwortliche selbst getroffen haben und tiefe Millionen-Löcher verursacht haben. Entscheidungen, deren Folgen inzwischen für jeden sichtbar sind.
Welche Note geben Sie 1860-Funktionär Nicolai Walch für sein Wirken der letzten neun Jahre?
Und nein: Ich werde diesen Verein nicht verlassen. Sechzig ist mein Verein. Als Reporter und Fan. Niemand wird mich vertreiben. Niemand wird mich einschüchtern.
Auch die Diskussion um den Kommentarbereich von db24 ändert daran nichts. Wir investieren seit langer Zeit erhebliche Ressourcen in Moderation und technische Schutzmechanismen. Rechtswidrige Inhalte werden gelöscht. Nutzerdaten werden ausschließlich auf gesetzlicher Grundlage oder auf Anordnung der Justiz herausgegeben - und nicht, wenn Vize-Präsident Peter Schaefer meint, er könne diese Rolle ausfüllen.
Gleichzeitig sollte jeder, der bei 1860 über Hass und Hetze spricht, den Blick nicht nur auf das Internet richten. Grenzüberschreitungen gibt es leider auch Woche für Woche im Stadion auf Plakaten. “Ganz Giesing hasst die Polizei.” Oder: “Ossi-Schweine!” Genauso ist das Anti-Ismaik-Plakat ein No-Go. Die Kondome mit dem Ismaik-Gesicht auf der MV. Wer glaubwürdig sein will, muss beides gleichermaßen verurteilen. Das geschieht bei 1860 aber nicht. Warum? Kann sich jeder ausdenken.
Besonders gefreut hat mich die Reaktion vieler Fans nach der Mitgliederversammlung. Zahlreiche Löwen-Anhänger haben sich bei mir gemeldet und sich ausdrücklich von den Aussagen Walchs distanziert. Dafür möchte ich mich herzlich bedanken.
Denn die Debatte dreht sich längst nicht mehr nur um Hasan Ismaik oder Oliver Griss. Sie dreht sich um die Frage, ob beim TSV 1860 unterschiedliche Meinungen noch akzeptiert werden. Ob Kritik erlaubt ist. Ob Journalisten ihre Arbeit machen dürfen, ohne öffentlich an den Pranger gestellt zu werden. Und ich sage klipp und klar: Beide Gesellschafter haben uns in diese bedauerliche Situation manövriert. Sowohl der e.V. als auch Ismaik stehen in der Verantwortung.
Dass Nicolai Walch ausgerechnet jene Personen anwaltlich vertritt, die mich in Fotomontagen als nackten Sumo-Ringer darstellen, mich in die Nähe der NPD rücken oder seit Jahren versuchen, die Marke „dieblaue24“ beim Deutschen Patent- und Markenamt löschen zu lassen, steht sinnbildlich für das neue Sechzig.
Ebenso bezeichnend ist der Umgang mit dem ehemaligen Vize-Präsidenten Hans Sitzberger. Der Unternehmer berichtete öffentlich, er sei nicht nur massiv unter Druck gesetzt worden, sondern man habe ihm sogar Senilität unterstellt. Seine Konsequenz daraus war ein vernichtendes Urteil: „Der Verwaltungsrat ist Gift für den Verein.“ Walch war bis gestern Teil dieses Gremiums.
db24 wird auch trotz Walchs jüngster glorreicher Rede weiter kritisch über den TSV berichten. Gestern verfolgten über 50.600 Netto-Leser die db24-Berichterstattung rund um die MV: Wer gegen db24 ist, stellt sich somit auch gegen das eigene Publikum.
Wir werden weiterhin Fragen stellen. Wir werden weiterhin Missstände benennen. Und wir werden weiterhin unabhängig bleiben. Nicht weil es allen gefällt. Sondern weil genau das die Aufgabe von Journalismus der alten Schule ist.






