Braucht 1860 die Zweite Liga zum Überleben?
- VON HUBERTUS NIEDERMAIR UND STEFAN MATZKE (FOTO)
- 19.02.2026 14:27
- 5 Minuten Lesezeit
- 74 Kommentare
VON HUBERTUS NIEDERMAIR UND STEFAN MATZKE (FOTO)
Die Saison des TSV 1860 München lässt sich bisher nur schwer zusammenfassen. Nach 24 Spieltagen steht der Klub auf Rang acht der Dritten Liga und damit im Mittelfeld der Tabelle, mit überschaubarem Rückstand nach oben und ohne beruhigenden Abstand nach unten. Es gab überzeugende Auftritte wie beim 5:0-Schützenfest gegen den TSV Havelse oder Rückschläge wie beim 1:2 gegen den VfB Stuttgart II.
Diese Mischung prägt die Diskussion rund um einen möglichen Aufstieg. Die Frage lautet, ob die aktuelle sportliche Realität überhaupt zu einem schnellen Schritt in die Zweite Bundesliga passt. Der Saisonverlauf liefert bislang eher Hinweise auf Entwicklung als auf unmittelbare Reife, was die Bewertung zusätzlich erschwert. Auffällig ist zudem, dass sich Erwartungen und tatsächliche Leistungsfähigkeit immer wieder voneinander lösen. Diese Diskrepanz prägt den Blick auf die Tabelle stärker als einzelne Ergebnisse.
Aktuelle Tabellenlage und die “Nähe” zu den Aufstiegsplätzen
Der achte Tabellenplatz steht für ein klassisches Mittelfeldszenario in einer Liga, die in dieser Saison ausgeglichen wie nie ist. Der Rückstand auf die Relegationsplätze ist mit sieben Punkten noch überschaubar, was den Blick nach oben offen hält. Gleichzeitig ist der Vorsprung auf die untere Tabellenhälfte nach dem vergangenen Wochenende auf 12 Punkte angewachsen.
Für einen ernsthaften Angriff auf die oberen Plätze fehlt bislang eine Phase, in der Ergebnisse und Leistungen über mehrere Wochen hinweg zusammenpassen. Solange diese Serie ausbleibt, bleiben auch die Aufstiegsplätze ein Wunschszenario. Die Einordnung schwankt dadurch von Spieltag zu Spieltag. Im Heimspiel gegen Hansa Rostock (Sonntag, 13.30 Uhr) könnte - aufbauend auf das 5:0 gegen Havelse - eine neue Serie gestartet werden.
Finanzielle Chancen und Risiken eines Aufstiegs
Abseits des Platzes ist die Lage mindestens ebenso komplex. Die 2. Bundesliga bietet wirtschaftlich deutlich bessere Rahmenbedingungen als die 3. Liga, vor allem durch höhere TV-Einnahmen und größere mediale Präsenz. Diese Faktoren können langfristig helfen, Strukturen zu stabilisieren und Spielräume zu erweitern. Gleichzeitig steigen die Kosten spürbar an. Gehälter, Organisation und Infrastruktur müssen mit dem höheren Niveau Schritt halten. Der finanzielle Druck nimmt zu, weil Investitionen schneller Ergebnisse liefern müssen. Ein Aufstieg ohne ausreichende Absicherung würde neue Abhängigkeiten schaffen, anstatt nachhaltige Stabilität zu bringen. Wirtschaftlicher Fortschritt entsteht durch die Fähigkeit, deren Anforderungen dauerhaft zu erfüllen. An diesem Punkt entscheidet sich, ob sportlicher Erfolg trägt oder belastet. Kurzfristige Mehreinnahmen ersetzen keine tragfähige Planung. Fehlentscheidungen wirken auf diesem Niveau schneller und nachhaltiger.
Sponsoren, Vermarktung & Finanzierung
Ein wesentlicher Teil dieser wirtschaftlichen Betrachtung betrifft den Sponsorenmarkt. Sponsoren setzen auf Klarheit, Stabilität und eine nachvollziehbare sportliche Perspektive. Unsichere Entwicklungen oder häufige Richtungswechsel wirken abschreckend. Auch dieser Aspekt zeigt, dass ein Aufstieg allein kein Selbstläufer ist.
Im Fußball gibt es einige Branchen, die sich als zahlungskräftig erwiesen haben. So macht fast jedes Team in der 1. und 2. Bundesliga Werbung für Bier, Sportwetten, eine Spielothek, Versicherungen oder einen lokalen Hidden Champion. Insbesondere für einen Zweitligisten können neue Partnerschaften zu verbesserten Konditionen einen relevanten Beitrag zur Finanzierung leisten. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Professionalität und Außendarstellung. Erst das Zusammenspiel aus sportlicher Substanz, glaubwürdiger Planung und verlässlicher Außendarstellung macht einen Klub dauerhaft attraktiv. Fehlt eines dieser Elemente, verliert selbst größere Reichweite schnell an Wert. Die wirtschaftliche Tragfähigkeit hängt damit direkt an der sportlichen Glaubwürdigkeit.
Schwankende Leistungen als zentrales sportliches Problem
Der sportliche Verlauf erklärt diese Tabellenposition fast von selbst. Auf Spiele mit klarer Struktur und guter Balance folgen Auftritte, in denen Sicherheit und Ordnung verloren gehen. Gerade auswärts zeigt sich immer wieder, wie anfällig das Spiel wird, wenn der Gegner den Rhythmus bestimmt. Es entsteht kein Eindruck von grundsätzlicher Überforderung, wohl aber von fehlender Verlässlichkeit.
Einzelne Spieler können Partien prägen, doch das Mannschaftsgefüge trägt diese Leistungen nicht konstant. Über eine komplette Saison reicht das für solide Ergebnisse, nicht jedoch für eine klare Bewegung in Richtung Spitze. In der 3. Liga lässt sich diese Form von Unbeständigkeit kompensieren, weil viele Teams ähnliche Probleme haben. Eine höhere Liga würde diese Schwankungen deutlich härter bestrafen, da Fehler schneller zu Gegentoren führen und kleine Unsicherheiten größere Folgen haben.
Kaderbreite, Verletzungen und die Grenzen der Belastbarkeit
Hinzu kommt eine personelle Situation, die den Spielraum zusätzlich einschränkt. Über längere Zeit fehlten zahlreiche wichtige Spieler wie Jesper Verlaat oder Tunay Deniz, was immer neue Anpassungen erforderlich machte und gewachsene Abläufe störte. In einem Kader, der nicht auf Überfluss ausgelegt ist, verschiebt sich dadurch das Gleichgewicht spürbar. Stammkräfte müssen mehr Verantwortung übernehmen, Einsatzzeiten verlängern sich, Pausen werden kürzer.
Training und Regeneration geraten in ein Spannungsverhältnis, das sich nicht beliebig auflösen lässt. Diese Belastung zeigt Wirkung, sowohl in der Intensität der Spiele als auch in der Stabilität über 90 Minuten. Die aktuelle Saison liefert damit einen realistischen Eindruck davon, wie eng kalkuliert das personelle Fundament ist.
Für die Zweite Liga würde ein solcher Kader kaum ausreichen, da Tempo, Physis und Spielrhythmus im Grünwalder Stadion nochmals deutlich anziehen würden. Die Verletzungsphase wirkt damit wie ein Stresstest unter realen Wettbewerbsbedingungen. Sie legt offen, wie begrenzt die personellen Reserven tatsächlich sind. Gleichzeitig wird sichtbar, wie schnell Stabilität verloren gehen kann.
Braucht 1860 die Zweite Liga?
Am Ende führt die Betrachtung aller Ebenen führt zu dieser Analyse: Sportlich zeigt sich, dass man mit den Topteams durchaus mithalten kann, aber aufgrund von Verletzungssorgen, Schiedsrichter-Entscheidungen und Formschwankungen bedauerlicherweise die Kontinuität fehlt. Wirtschaftlich bleibt die 2. Bundesliga mittelfristig wichtig, um sich aus dem Non-Profit-Geschäft Dritte Liga zu verabschieden. Mit einem Aufstieg könnte 1860 ganz anders wachsen. Aber ist dies auch allen Beteiligten bewusst? Seit 2018 versucht der Löwe in die Zweite Liga zurückzukehren - bislang erfolglos.






