VON OLIVER GRISS; MARCO BLANCO UCLES UND IMAGO

2023 steht beim TSV 1860 eine Menge auf dem Spiel…

Vieles hängt davon ab, ob der Löwe im Mai nach sechs Jahren Abstinenz wieder in die Zweite Bundesliga zurückkehrt. Neben den sportlichen Themen wird vor allem die Stadionfrage richtungsweisend für Sechzig werden. Wir haben eine - nicht ganz ernst gemeinte Vorschau auf das Löwen-Jahr 2023 gewagt:

Januar: Der Löwe bricht ins Trainingslager nach Belek auf. Und siehe da: Auch Präsident Robert Reisinger taucht vor Ort auf - und das trotz seiner öffentlich geäußerten Bedenken: Zu teuer! Zu fan-unfreundlich! Die Bedenken scheinen wie verflogen bei ihm - munter geht Reisinger seiner großen Leidenschaft nach - dem Golfen. Zuschauer sind übrigens nicht zugelassen. Nicht besonders fan-freundlich. Als db24 ein Bild von Reisinger auf dem Golfcart machen will, sagt Reisinger staatsmännisch: “Sie sind kein Journalist, sondern ein Blogger! Lassen Sie mich in Ruhe. Ich bin der Präsident.” An Reisingers Seite: Der umtriebige Vereinsanwalt Guido Kambli, ein Relikt aus der guten alten Wildmoser-Zeit. Er grinst. Anwaltsbriefe bringen schließlich Kohle. Wieder in München steht für Reisinger und die anderen Löwen-Verantwortlichen der nächste Stadion-Gipfel im Rathaus an. Ergebnis: Es gibt kein Ergebnis. Dieses soll im Februar verkündet werden - am 29. Februar, munkelt man in Insiderkreisen. Aus Rio verkündet Löwenstüberl-Wirt Benedikt Lankes: “Ich sperre das Stüberl erst wieder im Mai auf - kein Umsatz!”Die Drittliga-Profis gewinnen derweil ihren Auftakt in Mannheim derweil mit 3:1. Doppelter Torschütze ist dabei Joseph Boyamba, der Ex-Mannheimer. Und das obwohl Trainer Michael Köllner ihn in den Augen vieler Fans wieder einmal auf der falschen Position hat spielen lassen - diesmal als Linksverteidiger. Die Schulterklopfer auf dem Rasen fehlen, allen voran Präsident Robert Reisinger. Geschäftsführer Marc Pfeifer flüstert dem wiedergenesenen Allesfahrer Svend Friderici auf der Tribüne ins Ohr: “Der Präsident ist beim Golfen in Südafrika - du weißt doch: Volkssport und so…” Als in den letzten Tagen des Monats angesichts des immer noch fehlenden Neuzugangs so langsam Panik an der Grünwalder Straße 114 ausbricht, suchen die Löwen öffentlich nach Verstärkungen. Die einzige eingegangene Bewerbung: Sascha Mölders, ehemaliger Drittliga-Kultstürmer des TSV. Einzige Bedingung des 37-Jährigen: “Ivonne braucht einen Job als Teammanagerin.” Der Deal scheitert. Stattdessen verkündet Günther Gorenzel, dem vorhandenen Kader zu vertrauen: “Wir haben die Balance.”

Februar: Sportlich läuft es für die Löwen hervorragend. Nach Siegen gegen Oldenburg (1:0), Meppen (4:0) und Verl (2:1) sowie einem Remis in Halle (1:1) steht 1860 auf Rang zwei. Vor allem der Triumph im Emsland sorgt für Aufsehen. Die Meppener sind so dermaßen chancenlos, dass ein besorgter Spielervater nach dem Abpfiff seinem Filius zuruft: ´Marvin, wir gehen!´ Abseits des grünen Rasens gibt es tatsächlich einen Durchbruch in der Stadion-Debatte. Das Rathaus verkündet völlig überraschend: Das Grünwalder Stadion wird auf 30.000 Plätze ausgebaut! Einzige Bedingung: Rund um das Spielfeld wird bei der Renovierung eine breite Tartanbahn errichtet. Klare Meinung am Grünspitz: Das ist egal. Ob mit oder ohne Tartanbahn: Fußballstadion bleibt Fußballstadion. Macht Sinn. In der Zeit des Umbaus soll 1860 ins altehrwürdige Olympiastadion umziehen. Auch wenn keine andere Alternative bleibt, murren einige: “Das Oly ist ein Leichtathletikstadion, wie soll dort Stimmung aufkommen?” Die Freunde des Sechzgerstadions nennen exemplarisch ein Beispiel: “Wisst ihr noch, als im DFB-Pokal gegen Bochum 5000 Fans nach Oberwiesenfeld kamen - und verloren haben die Löwen auch noch.” Ein Löwen-Influencer, früher in der Leichtathletikabteilung aktiv, schreibt eine Serie zur Stadion-Debatte. Vize-Präsident Hans Sitzberger stiftet voller Begeisterung eine Werbebande fürs nächste Heimspiel, während Hasan Ismaik samit Trainer Michael Köllner zum Papst nach Rom fliegt.

März: Nach dem Remis in Halle Ende Februar sorgt eine große deutsche Zeitung für Unruhe in München-Giesing. Angeblich soll die nächste Partie gegen Köln bereits ein Endspiel für Trainer Köllner sein. Das veranlasst Gorenzel zu seinem ersten PK-Auftritt seit Anfang November, als er seinem Trainer öffentlich den Rücken stärken musste, nachdem eine große deutsche Zeitung von einem Endspiel für den Löwen-Coach gegen Essen schrieb. Zwei Tage vor dem Köln-Spiel stärkt nun Gorenzel seinem Trainer den Rücken, es gäbe kein Ultimatum. Die kommenden Wochen festigt 1860 seine Position in den Aufstiegsrängen. Aber: In Duisburg gewinnt Sechzig nur mit 3:1. Nach dem 6:0-Auswärtssieg aus der Vorsaison fragen sich natürlich viele Köllner-Kritiker: Wo ist da eine Weiterentwicklung der Mannschaft zu erkennen? Das Spitzenspiel gegen die SV Elversberg entwickelt sich zu einem atemberaubendem Schlagabtausch - 3:3 am Ende. Bär trifft doppelt, ehe Schnellbacher (2x) und Rochelt die Saarländer in Führung bringen. Die sieben Auswärtsfans feiern schon den wichtigen Dreier im Aufstiegsrennen. Doch in der Schlussminute rettet der eingewechselte Kevin Goden den Löwen einen Punkt. Der eigentlich aussortierte Goden war nur in das Team gerutscht, weil eine Corona-Welle die Sechzger heimgesucht hat, auch Köllner liegt flach. Und nachdem auch Busfahrer Schorsch und Teammanager Fatih Aslan nicht einsatzbereit sind, nimmt Co-Trainer Stefan Reisinger Goden tatsächlich mit auf die Bank. In der Hoffnung, dass Köllner davon nichts mitbekommt. Das ist durch den Treffer des Ex-Nürnbergers natürlich hinfällig. Der einzige Makel dieses wichtigen Last-Minute-Ausgleichs.

April: Marc Pfeifer präsentiert einen neuen Sponsor: Es ist das Unternehmen Pyro Piraten aus Stuttgart. Teile der aktiven Fanszene zeigen sich begeistert. Endlich können sie einen normalen Spieltag ausschließlich mit Hilfe von Löwen-Sponsoren zelebrieren - und müssen sich mit den Beuteln sammeln. Die Pyro Piraten sorgen für das Feuerwerk im Block, mit mehreren Hacker-Pschorr wird sich zudem in den Stunden vor dem Anpfiff auf Betriebstemperatur gebracht. Ebenfalls unerlässlich für eine geile Party im Stadion: Die grünen Blüten zum Rauchen. Natürlich nur von Löwen-Sponsor DRAPALIN Pharmaceuticals GmbH, ist doch Ehrensache. Auf dem Platz halten sich die Sechzger die Konkurrenz weitesgehend vom Leib, bleiben gegen Ingolstadt, Saarbrücken, Osnabrück und Wiesbaden ohne Niederlage, gewinnen allerdings auch nur einmal. Die einzige Niederlage im April setzt es daheim gegen die SpVgg Bayreuth. Gegen die Oberfranken gibt es im Grünwalder Stadion eine saftige 0:3-Niederlage (Torschützen: Markus Ziereis, Felix Weber und Nico Andermatt). Köllner resigniert vor dem abgeschlagenen Tabellen-Schlusslicht: “Gegen die ist einfach kein Kraut gewachsen.” Mit zwei Zählern Vorsprung geht Sechzig mit einer exzellenten Ausgangslage in die letzten vier Spiele - die Euphorie ist grenzenlos. Pressesprecher Rainer Kmeth: “Wir planen die Aufstiegsfeier auf dem Dach des Löwen-Stüberls.”

Mai: Vier Spieltage vor dem Ende stolpert 1860 vor heimischem Publikum gegen Freiburg II - 0:0. Immer noch auf Platz zwei liegend geht der Löwe punktgleich mit Saarbrücken in die letzten drei Partien. Im Gastspiel bei Rot-Weiss Essen feiern die Fans ihr ganz persönliches Erfolgserlebnis. Nachdem beide Vereine nach dem Hinrunden-Spiel (1:1) zusammengerechnet 27.700 Euro an Pyro-Strafen an den DFB überweisen mussten, legen sie dieses Mal noch einen drauf: 32.500 Euro! Großartige Leistung der Fanlager, die wiedermal zeigt: In den Farben getrennt, in der Sache vereint! Achja, das Spiel endet 2:2. Hat nur fast niemand gesehen, zu viel Rauch. Immerhin: Saarbrücken spielt ebenfalls nur remis. Da die Saarländer auch am vorletzten Spieltag patzen, ist durch den Löwen-Sieg gegen Mannheim klar: Bereits ein Punkt in Zwickau reicht zum Zweitliga-Aufstieg. Lange liegt 1860 hinten, doch dann rettet der hoch aufgeschossene Semi Belkahia 18,60 Sekunden vor dem Ende der regulären Spielzeit das Unentschieden. Sechzig ist zurück in der Zweiten Liga! Belkahia - 1,93 Meter groß - ist der gefeierte Held. Und endlich wird allen Fans klar, was Köllner mit dem Satz ´Im Mai werden wir etwas Großes feiern´ gemeint hatte. Die Gästefans stürmen auf den Platz, es gibt kein Halten mehr. Gorenzel löst in dieser großen Euphorie seine Wette ein, sich die Haare abzurasieren und verkündet vor laufender Kamera die Vertragsverlängerung mit Köllner um weitere drei Jahre. In Giesing ist die Hölle los, die Nacht wird zum Tag gemacht. Am Sonntag dann folgt die große Party auf dem Rathausbalkon - vor 40.000 euphorisierten Löwenfans. Dass es nicht mehr werden, liegt daran, dass einige hundert Hartgesottene auf dem Candidberg ausharren und auf die Mannschaft warten. “Sechzig gibt´s nur in Giesing, Oida!” Blöd nur, dass sie umsonst warten. Am Marienplatz will Köllner gerade das Mikrofon ergreifen, als Reisinger ihm zuruft: “Denk doch daran, was ich dir geraten habe!” Der Coach verzichtet auf eine Ansprache zu den wartenden Fans. Schweigen ist Gold! Reisinger, neben ihm Oberbürgermeister Dieter Reiter im aufreizend roten Pulli, schnappt sich das Mikro und stimmt an: “Scheiß FC Bayern.” Die Mannschaft verlässt geschlossen den Rathausbalkon: “Wir sind der Verein.” Kapitän Stefan Lex, der sich bei den ausgiebigen Feierlichkeiten unglücklicherweise einen Hexenschuss im Rücken zugezogen hat, verkündet, dass er nun doch noch ein Jahr dranhängen möchte. Und gibt damit - wie so häufig auf dem Platz auch - die Vorlage für weitere Sechzger. Auch Steinhart und Wein dürfen bleiben, auf ihre Erfahrung wird gesetzt. Es ist ein einziger Party-Marathon, der in der VIP-Alm auf dem Trainingsgelände noch bis zum Dienstag weitergeht. Und Vizepräsident Hans Sitzberger? Der kehrt hinterher zam.

Juni: Hasan Ismaik lässt sich erneut in München blicken, macht einen Tag Halt in der bayerischen Landeshauptstadt und trifft sich mit den Löwen-Verantwortlichen. Interessiert betrachtet er die in den Garagen für den Winter verräumte Anlage der Rasenheizung. Pfeifer sagt stolz: “Manchmal funktioniert sie sogar!” Reisinger lässt sich entschuldigen, der ist lieber beim Golfen. Mitgliederwerbung - inzwischen sind es sogar 39 zahlende Mitglieder in der Volkssport-Abteilung Golf. Die Löwen sind in der ganzen Welt verstreut, doch an der Grünwalder Straße 114 laufen die Saisonvorbereitungen auf Hochtouren. Und tatsächlich: Am 10. Juni verkündet 1860 die Sensation: Kevin Volland, der bei AS Monaco in Ungnade gefallen ist, kehrt zu seinem Jugendclub zurück. Er unterschreibt einen Zwei-Jahres-Vertrag. Vollands Bedingung: Auch Bruder Robin (aktuell FC Unterföhring) braucht einen Profivertrag. Als Gorenzel auf seinem Smartphone die Nummer von Stefan Aigner aufleuchten sieht, lehnt er das Gespräch ab. Es bleibt nicht die einzige Rückholaktion des Sommers: Auch Florian Niederlechner läuft künftig wieder für Sechzig auf. Top-Talent Leandro Morgalla hingegen kann trotz des Aufstiegs nicht gehalten werden, wechselt zu Borussia Dortmund. Im Tausch dafür bekommt 1860 Felix Passlack. Erinnerungen werden wach an den legendären Rukavina-Bender-Tausch. Der Löwe lernt dazu - das steht fest. Der Trainingsstart wird nach hinten verschoben - Klima-Aktivisten kleben sich vor den Eingang des Trainigsgeländes. Sitzberger rückt an, die Polizei hindert ihn in letzter Sekunde am Zamkehren. Braun gebrannt kehren die Aufstiegs-Helden aus dem wohlverdienten Urlaub zurück, die Sommer-Vorbereitung beginnt. Martin Kobylanski kommt mit einem sauberen Bäuchlein zurück. Die KGaA sieht sich indes wieder einmal gezwungen, über die Markenrechte des Vereins aufzuklären. Einige hatten den Post des Vorjahres offenbar nicht wiedergefunden. Merchandising-Chef Anthony Power geht eine Design-Kooperation mit dem Münchner Mode-Label “Distorted People” ein. Als Saisonziel gibt 1860 aus, eine bessere Rolle als in der Vorsaison spielen zu wollen.

Juli: Sechzig reist wieder ins Trainingslager nach Windischgarsten. Nach einer spektakulären Pyro-Show in einem urigen Wirtshaus müssen jedoch einige der Anhänger verfrüht abreisen. Sie werden von der Polizei bis an den Walserberg nahe Salzburg eskortiert. Wenige Tage später entschuldigen sie sich in einem öffentlichen Brief. Alles gut Jungs, kann ja mal passieren. Volland zeigt sich derweil in einer beeindruckenden Frühform, schießt ein Tor nach dem anderen in den Testspielen. Marcel Bär, der kurz zuvor seinen Vertrag verlängert hatte, harmoniert bestens mit dem Ex-Hoffenheimer - ein neues Traumduo ist geboren. Präsident Reisinger derweil nutzt das Trainingslager auch dazu, etwas vom Alltagsstress abzuschalten. Mit einigen Fans aus der Ultra-Szene feiert der Ober-Löwe nachts im Hotelpool, Fanbindung nennt man so etwas. Der offizielle Fanabend der Löwen indes ist eher spärlich besucht. Ob es an dem Schnapperpreis von 186 Euro für das Buffet liegt, ist nicht überliefert. Allesfahrer Roman Wöll, der zusätzlich für 26 Fans gebucht hatte: “Mich sieht Windischgarsten nicht mehr.” Und Gastronom Horst Dilly poltert: “Mir reicht’s auch.” Der Spielplan ist da - das Derby gegen den 1. FC Nürnberg ist das Eröffnungsspiel der Zweiten Liga. Die Telefonleitung an der Grünwalder Straße 114 steht nicht mehr still. 70.000 Anfragen aus ganz Deutschland. Reisinger: “Wir bleiben im Grünwalder Stadion - mit 15.000 Fans ist es gmiatlicher als in einer Arena. Das muss auch mal gesagt werden.” Die Polizei schaltet sich ein. Aus Sicherheitsgründen wird das Bayern-Derby am 28. Juli ins altehrwürdige Olmypiastadion verlegt. Die Faninitiative Pro1860 verschickt - kurz nach Bekanntgabe - eine Pressemitteilung: “Reisinger darf das nicht zulassen! Er muss sich mit 50+1 durchsetzen, ansonsten werden wir vorschlagen, dass Sebastian Seeböck oder Sascha Königsberg das Präsidentenamt bei 1860 übernimmt.” Die Löwen triumphieren über Nürnberg, gewinnen vor 58.000 Fans im Olympiastadion mit 3:0. Kevin Volland erzielt alle drei Tore. Bundestrainer Hansi Flick: “Bei der nächsten WM ist Kevin dabei.” Oberbürgermeister Dieter Reiter verkündet bei der Stadtratssitzung euphorisiert: “Ich sehe 1860 langfristig im Olympiastadion.” Sport-Bürgermeisterin Verena Dietl: “Dieter, aber der Blick nach Giesing rein fehlt…”

August: Die Löwen können sich vor Dauerkarten-Anfragen kaum noch retten. 12.500 Saisontickets sind seit Wochen verkauft, aber die selbe Zahl könnte Pfeifer nochmal absetzen. Die Funktionäre spüren die ganze Wucht von 1860. Anthony Power fordert Pfeifer mit deutlichen Worten im dritten Stock der Geschäftsstelle auf, sofort eine Lösung zum Wohle von 1860 zu finden. Pfeifer raucht der Kopf und verlässt sein Büro. Der Schwabe läuft die Treppen herunter und sprintet zu seinem Dienstwagen. Er holt seine Sportklamotten aus dem Auto: “Ich muss jetzt erstmal trainieren.” Am Abend schlägt Pfeifer eine Lösung vor: “Die Bayerische wird uns helfen.” Wie funktioniert der Plan? Der Sponsoren-Vertrag soll vorzeitig um zwei Jahre verlängert werden - im Gegenzug gibt es 300.000 Euro on top für einen weiteren Neuzugang. Aufsichtsratsboss Saki Stimoniaris schaltet sich ein, weil er von Pfeifers Vorschlag nicht überzeugt ist: “Nicht mit mir! Jetzt ist Schluß mit dem Giesinger Zirkus!” In der 1. Runde des DFB-Pokals gastieren die Löwen bei Drittliga-Absteiger SpVgg Bayreuth (über Wildcard in der Fairness-Tabelle qualifiziert) - mit einer Sondergenehmigung kommen über 12.000 Fans. Die Löwen verlieren gegen ihren neuen Angstgegner erneut. Mit 0:1 nach 120 nerven-aufreibenden Minuten. Der nach Oberfranken abgeschobene Köllner-Stiefsohn Alex Freitag schießt das goldene Tor gegen 1860. Mit einem Freistoß. Im Hause Köllner hängt der Haussegen schief. In der Liga läuft’s wesentlich besser: Die Löwen bleiben unbesiegt, stehen nach drei Unentschieden und zwei Siegen auf Platz vier - ein Punkt hinter dem Relegationsplatz. Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik verkündet auf seinem Facebook-Profil: “Der Profifußball ist 1860.”

September: Robert Reisinger ist wiedermal wütend auf Ismaik - und fordert die KGaA auf, endlich die Turnhalle zu bauen: “Die Verträge sind rechtsbindend - uns steht eine Heimat an der Grünwalder Straße 114 zu.” Die HAM-Anwälte schreiben zurück und genehmigen die Pläne - allerdings mit einem Einwand: “Wir bauen die Turnhalle, dort, wo sie vorgesehen war. Wir benutzen die alten Pläne von Ex-Präsident Karl-Heinz Wildmoser.” Der kleine, aber feine Haken: In diesem Bereich steht inzwischen die VIP-Alm. Geschäftsführer Pfeifer braucht Urlaub. Er weiß: Verschwindet die VIP-Alm, kann 1860 seine Edel-Fans nicht mehr bewirten. Die Löwen in der Zwickmühle. Die Mitgliederversammlung wird überraschenderweise von der Zenith-Halle in die VIP-Alm verschoben. Die Begründung von Geschäftsstellen-Leiter Ekki Krebs: “Die Zenith-Halle war zu teuer.” Nur 88 Mitglieder von 20.000 stimmberechtigten Mitglieder kommen am Ende, auch weil die Profis zeitgleich beim FC St. Pauli spielen und mit 0:2 das erste Mal in der Aufstiegssaison verlieren. Reisinger begründet die Minusbeteiligung an der MV in seiner speziellen Betrachtung: “Die anderen sind alle zufrieden mit unserer Arbeit - glaubt nicht den Internet-Maulhelden.” Noch am selben Tag sickert durch, dass ein Antrag bezüglich einer Online-Versammlung, der fristgerecht eingereicht und auch von einem Anwalt geprüft wurde, nicht zugelassen worden ist. Das langjährige Löwen-Mitglied wendet sich an die Familie Ismaik - und nimmt sich zudem Rechtsbeistand. Ein weiterer Satzungsänderungsantrag, künftig aus mehreren Präsidentschafts-Kandidaten aussuchen zu können, wird auf der Versammlung von 45 (!) Mitgliedern, also mit der Mehrheit, abgelehnt. Reisinger: “Wir müssen das erst ausarbeiten - das dauert.”

Oktober: Die Löwen gehen als Tabellendritter auf die Wiesn, ins Hacker-Zelt “Himmel der Bayern” - die Stimmung ist anfangs prächtig. Aber dann kommt’s zu einer Auseinandersetzung: Auf der Empore maßregelt Präsident Reisinger Trainer Köllner, mit wem er bei 1860 sprechen dürfe und mit wem nicht. Petra Freitag, die Trainer-Gattin, steht auf und verlässt das Bierzelt. Die Stimmung ist angespannt, auch Oberbürgermeister Dieter Reiter, der am selben Tisch wie Köllner und Reisinger sitzt, kann nicht vermitteln: “Also beim FC Bayern machen wir das so… leider wird 1860 immer ein Turnverein bleiben.” Reiter ist die Atmosphäre sichtlich unangenehm, zieht weiter und sagt im Vorbeigehen zu den wartenden Reportern: “Die Löwen stehen sich immer wieder selbst im Weg.” Als Reiter weg ist, taucht plötzlich viel zu spät Ismaik auf. Er wird im Maybach vorgefahren. Ismaik: “Wo ist der Oberbürgermeister? Ich wollte mit ihm übers neue Stadion sprechen.” Nach dem Wiesn-Besuch gewinnen die Löwen im Oktober kein Spiel mehr. Gegen Sandhausen setzt es vor 15.000 Zuschauern auf Giesings Höhen eine niederschmetternde 0:4-Heimpleite. Aber: Wenigstens die Fans haben ihren Spaß. Es brennt lichterloh in der Westkurve. Die Geschäftsführung schweigt zu den Vorfällen - und hofft, dass das Thema schnell wieder an 1860 vorbeizieht. Routine.

November: Geschäftsführer Marc Pfeifer hat eine neue Idee, um den Umsatz bei 1860 zu steigern. Die Becherkinder im Grünwalder Stadion sollen ab dem nächsten Spieltag das Pfand bei der KGaA abgeben, damit das Trainingslager im Winter in Dubai gesichert ist. Beim 2:2 gegen Heidenheim (Doppel-Torschütze Jesper Verlaat) scheitert jedoch der Versuch, die Kinder boykottieren den Pfeifer-Vorschlag. Reisinger: “Das war von vornherein eine Totgeburt, ein Schmarrn. Ich habe auch meinen Sohn gefragt. Und überhaupt: Wie kann man darauf kommen, in ein Trainingslager nach Dubai zu fliegen? Viel zu teuer! Was wollen wir als deutscher Traditionsverein dort? Wir sind ein Giesinger Stadtteilverein.” Die Geschäftsführung lässt die Kritik des Präsidenten wieder einmal kommentarlos über sich ergehen. Es sickert aber durch, das Dubai wesentlich günstiger ist als das Türkei-Trainingscamp im Januar im Regnum Cayra. Der Grund: Michael Köllner hat Kontakt zum Stadtklub Al-Nasr Sports Club (mit Ex-Löwe Djordje Rakic) - die Löwen können auf der herrlichen Anlage preisgünstig trainieren. Im Gegenzug verlangt der Dubai-Verein allerdings ein Testspiel mit der Bedingung, dass 1860 mit allen Stars antritt.

Dezember: Stürmer-Star Kevin Volland ist sauer, kommt einen Tag vor Nikolaus überraschend in die Pressekonferenz - der Grund: Die schwierigen Bedingungen an der Grünwalder Straße 114. “So ist das nicht professionell”, schäumt der Nationalspieler vor Wut: “Das habe ich mir anders vorgestellt: Kein warmes Wasser! Der Whirlpool ist seit Monaten kaputt. Ich spreche im Namen der Mannschaft. Diese Zustände - das ist nicht 1860-like. Sogar bei meinem Heimatverein FC Thalhofen haben wir bessere Möglichkeiten.” Pressesprecher Rainer Kmeth informiert kurzfristig Sport-Geschäftsführer Günther Gorenzel, der wenige Minuten nach dem Volland-Beben selbst im Pressehäuschen erscheint: “Ich bin seit über 20 Jahren im Geschäft - und kann das nur bestätigen. Selbst in Russland hatten wir es besser. Aber das ist nicht mein Aufgabengebiet, ich werde das umgehend mit Marc Pfeifer besprechen.” Mit einem 3:2-Heimsieg vor 58.000 Zuschauern im Olympiastadion über Bundesliga-Absteiger Schalke 04 verabschiedet sich der TSV 1860 auf Platz 5 in die Winterpause. Pfeifer frohlockt in seiner Video-Botschaft auf Tiktok: “Durch die Zusatzeinnahmen - ausgelöst durch die 12+5-Regel mit dem Olympiastadion können wir in der Transferperiode erstmals zwei Spieler selbst finanzieren. Ich muss gestehen, ich habe die Dynamik der Löwen-Fans unterschätzt. Und außerdem will ich verkünden, dass wir erstmals in der Geschichte des TSV 1860 das Weihnachtssingen im Grünwalder Stadion selbst organisieren.” Die Kultstätte ist zwei Tage nach dem Start des Kartenvorverkaufs mit 15.000 Besuchern ausverkauft - singen werden u.a. die Sportfreunde Stiller, OB Dieter Reiter und Roland Hefter. Versüßt wird der Weihnachtsfrieden mit dem schnellen Umwandeln der Kredite von Mehrheitsgesellschafter Ismaik in Genußscheine - somit steht die Fortführungsprognose auch fürs nächste Jahr. Die, die darauf gehofft hatten, dass Ismaik aufgibt, sind wiedermal enttäuscht worden. An Weihnachten postet Ismaik auf seinem Facebook-Kanal: “Ich mache Euch die freudige Mitteilung, dass wir ab 1. Januar im ehemaligen Sport Münzinger am Marienplatz einen dritten Fanshop eröffnen.”