Deutscher Weg - und die Frage: Wer wird Zweiter?
- VON OLIVER GRISS
- 29.08.2026 10:11
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VON OLIVER GRISS
Worauf ich hinaus will? Die Bundesliga ist schon lange kein richtiger Wettbewerb mehr. Im Grunde geht es nur noch um die Frage: Wer wird hinter Bayern Zweiter? Nein, den Roten kann man keinen Vorwurf machen, vielmehr den Strukturen im deutschen Fußball und der bajuwarischen Konkurrenz, die sich abziehen lassen.
Jetzt werden einige sagen: Was interessiert uns der große Fußball? Wir haben doch bei Sechzig das Grünwalder, das Bamboleo und Auswärtsreisen nach Vilzing, Buchbach oder Eltersdorf. Schön und gut. Trotzdem geht’s mir als Fußballfan zuerst um den Sport. Denn genau das ist es, was uns Fans normalerweise fesseln sollte: Spannung, Wettbewerb, die Hoffnung, dass der vermeintlich Kleine den Großen schlagen kann.
Und natürlich gehört auch Vereinstreue dazu – gerade in schlechten Zeiten. Ich bin beispielsweise in den 70er Jahren Fan des TSV 1860 geworden und habe nach dem Zwangsabstieg 1982 demonstrativ mein Hedos-Trikot zur Schau getragen. Denn Erfolg kann jeder. Als es in meiner Redaktion damals um die Frage ging, fix Bayern zu machen, lehnte ich ab - mit dem Hinweis: “Sechzig gibt mir mehr.”
Aber zurück zur Bundesliga: Im deutschen Fußball gibt es nur noch den FC Bayern – und sonst nix. Das ist peinlich für die Bundesliga, das einstige Vorzeigeprodukt des deutschen Sports.
Am Montag schließt das Transferfenster. Rund 659 Millionen Euro haben die deutschen Klubs bislang für neue Spieler ausgegeben, für etwa 733 Millionen Euro wurden Profis verkauft. Macht auf dem Papier ein Transferplus von rund 74 Millionen Euro. Wer glaubt, das sei ein positives Zeichen, täuscht sich.
Große deutsche Klubs würden gerne mehr investieren. Sie können es aber nicht - selbst Borussia Dortmund nicht. Es fehlt das Geld. Gleichzeitig bedienen sich die finanzstarken Klubs aus England und Spanien weiter auf dem deutschen Markt. Die Bundesliga droht immer mehr zu einer Ausbildungsliga für die Premier League oder La Liga zu werden.
BILD-Kolumnist Alfred Draxler schreibt zu Recht: „Die Bundesliga nähert sich immer mehr der französischen Ligue 1 an. Und das ist keine positive Entwicklung. Es gibt einen potenten Top-Klub – dort Paris St. Germain, bei uns der FC Bayern – und der Rest ist chancenlos und international auf höchstem Niveau kaum konkurrenzfähig.“
Und ausgerechnet jetzt wird 50+1 weiter als großes Heiligtum des deutschen Fußballs verteidigt. Ob die Regel die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesliga aufhalten kann, darf bezweifelt werden. Draxler verweist in diesem Zusammenhang auf eine bemerkenswerte Zahl. Bundesliga-Geschäftsführer Marc Lenz habe kürzlich erklärt, auch aufgrund von 50+1 seien dem deutschen Profifußball in den vergangenen zehn Jahren Investitionen in einer Größenordnung von 15 Milliarden Euro entgangen.
15 Milliarden!
Natürlich kann und darf man darüber diskutieren, ob mehr Investorengeld automatisch besseren Fußball bedeutet (1860 ist ein gutes Beispiel). Aber man darf auch nicht die Augen vor der wirtschaftlichen Realität verschließen. Genau darin liegt ohnehin eines der großen Probleme in Deutschland, nicht nur in der Automobilindustrie: Wir verteidigen gerne den Status quo, während andere längst weiterziehen. Schon aufgewacht?
Immer wieder wird der „deutsche Weg“ hervorgehoben: volle Stadien, fantastische Stimmung, vergleichsweise günstige Eintrittspreise und großes mediales Interesse. Alles richtig. Und alles schützenswert.
Nur: Fußball ist am Ende immer noch das, was uns fasziniert: Sport. Und wenn schon vor dem ersten Spieltag praktisch feststeht, wer Meister wird, während die Konkurrenz ihre besten Spieler regelmäßig ins Ausland verkaufen muss, hat die Bundesliga ein Problem, das sich mit ausverkauften Stadien allein nicht überdecken lässt. Die Bundesliga muss aufpassen, dass sie sportlich nicht in der europäischen Bedeutungslosigkeit verschwindet.
Volle Stadien sind wichtig. Tradition ist wichtig. Fankultur ist wichtig.
Aber Spannung und sportliche Qualität sind es eben auch. Erst wenn die Verantwortlichen diese Signale richtig deuten und aufhören, sich den Status quo schönzureden, kann es wieder in die andere Richtung gehen.
