Ex-Trainer Fröhling vor dem Pokal-Hit gegen Kiel im db24-Interview: "Ich hoffe, dass bei 1860 irgendwann der Sport siegt"
- VON OLIVER GRISS UND GETTY IMAGES (FOTO)
- 22.08.2026 07:08
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VON OLIVER GRISS UND GETTY IMAGES (FOTO)
Kiel ist zwar nicht der ganz große Name auf der deutschen Fußball-Landkarte, für die Löwen aber ein Los mit besonderer Brisanz. Schließlich kreuzten beide Klubs bereits in der Zweitliga-Relegation 2015 die Klingen. Damals waren die Sechzger gedanklich schon fast in die Dritte Liga abgestiegen, ehe Kai Bülow in der Nachspielzeit zum 2:1-Siegtreffer traf und die mit 57.000 Fans gefüllte Allianz Arena in ein Tollhaus verwandelte.

Über dieses unvergessene Drama, aber natürlich auch über den anstehenden Pokal-Hit haben wir mit Torsten Fröhling gesprochen, der in zwei Tagen seinen 60. Geburtstag feiert. Der damalige Löwen-Retter kennt schließlich nicht nur 1860 bestens, sondern auch Holstein Kiel.
db24: Lassen Sie uns zuerst über diesen verrückten Abend im Juni 2015 sprechen: 1860 droht gegen Kiel abzusteigen, dann übernimmt Valdet Rama Verantwortung, trifft den Pfosten – und Kai Bülow steht richtig. Alles andere ist Geschichte. Wie oft denken Sie noch an dieses Highlight, das selbst den damaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer faszinierte?
TORSTEN FRÖHLING: Das ist jetzt über elf Jahre her – und doch rede ich immer noch gerne darüber. Ich werde immer wieder mit diesem Spiel, das ja nicht gut war, konfrontiert. Du warst danach komplett im Rausch, weil wir diesen einen Moment auf unserer Seite hatten. Ich habe mich nach dem Schlusspfiff auf die Trainerbank gesetzt und geweint. Es musste der ganze Druck raus. Das war ein gigantisches Gefühl. Realisiert hat man erst Tage später, was da genau passiert ist. Diesen Abend werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Aber ein Spiel wird dabei immer vergessen: Wir mussten zuvor gegen Nürnberg gewinnen – und das gelang uns ebenfalls nach einem verrückten 2:1. Die Allianz Arena war fast ausverkauft.

db24: Obwohl Sie die Löwen in der Zweiten Liga hielten, mussten Sie anschließend noch einige Zeit auf einen neuen Vertrag warten…
Ja, das war tatsächlich kurios: Ich wurde im Urlaub angerufen. Mir wurde gesagt, man könne mir noch keinen neuen Vertrag geben, sonst gewinnt die andere Seite… Nach einigen Tagen bekam ich dann doch den Vertrag, aber wir konnten keine Transfers tätigen. Ich hatte eine halbe U21 im Trainingslager am Start. Necat Aygün, unser damaliger Sportdirektor, hatte Sandro Wagner auf dem Zettel. Er wollte unbedingt von Hertha BSC weg. Das wäre für uns eine geile Verpflichtung gewesen. Sie wurde aber abgelehnt. Es wurde damals schon gegeneinander gekämpft.
db24: Ein Umstand, der in den vergangenen Monaten seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hat: Kündigung der Darlehen, Zwangsabstieg in die Regionalliga Bayern, Kündigung des Kooperationsvertrags – und jetzt befindet sich die KGaA in der vorläufigen Insolvenz…
Das ist alles schon sehr traurig und heftig. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man es wieder darauf ankommen lässt. Für mich ist das alles ein wenig undurchsichtig, vielleicht habe ich davon auch zu wenig Ahnung. Die Spieler haben es ja auch nicht direkt vom Verein erfahren, sondern aus der Presse – so war es zumindest zu lesen. Das ist das Chaos, für das 1860 leider schon immer steht. Ich wünsche und hoffe, dass sich das irgendwann einmal beruhigt und man nur noch ans Sportliche denkt. Was die Fans in den letzten 20 Jahren bei 1860 durchmachen, ist bitter. Ich hoffe, dass bei 1860 irgendwann der Sport siegt. Und ich sag’s auch ganz ehrlich: Der Löwe gehört schnell wieder aufs Trikot. So ist das nicht Sechzig.

db24: Sportlich sind die Löwen in der Regionalliga Bayern weiterhin ungeschlagen, zuletzt gab es zwei Siege in Folge. Wie bewerten Sie den Start?
Für mich sind acht Punkte angesichts der Vorgeschichte ein sehr guter Start. Ich glaube, dass der Kader gut zusammengestellt worden ist. Und für die Regionalliga ist 1860 natürlich eine absolute Bereicherung. Aber klar ist auch: In diese Liga gehört 1860 nicht. Ich hoffe, dass das Kapitel im nächsten Jahr wieder beendet wird.
db24: Wie groß ist die Chance, dass 1860 gegen Kiel eine Pokal-Sensation schafft?
(überlegt) Das wird ganz schwer. Ich sehe Kiel schon sehr weit vorne, wobei es im Pokal natürlich immer wieder Überraschungen gibt. Aber die bleibt, denke ich, am Samstag aus. Bei Holstein Kiel war ich ja auch mal Interimstrainer der Profi-Mannschaft. Mir gefällt der Weg dieses Vereins. Die arbeiten kaufmännisch typisch hanseatisch. Die gehen nie ins Risiko, ähnlich wie St. Pauli. Früher oder später werden sie wieder an der Bundesliga ranschnuppern. Auch Tim Walter ist der richtige Trainer. Er macht einen guten Job. Er ist immer positiv, polarisiert – und verteidigt immer seine Mannschaft.
db24: Man darf Sie getrost als Experten für den norddeutschen Fußball bezeichnen. Sollte sich 1860 für die Relegation qualifizieren, würde der Klub auf den Nordmeister treffen. Wie schätzen Sie die Qualität der Regionalliga Nord ein?
Ich gucke mir viele Spiele an. Oldenburg oder Hannover II sind schon richtige Bretter. Oldenburg hat eine gute Infrastruktur, eine gute Fankultur und auch die Mannschaft zusammengehalten. Es sind aber noch andere gute Mannschaften in der Liga – wie der SV Drochtersen/Assel. Der Name klingt zwar nicht besonders, aber auch dieser Verein will Meister werden. Im Norden gibt’s schon gute Kicker.
db24: Wie sehen Sie die vorerst verhinderte Aufstiegsreform?
Das ist nicht gut für den Sport, dass der Meister nicht direkt aufsteigt. Früher hat man immer gesagt, die bayerische Regionalliga ist nicht so gut. Aber man unterschätzt das ein wenig: Der Teilnehmer aus Bayern hat sich nicht selten in der Relegation durchgesetzt, zuletzt die Würzburger Kickers. Und trotzdem muss man sich schnell Gedanken machen, wie man den Wettbewerb fairer macht. Die Dritte Liga ist so eine teure Reise-Liga. Ich würde mir wünschen, dass man sie teilt. Dann fallen auch die Fahrten von Rostock ins tiefste Bayern weg. Irgendwann muss der DFB ein Machtwort sprechen.
db24: Und wie steht es eigentlich um Ihre eigene Trainerkarriere?
Ich habe mich zuletzt viel um meine Familie gekümmert und eine ganze Menge regeln können. Ich bin jetzt ausgeruht und wieder heiß. Ich gehöre noch lange nicht zum alten Eisen. Ich war bis 2025 drei Jahre bei Weiche Flensburg beschäftigt – und dann hat ein Kommunikationsproblem für das Aus gesorgt (lacht). Ich würde am liebsten wieder eine U23 übernehmen. Ich habe mehr als 20 Spieler begleitet, die heute ganz oben spielen, auch Jonathan Tah, den ich beim HSV von der U15 direkt in die U17 geholt habe.
