Giesinger Spektakel
- VON OLIVER GRISS
- 23.08.2026 10:11
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VON OLIVER GRISS
Kurzum: Es war ein Spektakel, das sogar den Gegner infizierte. Kiels Jonas Meffert, der nicht weniger als 290 Zweitliga-Spiele auf dem Tacho hat, schwärmte in der ARD: „Ich muss sagen, Riesen-Respekt an alle. Hier zu spielen, das hat einfach Spaß gemacht. Unfassbare Stimmung. Riesen-Respekt an alle Löwen-Spieler und Löwen-Fans. Es war wirklich einfach schön, hier zu spielen. Wir werden in jedem Spiel die Daumen drücken, dass die Löwen wieder aufsteigen.“
Sympathiebekundungen vom Gegner. Das kommt auch nicht so oft vor.
Explosive, positive Stimmung auf den Rängen, eine Meister-Choreo zu Ehren der Helden von 1966, aufopferungsvoll kämpfende Löwen auf dem Rasen, eine von Trainer Alper Kayabunar hervorragend eingestellte Mannschaft – und viele positive Eindrücke.
Und vor allem: Endlich kein Hass im Grünwalder Stadion, der bei 1860 in den vergangenen Jahren mehr oder weniger schweigend hingenommen wurde (warum auch immer) und viel kaputt gemacht hat. Am Ende dieser zerstörerischen Entwicklung steht der zweite Zwangsabstieg in die Regionalliga Bayern, von dem sich die Löwen wirtschaftlich vermutlich lange nicht erholen werden. Zumal er auch den Nachwuchsbereich treffen wird – das einstige Goldstück des TSV 1860.
In ihrem größten Spiel seit vier Jahren konnten sich die Löwen von ihrer Schokoladenseite zeigen – in fast allen Bereichen. Auch der Standort Giesing konnte mit dieser friedlichen Fußball-Show punkten. Ob das Projekt Stadion-Umbau allein aus Finanzierungsgründen jemals umgesetzt werden kann, steht freilich weiter in den Sternen. Experten rechnen bei einem Totalumbau mit Kosten von rund 150 bis 200 Millionen Euro.
Jedenfalls war dieser Abend auch ein Bewerbungs-Statement an die Stadt – und an mögliche Investoren. Ja, Sie haben richtig gelesen: das böse Reizwort „Investoren“. Und das ausgerechnet in Giesing. Doch auch für Sechzig gilt: Ohne Moos ist nix los.
Um uns richtig zu verstehen: Ich bin keiner dieser Giesinger Party-Boys, der sich von einer konstruierten Welle anstecken lässt. Das Grünwalder Stadion war zu besonderen Anlässen schon IMMER ein Hexenkessel.
Ich nenne nur einige Beispiele, die ich selbst erleben durfte: Gründonnerstag 1984 gegen die SpVgg Fürth, 6:1, über 30.000 Fans. Im Mai 1990 das legendäre 3:3 gegen Schweinfurt: 40.000 Anhänger, warmer Regen, Ausnahmezustand. Oder im September 1993 das 4:1 gegen Zweitliga-Tabellenführer VfL Bochum – ebenfalls ausverkauft, damals mit 29.000 Besuchern.
Diejenigen, die das erleben durften, wissen, wovon ich schreibe. 1860 hat eine Energie, die sich kaum erklären lässt. 1860 war immer der Verein, der keine Claims wie „Football for the people“ gebraucht hat, um Statements zu setzen. Sechzig musste nie erklären, was Sechzig ist, auch wenn ganz gescheite Geschäftsführer Studien in Auftrag gegeben haben, um den Klub zu analysieren. Sechzig ist Marketing, Sechzig ist das Leben. Genau deswegen blickte der frühere Bayern-Manager Uli Hoeneß schon in den 80er-Jahren neidvoll hinüber an die Grünwalder Straße, wenn zu einem Bayernliga-Spiel mehr als 20.000 Menschen kamen. Und genau deswegen hat dieser Verein verdient, schnell wieder aufzustehen.
Denn 1860 hat etwas, wofür andere viel Geld bezahlen müssen: das Herzblut und die Leidenschaft der Menschen. Ob jung oder grauhaarig, mit oder ohne Kohle.
Oliver Griss schreibt seit 1989 über den TSV 1860, darunter 12 Jahre zu Bundesliga-Zeiten für die Münchner Abendzeitung. Seit 2011 betreibt der 54-Jährige das Portal dieblaue24.
