VON OLIVER GRISS UND FOTO (PRIVAT)

Walter Michel ist eine echte Fan-Legende. Im 1860-Kosmos kennt ihn eigentlich jeder, weil er über Jahrzehnte DER Autogrammsammler an der Grünwalder Straße 114 war. Selbst von U19- und U21-Talenten holte er sich das Servus ab, aber natürlich auch von echten Fußball-Größen. „Peter Nowak war mir mit Abstand der Liebste. Er ist ein ganz Großer“, sagt Michel, als ihn db24 am Donnerstagnachmittag am Handy erreicht: „Die meisten Spieler können heutzutage gar keine richtigen Unterschriften mehr. Von den aktuellen Spielern kann das nur Tunay Deniz.“

Michel feiert heute seinen 60. Geburtstag – im kleinen Kreis. „Die Mutter von Christian Köppel war heute bei mir. Feiern ist für mich anstrengend“, erzählt der Jubilar. Wegen einer vererbten Krankheit kann sich der in Unterhaching lebende Löwen-Fan nur noch auf Krücken fortbewegen – und selbst das kostet ihn inzwischen enorme Kraft. Seit den 90er Jahren, auch während des zwischenzeitlichen Umzugs ins Olympiastadion, verkaufte Michel die Stadionzeitung. Doch damit wird jetzt Schluss sein.

Die aktuellen Zeiten bei den Löwen sind für Michel nur schwer zu ertragen – und das nicht nur aus sportlicher Sicht. Deshalb hat er sich entschlossen, am Samstag im DFB-Pokal-Spiel gegen Holstein Kiel (18 Uhr, db24-Ticker) ein letztes Mal zu 1860 zu gehen. „Danach ist Schluss für mich. Ich kann es nicht mehr ertragen, dass Menschen, die eine andere Meinung haben, mit Hass konfrontiert werden.“

Ein Punkt trifft ihn besonders: das neue Erscheinungsbild. „Es wird dir mit dem e.V.-Logo ein Wappen aufgedrängt, mit dem ich nichts anfangen kann und will. Dass der Löwe nicht mehr da ist, tut mir am meisten weh. Und solange der nicht zurückkommt, sehen mich die nie wieder. Der Löwe muss wiederkommen, so schnell wie möglich. Für mich ist das momentan nicht 1860 München, sondern eine Retorte.“

Besonders enttäuscht ist Michel von Präsident Gernot Mang. Michel hat dazu eine klare Sichtweise: „Er hat gesagt, dass Hasan Ismaik nicht gezahlt hat. Dabei war’s so, dass Ismaik schon zahlen wollte, aber unter gewissen Voraussetzungen. Das würde der Wahrheit eher entsprechen.“

Auch mit der viel zitierten neuen „Freiheit“ bei 1860 kann Michel nichts anfangen: „Wenn ich das höre, dann mache ich mich lustig darüber. Wir waren nie eingesperrt, sondern immer frei. Sonst wäre ich auch nie zu 1860 gegangen. Hasan Ismaik hat 1860 nur Geld gegeben – und im Gegenzug wurde er wie ein Verbrecher behandelt. Sorry, aber damit kann ich mich nicht identifizieren.“

Michels große Löwen-Liebe begann so richtig 1981. „Das Erste, was ich von 1860 gesehen habe, war das achteckige Logo mit dem Löwen. Für mich war das Liebe auf den ersten Blick. Als Bua hab ich die Löwen im Radio verfolgt: Datschi Seelmann oder Schorsch Metzger. Und irgendwann hieß es in der Schule: ‚Bist du Blau oder Rot?‘ Für mich gab’s nur Blau! Das 3:0 gegen Schalke war mein erstes Spiel. Es ist so, als wäre es gestern gewesen.“
Und ausgerechnet gegen Holstein Kiel, wenn 1860 am Samstag von der Pokal-Sensation träumt, wird Walter Michel ein letztes Mal zu seinen Löwen gehen. Wahrscheinlich wird ihm die eine oder andere Träne über die Wange kullern, wenn er am Samstag ein letztes Mal das Flutlicht auf dem Giesinger Berg hinter sich lässt.