BFV-Boss Dr. Kern wehrt sich im exklusiven db24-Interview: "Regionalliga Bayern? Wir werden nur gerne kleingeredet"
- VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
- 29.10.2026 10:04
- 8 Minuten Lesezeit
- 63 Kommentare
VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
db24: Herr Dr. Kern, Sie wollen beim DFB-Bundestag am 18. Dezember offenbar für eine Dritte Liga mit 22 Vereinen und fünf Absteigern werben, um die fünf Regionalligen – und damit auch die Regionalliga Bayern – zu erhalten. Ist das tatsächlich Ihr Plan?
DR. CHRISTOPH KERN: Der Reihe nach. Es geht nicht darum, die Regionalliga Bayern um jeden Preis halten zu wollen, das ist zwar immer zu lesen, wird aber durch die ständigen Wiederholungen nicht besser – und ist schlicht falsch. Es geht darum, dass die Meister aller Regionalligen ohne Umwege direkt aufsteigen. Da sind wir uns alle einig – über den Weg nicht. Wer unsere Kommunikation verfolgt hat, dem dürfte nicht entgangen sein, dass wir in der vom DFB eingesetzten Arbeitsgruppe gerne weitreichender diskutiert hätten. Die AG aber kam zu einem abrupten Ende, was uns extrem ärgert. Denn jetzt haben wir das, was exakt so zu befürchten war: ein Kompassmodell, das nicht ausgereift ist, nicht in die Tiefe geht und eine Vielzahl an Fragen schlicht offenlässt. Mit dieser Meinung sind wir nicht allein, es ist auch kein bayerischer Blick. Auch andere Klubs außerhalb Bayerns sehen das so. Jüngst die hessischen Regionalligisten, die in ihrer Erklärung die mangelnde Transparenz hinsichtlich sportlicher, organisatorischer und wirtschaftlicher Auswirkungen offenlegen. Es wird am 18. Dezember einen DFB-Bundestag geben, der eine Entscheidung bringen soll. Und da sehe ich zum heutigen Tag nur ein Modell, das der Formel „Meister der Regionalligen müssen aufsteigen“ gerecht wird und dazu auch mehrheitsfähig ist: nämlich die Aufstockung der 3. Liga auf 22 Klubs bei dann fünf Absteigern.
db24: Wie sieht Ihr konkretes Modell aus – und warum ist diese Variante aus Ihrer Sicht besser als das von vielen Seiten anerkannte Kompassmodell?
Jeder weiß, woran er ist. Alle fünf Regionalliga-Meister können aufsteigen. Und es gibt deutschlandweit für den Unterbau keine Schwierigkeiten. Beim Kompassmodell ist nicht geklärt, was ein Derby ist und welches als solches zu berücksichtigen ist. Im DFB-Antrag für den Bundestag steht etwas von einer traditionell sporthistorischen Bedeutung. Heißt das, dass ein Derby zwischen der SpVgg Bayreuth und Carl-Zeiss Jena nicht berücksichtigt wird, weil das nicht historisch gewachsen ist? Das ist nur eine von ganz vielen ungeklärten Fragen. Schwerwiegend ist auch die zunächst verlockend klingende Ligen-Einteilung mittels KI – schauen wir nach Hessen, dort könnten die Klubs aufgrund ihrer zentralen Lage auf vier Ligen aufgeteilt werden, Bayern womöglich auf drei. Was bedeutet das für die Ligen darunter, wenn plötzlich Absteiger aus drei oder vier Regionalligen in die Oberligen kommen sollten? Es sind nur zwei von ganz vielen ungeklärten Aspekten. Hinzu kommt die Tatsache, dass eine Einteilung erst sehr, in meinen Augen viel zu spät erfolgen kann – nämlich dann, wenn alle Aufsteiger aus den Oberligen feststehen. Das erschwert eine Planung massiv. Die Reihe der ungeklärten Fragen lässt sich weiter fortsetzen: Kosten, Trägerschaft, Ausnahmen bei der Einteilung, bestehende und gültige Vermarktungsverträge . . .
Was spricht Sie an: Kompassmodell oder 22/5-Lösung?
db24: DFB-Boss Manuel Hartmann erinnert daran, dass die Dritte Liga bereits vor acht Jahren einen vierten Abstiegsplatz akzeptiert habe – verbunden mit dem Versprechen, die Zahl der Regionalligen von fünf auf vier zu reduzieren. Einen fünften Absteiger bezeichnet er deshalb als „nicht legitim“. Können Sie verstehen, dass die Drittligisten einen fünften Absteiger als Wortbruch empfinden – und was entgegnen Sie Hartmann?
Das verstehe ich, ja. Deswegen hätten wir gerne ausführlicher diskutiert. Um es klar zu sagen: Die Geschwindigkeit mit dem Bundestag noch im Dezember habe ich nicht zu verantworten. Und ja, wir müssen den Drittligisten entgegenkommen, beispielsweise die Terminenge mit einem späteren Toto-Pokal-Einstieg entspannen. Der DFB möchte bei seinem Kompassmodell-Vorschlag jedem Klub mit Ausnahme der Zweitvertretungen 40.000 Euro zukommen lassen, dazu den fünf Regionalverbänden jeweils 500.000 Euro pro Saison. Das sind zusammen rund fünf Millionen Euro pro Jahr. Hinzu kommen noch nicht unerhebliche Kosten in Millionenhöhe für Personal und die Ligen-Organisation unter dem Dach des DFB. Geld, das in meinen Augen den Drittligisten zukommen müsste, die bei 22/5 wirtschaftlich nicht schlechter gestellt sein dürfen als jetzt – da reden wir von Garantiesummen und einer Erhöhung des Nachwuchsfördertopfes.
db24: Auch Rot-Weiss Essens Vorstandschef Marc-Nicolai Pfeifer hat Sie zuletzt scharf kritisiert und Ihnen in der Debatte um die Regionalliga-Reform mangelnde Transparenz sowie fehlende Fairness und Wertschätzung gegenüber anderen Positionen vorgeworfen. Besonders pikant: Pfeifer beruft sich dabei auf Werte, die der BFV selbst propagiert. Hat er recht?
Ich schätze ihn und er hat sich auch bei mir gemeldet. Wir gehen offen miteinander um. Und wir haben stets Transparenz beim Prozess an den Tag gelegt, aber zunächst auch immer diese Transparenz gegenüber unseren Vereinen gelebt. Wir haben sie offen informiert und mit auf diese Reise genommen. Wir spielen bis heute fair.
db24: Die Drittligisten haben sich zuletzt deutlich gegen fünf Absteiger positioniert. Warum glauben Sie trotzdem, dass Ihr Modell beim DFB eine Mehrheit bekommen könnte?
Wie gesagt, wir hätten uns einen ausführlicheren und detaillierteren Prozess beim Finden von Lösungen gewünscht. Das wurde abgelehnt, die Arbeit der AG abrupt beendet. Das war nicht unser Wunsch. Ob wir wollen – oder nicht: Nun gibt es am 18. Dezember den DFB-Bundestag. Das Kompassmodell benötigt für die Umsetzung zwei Drittel der Delegiertenstimmen, die 22/5-Lösung eine einfache Mehrheit. Angesichts der vielen offenen Fragen und Schwierigkeiten beim Kompassmodell, die leider erst jetzt viele sehen und worauf wir immer hingewiesen haben, räume ich einer Drittliga-Aufstockung die besseren Chancen ein.
db24: Kritiker werfen dem BFV vor, vor allem die Eigenständigkeit der Regionalliga Bayern schützen zu wollen. Hand aufs Herz: Geht es bei Ihrem Vorstoß in erster Linie um bayerische Interessen?
Das ist auch etwas, was sich verfestigt hat und schlicht nicht den Tatsachen entspricht. Wir haben seit 2010 einen konkreten bayerischen Vorschlag, an dem sich bis heute nichts geändert hat: Wir Bayern bilden gemeinsam mit Thüringen und Sachsen eine Liga, die weiteren Ostklubs spielen mit dem Norden. Auch dann würden wir unsere Regionalliga Bayern verlieren, aber dieser Weg war und ist gangbar. Es geht uns nicht um den Erhalt unserer Eigenständigkeit, sondern um eine Lösung, die verträglich und zukunftsfähig ist – insbesondere mit Blick auf den Unterbau, insbesondere unsere fünfte und sechste Spielklasse, die Bayern- und Landesligen, aber eben auch darunter.
db24: Gleichzeitig hat die Regionalliga Bayern ein grundsätzliches Problem: Ein erheblicher Teil der Vereine kann oder will aus wirtschaftlichen und infrastrukturellen Gründen gar nicht in die Dritte Liga aufsteigen. Wie attraktiv und sportlich wertvoll kann die „Champions League der Amateure“ auf Dauer sein, wenn für viele Klubs der Aufstieg überhaupt kein realistisches Ziel ist? Fehlt dadurch nicht zwangsläufig ein entscheidender Teil des Wettbewerbs?
Das ist die nächste Mär – wissen Sie wie viele Lizenzanträge es aus den anderen Regionalligen zuletzt gegeben hat? Wir hatten vier Klubs, nirgends waren es mehr als fünf – es gab auch Regionalligen, aus denen nur drei Vereine einen Lizenzantrag gestellt hatten. Das ist keine bayerische Sache. Wir werden nur gerne klein geredet. Es ist in meinen Augen ein Zeichen der Vernunft und ich nehme es keinem Klub-Verantwortlichen übel, wenn er sagt, die Regionalliga ist für ihn das Maß der Dinge, er geht kein wirtschaftliches Harakiri ein.
db24: Welche Folgen hätte eine Abschaffung der eigenständigen Regionalliga Bayern konkret für die bayerischen Vereine?
Wir würden insbesondere an digitaler Reichweite verlieren und Einbußen aus der daraus resultierenden Eigenvermarkung haben – weniger Geld im Haushalt bedeutet weniger Spielraum und das würde alle Fußballerinnen und Fußballer in Bayern betreffen. Wir sind mit der Regionalliga Bayern Spitzenreiter in der digitalen Welt. Nur vergleicht das keiner. Heutzutage sind aber gerade diese Kennzahlen immens wichtig für Gespräche mit Partnern aus der Wirtschaft, die eine zeitgemäße Kommunikation auf allen Kanälen einfordern und bei uns auch dank der Regionalliga Bayern bekommen. Wir sind dort, wo die Menschen heute unterwegs sind ganz, ganz vorne dabei.
db24: Mit dem TSV 1860 spielt derzeit das mit Abstand größte Zugpferd der Regionalliga Bayern in Ihrer Liga. Wie wichtig sind die Löwen für den BFV und für die Attraktivität und Vermarktung der Regionalliga Bayern? Inzwischen wird jedes Spiel des Altmeisters live übertragen – eine Aufmerksamkeit, von der zwangsläufig auch die gesamte Liga profitiert.
Ich habe es mehrfach gesagt: Die Löwen sind ein Glücksfall für die Liga, auch wenn ich mir und 1860 den vergangenen Sommer anders gewünscht hätte. Ja, wir legen weiter zu – die Streaming- und TV-Zahlen sind herausragend, hinzu kommt der noch stärker steigende Wachstum unserer Digitalangebote. Und von diesem Sog profitieren die anderen Klubs, auch bei Spielen ohne Löwen-Beteiligung sind die Zahlen merklich gewachsen. Wir haben beispielsweise bei Übertragungen ohne 1860-Beteiligung über 20 Prozent zugelegt.
db24: Angenommen, 1860 beendet die Saison auf Platz sieben und alle sechs besser platzierten Klubs verzichten auf einen Aufstieg oder erfüllen die Voraussetzungen nicht: Wäre es aus Ihrer Sicht sportlich gerechtfertigt, wenn der Tabellensiebte in die Aufstiegsrelegation einzieht? Und wo müsste die Grenze für ein Nachrücken liegen?
Das sind Blicke in die Glaskugel und wir hatten diese immer wieder heraufbeschworene Situation noch nie – ich gehe davon aus, dass wir sie auch am Ende dieser Spielzeit nicht haben werden. Und zu was ein Tabellenzweiter der Regionalliga Bayern in Aufstiegsspielen gegen Meister zu leisten imstande ist, haben wir zuletzt ja gesehen. Da bleiben wir bayerisch selbstbewusst.
