Das db24-Interview mit Aufstiegsheld Ziemer: "Schaut nach Nürnberg - das ist ein gutes Vorbild für 1860!"
- VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
- 14.08.2026 13:32
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Thomas Ziemer mit dem damaligen Finanzminister Theo Waigel.
VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
db24: Herr Ziemer, Sie haben Teile der Regionalliga-Mannschaft am Dienstag in Ihrem Heimatort Wendelstein gesehen. Mit welchem Ergebnis rechnen Sie als db24-Tippexperte jetzt im Spitzenspiel in Memmingen (heute, 19 Uhr, db24-Ticker)?
THOMAS ZIEMER: 1860 gewinnt auswärts mit 3:1.
db24: Warum so sicher?
Die Fans sind ein großes Pfund – diese famose Unterstützung setzt einfach Kräfte frei. Wendelstein war ja kein Gradmesser. Logisch, normalerweise musst du gegen die 8:0 gewinnen. Man merkt, dass es momentan keine einfache Zeit für die Spieler ist. Das große Plus in dieser Saison ist, dass du eigentlich immer ein Heimspiel hast. Und wenn du einmal gewinnst, dann kannst du in einen positiven Lauf kommen.

db24: Wie traurig waren Sie, als Sie hörten, dass 1860 zurück in die Regionalliga muss?
Das hat mich emotional schon mitgenommen, denn ich komme aus einer Zeit, in der es bei 1860 nur nach oben ging. Mich hat dieser erneute Absturz brutal enttäuscht. Auch der ständige Stress mit Hasan Ismaik hat mich mürbe gemacht. Ich habe mich gar nicht mehr ausgekannt. Mir braucht keiner zu erklären, dass das nicht irgendwie auch auf die Mannschaft abfärbt. Am Dienstag habe ich viele Allesfahrer von früher getroffen, den Fritz oder den Roman – da merkst du erst, wie die alle leiden.

*db24: Warum ist 1860 seit gefühlt zwei Jahrzehnten auf dem sportlichen Abstellgleis?
Das ist ganz einfach zu beantworten: Solange dieser Verein nicht auf seine Ehemaligen zurückgreift und deren Kompetenz nutzt, wird das nichts mehr. Wir sprechen ja auch untereinander, egal ob Thomas Miller, Bernhard Trares, Bernhard Winkler oder Benny Lauth – wir sind uns einig: Es fehlt die sportliche Kompetenz bei 1860. Nichts gegen Manfred Paula oder Stefan Lex, aber die Löwen sind kein Leichtgewicht, sondern ein Schwergewicht mit einer brutalen Wucht. Bei 1860 musst du mehr leisten als bei vielen anderen Klubs – und auch das Netzwerk ist entscheidend. Schauen Sie nach Nürnberg! Das ist ein gutes Vorbild für 1860!
db24: Genau – Nürnberg profitiert seit Jahren von seinem Kulturwandel im Nachwuchsbereich…
Mit Michael Wiesinger als NLZ-Boss hat das angefangen – aber auch die, die noch hier sind, sind top: Dieter Frey, Marek Mintal oder Andy Wolf. Das sind alles Koryphäen auf ihrem Gebiet. Die Durchlässigkeit von unten nach oben ist überragend. Der Club generiert Jahr für Jahr Millionen durch Transfererlöse. Das könnte auch bei 1860 so laufen.
db24: Wie war Ihre Zeit bei 1860 eigentlich genau?
Ich bin zweimal mit Sechzig aufgestiegen, ich war zweimal auf dem Rathausbalkon – und trotzdem hatte ich immer einen schweren Stand. Sagen wir es mal so: Werner Lorant war kein Freund von mir. Da gibt’s auch eine witzige Anekdote…
db24: Wir sind ganz Ohr…
Ich kann mich noch gut an ein Heimspiel in der Saison 1993/94 im Grünwalder Stadion gegen Bayer Uerdingen erinnern. Ich stand nicht in der Startelf – und schon nach fünf Minuten haben 20.000 Fans meinen Namen gebrüllt. Werner Lorant hat sich umgedreht und zu mir gesagt: „Da können 100.000 brüllen – ich wechsle dich nicht ein!“ Der damalige Sportchef Helmut Schmitz saß neben mir. Ich sagte zu ihm: „Ich gehe jetzt!“ Er konnte mich aber zum Bleiben überreden. In der Schlussphase wurde ich doch eingewechselt. Meine erste Aktion war ein Fallrückzieher nach einer Flanke von Armin Störzenhofecker. Es wäre fast das 1:0 gewesen. Am Ende mussten wir uns mit einem 0:0 begnügen.
db24: Wie verbunden fühlen Sie sich 1860 heute noch?
Ich bin ganz ehrlich: Wenn ich einmal im Jahr meinen Geburtstag feiere, würde ich schon erwarten, dass man mir zumindest auf der Webseite gratuliert. Da bin ich not amused darüber. Es spricht nicht für den Stil bei 1860. Da stehen manche drin, die habe ich vom Namen her noch nie gehört. Das ist schon traurig. Tradition sollte man auch pflegen, nicht nur darüber reden.
