Schlag den Löwen! Der Fluch des großen Namens
- VON OLIVER GRISS UND CHRISTINA PAHNKE (FOTO)
- 08.09.2026 09:42
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VON OLIVER GRISS UND CHRISTINA PAHNKE (FOTO)
Es ist, wie es ist: Gegen die Münchner Löwen läuft jeder Gegner zu großer Form auf – allein schon, um hinterher am Biertisch oder bei der Kabinenparty sagen zu können: „Wir haben die Löwen geärgert.“
Das hat nur wenig mit dem aktuellen Kader oder den sportlichen Leistungen der vergangenen 20 Jahre zu tun, sondern vor allem mit der großen Vergangenheit des Klubs: DFB-Pokalsieger 1964, Europapokalfinalist 1965, Deutscher Meister 1966, Vizemeister 1967 – und natürlich die wunderbaren 90er Jahre mit Karl-Heinz Wildmoser und Werner Lorant.
Wer ist der beste 1860-Sportchef seit 2017?
1860 ist ein Großstadt-Klub mit einer XXL-Fanbase, der auf seiner Dorftour durch Bayern regelmäßig die Kassen klingeln lässt. Abwehr-Routinier Felix Weber, beim 2:2 in Vilzing nicht ganz unschuldig daran, dass 1860 den Sieg noch aus der Hand gab, erklärte hinterher: „Das ist ein Dorfverein – für die war das das Highlight.“
Das Spiel des Lebens.
Das kollektive Credo bei jedem Gegner vor dem Anpfiff: Schlag den Löwen!
Die Löwen sind DIE Attraktion der Liga, auch wenn sie das vielleicht gar nicht sein wollen. Spiele gegen 1860 haben Pokal-Charakter: 90 Minuten plus X, alles raushauen.
Das war schon 1982 so, als die Löwen erstmals in den Amateurfußball abstürzten und dort neun lange Jahre festklebten. Vor allem Mannschaften wie Ampfing machten ihnen das Leben schwer. Und es war 2017 nicht anders. Der Unterschied: Daniel Bierofka gelang als Cheftrainer 2018 die sofortige Rückkehr in den Profifußball – ebenfalls unter erschwerten Bedingungen. Bieros großer Vorteil: Er konnte die Mannschaft gemeinsam mit Wolfgang Schellenberg selbst zusammenstellen und ihr vom ersten Tag an ein klares Gesicht geben.
Inzwischen schreiben wir das Jahr 2026. Nachdem beide KGaA-Gesellschafter 1860 in die Regionalliga stürzen ließen, fällt der Neubeginn sportlich stotternd aus. „Jeder Verein ist maximal motiviert, es ist jedes Mal das Spiel der Saison gegen uns“, wusste Tunay Deniz nach dem bitteren 2:2 in Vilzing. Der 32-jährige Routinier schob aber gleich die entscheidende Erkenntnis hinterher: „Wir müssen versuchen, solche Spiele anzunehmen. Vilzing spielt in der Regionalliga – wir auch. Also uns trennt nichts voneinander.“
Damit die Löwen erfolgreich werden, müsse die Mannschaft verinnerlichen, „dass wir einfach jedes Spiel 100 Prozent geben müssen, denn sonst gewinnst du mal glücklich, mal spielst du unentschieden, aber kriegst keine Konstanz rein.“
Deniz weiß auch: Gerade solche Spiele werden zu einem großen Teil im Kopf entschieden. Und genau dort sind die Löwen offenbar noch nicht so weit, wie sie sein müssten. „Es gibt viele Mentaltrainer, die auf sowas explizit arbeiten. Ansonsten muss man versuchen, dass sich jeder individuell motiviert. Wir als erfahrene Spieler versuchen auch, die Jungen irgendwie mitzunehmen, zu motivieren und sagen ihnen: ‚Hey, heute ist nicht Sonnenuntergang anschauen und Bockwurst essen angesagt oder was anderes – sondern drei Punkte mitnehmen!‘“
Ein Satz, der hängen bleibt.
Denn genau darum geht es für 1860 in dieser Regionalliga-Saison. Der Name, die Tradition, die Fans und die Vergangenheit gewinnen kein einziges Spiel. Im Gegenteil: Sie sorgen dafür, dass der Gegner noch ein paar Prozent mehr aus sich herausholt.
Deniz bringt es auf den Punkt: „Das muss jedem im Kopf klar sein, dass es hier nicht um Spaß geht, sondern um sehr harte Arbeit.“ Oder etwas kürzer formuliert: Wer der Löwe sein will, muss damit leben, dass ihn jeder jagen will.
