Mental-Experte Bosch über das 1860-Phänomen: "Fußballerische Qualität allein reicht nicht aus"
- VON OLIVER GRISS UND CHRISTINA PAHNKE (FOTO)
- 10.09.2026 18:16
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VON OLIVER GRISS UND CHRISTINA PAHNKE (FOTO)
Doch warum tun sich die Löwen trotz professioneller Bedingungen und eines namhaft besetzten Kaders so schwer? Können die Spieler mit dem enormen Erwartungsdruck nicht umgehen? Wird die große Tradition des TSV 1860 möglicherweise sogar zur mentalen Bürde?
Es ist ein Thema, das diesen Verein nicht erst seit dieser Saison begleitet. Kaum ein anderer Klub in den unteren Ligen muss eine derart große Vergangenheit mit der sportlichen Realität in Einklang bringen. Deutscher Meister, Pokalsieger, Europapokal – und heute Regionalliga Bayern. Dazu 15.000 Fans im Grünwalder Stadion und die Erwartung, gegen vermeintlich kleinere Gegner gewinnen zu müssen.

Vor dem Heimspiel gegen die Schwabenritter hat db24 deshalb mit einem Experten gesprochen: Andreas Bosch (46) arbeitet seit mehr als zwölf Jahren als Sportmentaltrainer im Leistungs- und Profisport. Er ist Vorsitzender des Deutschen Bundesverbands Sportmentaltraining und beschäftigt sich intensiv mit mentaler Stärke, Leistungsdruck und der Frage, wie Mannschaften ihre Qualität im entscheidenden Moment abrufen können.
db24: Herr Bosch, der TSV 1860 war Deutscher Meister, Pokalsieger, spielte Bundesliga und international. Heute dümpelt der Verein in der Regionalliga Bayern. Wie schwer kann eine derart große Vergangenheit auf einer Mannschaft lasten, die eigentlich einen kompletten Neuanfang schaffen soll?
ANDREAS BOSCH: Die Vergangenheit kann beides sein: Antrieb und Belastung. Entscheidend ist, wie die Mannschaft damit umgeht. Wenn Spieler ständig das Gefühl haben, an früheren Erfolgen gemessen zu werden, entsteht zusätzlicher Druck. Dann geht es irgendwann nicht mehr nur darum, die aktuelle Aufgabe zu lösen, sondern Erwartungen zu erfüllen. Ein Neuanfang bedeutet deshalb nicht, die Geschichte von 1860 zu vergessen. Es geht vielmehr darum, sie richtig einzuordnen und den Blick auf das zu richten, was heute beeinflussbar ist.
db24: Kann Tradition irgendwann von einer Stärke zu einer mentalen Belastung werden, nach dem Motto: „Wir sind 1860, wir müssen gegen Vilzing, Buchbach oder Schwaben Augsburg gewinnen“?
Ja, absolut. Tradition wird dann zur Belastung, wenn daraus ein Anspruch entsteht, der im Kopf ständig mitläuft. „Wir müssen gewinnen“ klingt zunächst logisch. Im Leistungssport kann genau dieser Gedanke aber dazu führen, dass Spieler zu viel wollen, ungeduldig werden und nicht mehr frei spielen. Der Gegner hat diese Erwartung nicht. Er kann befreiter auftreten. Genau das macht die Aufgabe für den Favoriten schwieriger.
db24: Wie schafft man es als Mannschaft tatsächlich, bei Null anzufangen, wenn bei Heimspielen bis zu 15.000 Zuschauer ins Stadion kommen und das gesamte Umfeld aufgrund der Geschichte ganz andere Ansprüche hat als bei einem normalen Regionalligisten?
Bei Null anfangen heißt nicht, die Vergangenheit auszublenden. Es heißt, sich im täglichen Denken nicht von ihr bestimmen zu lassen. Die Mannschaft muss sich eigene Maßstäbe setzen. Nicht: „Wir sind 1860, deshalb müssen wir aufsteigen.“ Sondern: „Was müssen wir heute tun, damit wir am Ende dieser Saison aufsteigen können?“ Das ist mental ein großer Unterschied. Der Fokus muss auf den Dingen liegen, die die Spieler tatsächlich beeinflussen können.
db24: Die Löwen trainieren unter professionellen Bedingungen und treffen teilweise auf Spieler, die nebenbei einem normalen Beruf nachgehen. Was passiert im Kopf, wenn man weiß: Eigentlich müssen wir diesen Gegner schlagen und merkt dann auf dem Platz, dass es überhaupt nicht funktioniert?
Dann entsteht häufig eine Mischung aus Ungeduld, Frust und Zweifel. Man erwartet, dass das Spiel aufgrund der eigenen Qualität irgendwann in die richtige Richtung läuft. Wenn das nicht passiert, wird häufig noch mehr versucht. Genau dann zeigt sich mentale Stärke. Kann ich ruhig bleiben? Kann ich weiter meine Aufgaben erfüllen? Kann ich nach einem Fehler sofort wieder ins Spiel finden? Fußballspiele laufen nicht immer so, wie man sie vorher plant. Entscheidend ist, wie man mit solchen Situationen umgeht.
db24: Kann genau diese Erwartungshaltung erklären, warum ein großer Favorit verkrampft, während der vermeintlich kleine Gegner gegen einen Traditionsverein über sich hinauswächst?
Ja! Der Favorit hat etwas zu verlieren, der Außenseiter zunächst einmal sehr viel zu gewinnen. Das verändert die Ausgangslage im Kopf. Wenn beim Favoriten nach 20 oder 30 Minuten das erwartete Tor nicht fällt, kann aus Zuversicht schnell Nervosität werden. Der Außenseiter spürt dagegen: Wir können hier etwas erreichen. Diese Dynamik ist im Fußball sehr stark.
db24: Müsste ein Sportchef bei der Zusammenstellung einer Mannschaft, gerade bei einem Traditionsverein mit dieser Erwartungshaltung, Spieler nicht nur nach fußballerischer Qualität, sondern ganz gezielt auch nach ihrer mentalen Stärke auswählen?
Auf jeden Fall. Gerade in einem solchen Umfeld reicht fußballerische Qualität allein nicht aus. Ich würde mir sehr genau anschauen, wie ein Spieler mit Druck, Fehlern, Rückschlägen und Konkurrenz umgeht. Und vor allem: Wie verhält er sich, wenn es nicht läuft? Dann zeigt sich häufig erst, was wirklich in einem Spieler steckt. Mentalität sollte bei der Kaderplanung deshalb nicht nur ein Bauchgefühl sein. Bestimmte Verhaltensweisen kann man beobachten, hinterfragen und auch gezielt trainieren.
db24: Kann man die mentale Stärke eines Spielers vor einer Verpflichtung überhaupt seriös erkennen oder testen? Auf welche Kriterien sollte ein Sportchef dabei besonders achten?
Man kann mentale Stärke nicht mit einem einzigen Test vollständig abbilden. Aber man kann durchaus einiges darüber herausfinden. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, Spieler gezielt in Belastungs- oder Stresssituationen zu bringen und zu schauen, was dann mit ihrer Leistung passiert. Ein Verfahren aus diesem Bereich ist die Ergopsychometrie. Vereinfacht gesagt: Man schaut sich eine Leistung zunächst unter normalen Bedingungen an und anschließend noch einmal unter Belastung. Interessant ist dann, wie stabil die Leistung bleibt. Dazu kommen Gespräche, Referenzen und Beobachtungen aus dem sportlichen Alltag. Wie reagiert ein Spieler nach einem Fehler? Wie geht er mit Kritik um? Was passiert bei Rückstand oder Konkurrenzdruck? Übernimmt er Verantwortung? Bleibt er auch unter Druck handlungsfähig? Für mich zeigt sich mentale Stärke erst im Gesamtbild.
Run auf die Löwen-Trikots: Haben Sie ein Leiberl bestellt?
db24: Kann eine Mannschaft auf dem Papier stark genug für den Aufstieg sein und trotzdem scheitern, weil bei der Kaderplanung zu wenig auf Mentalität, Widerstandsfähigkeit, Führungsstärke und den Umgang mit Druck geachtet wurde?
Ja. Qualität gewinnt Spiele, aber eine Saison entscheidet sich häufig in den schwierigen Phasen. Was passiert nach drei Spielen ohne Sieg? Nach einem späten Gegentor? Wer übernimmt dann Verantwortung? Wer bleibt ruhig? Wer zieht die anderen mit? Wenn eine Mannschaft darauf keine Antworten hat, kann auch ein qualitativ sehr guter Kader Schwierigkeiten bekommen.
db24: Wenn sich nach enttäuschenden Ergebnissen eine Negativspirale entwickelt, man will unbedingt gewinnen und verkrampft dadurch möglicherweise noch mehr: Wie kann ein Trainer diese Spirale durchbrechen? Und ab wann wäre professionelle Unterstützung durch einen Mentaltrainer sinnvoll?
Zunächst muss die Mannschaft wieder Sicherheit bekommen. Dazu gehört, den Blick nicht ständig auf die Tabelle oder das unbedingt zu gewinnende nächste Spiel zu richten, sondern auf konkrete Aufgaben. Ein Trainer kann dabei sehr viel selbst leisten. Wenn sich aber bestimmte Muster festsetzen und die Mannschaft trotz guter Trainingsarbeit immer wieder in dieselben Situationen kommt, kann professionelle Unterstützung sinnvoll sein. Ich würde dabei nicht warten, bis es bereits brennt. Mentales Training sollte Teil der Leistungsentwicklung sein und nicht erst dann beginnen, wenn eine Mannschaft schon in einer Krise steckt.
db24: Wenn Sie dem TSV 1860 für diesen Neuanfang einen Rat geben dürften: Sollte der Verein seine große Vergangenheit bewusst als Kraftquelle nutzen oder muss er sich mental davon lösen, um in der Regionalliga erfolgreich zu sein?
Ich würde sie als Kraftquelle nutzen, aber nicht als Maßstab für jedes einzelne Spiel. Die Geschichte von 1860 kann unglaublich viel Energie freisetzen. Die Fans, das Stadion, die Tradition, die besonderen Momente dieses Vereins. Das alles kann eine Mannschaft tragen. Aber die Vergangenheit darf nicht auf dem Platz mitspielen. Dort zählt die aktuelle Situation. Wer heute gegen Buchbach spielt, muss dieses Spiel lösen und nicht die Meisterschaft von 1966.
db24: Die viel zitierte „Wucht von Sechzig“: Ist sie aus Sicht eines Mentaltrainers derzeit eher der größte Trumpf des TSV 1860 oder möglicherweise sogar sein größter Gegner?
Sie kann beides sein. Wenn die Mannschaft diese Wucht annimmt und für sich nutzt, ist sie ein riesiger Trumpf. 15.000 Menschen können einer Mannschaft unglaublich viel Energie geben. Wenn aus dieser Wucht aber das Gefühl entsteht, jeden Fehler rechtfertigen zu müssen und jedes Spiel unbedingt gewinnen zu müssen, wird sie zur Belastung. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob diese Wucht da ist. Sie ist da. Entscheidend ist, wie die Mannschaft damit umgeht.
