Die Bosse des Memminger Aufschwungs im db24-Interview: "Für alle Spieler ist es etwas Besonderes, gegen 1860 um Punkte zu spielen"
- VON OLIVER GRISS UND FOTO (IMAGO UND FC MEMMINGEN)
- 14.08.2026 08:46
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Fußball-Boss Serge Ahrens im Gespräch mit Memmingens Unterschiedsspieler Rietzler.
VON OLIVER GRISS UND FOTO (IMAGO UND FC MEMMINGEN)
db24: Servus, Herr Minkenberg und Herr Ahrens: Hand aufs Herz – wie viele Tickets hätten Sie für den Regionalliga-Hit zwischen dem FC Memmingen und 1860 verkaufen können?
Andreas Minkenberg: Das können wir nur schätzen, aber ich denke 1.000 bis 2.000 Karten wären bestimmt noch möglich gewesen.
db24: Wie viele Ticketanfragen erreichen Sie aktuell noch täglich – und was sagen Sie den Menschen, die hoffen, über den Präsidenten persönlich doch noch irgendwie an eine Karte zu kommen?
Minkenberg: Irgendwann kommt der Punkt, wo ausverkauft einfach ausverkauft ist.

Andreas Minkenberg
db24: Ein ausverkauftes Haus gegen 1860 ist für einen Regionalligisten natürlich auch wirtschaftlich interessant: Wie wichtig ist dieses eine Spiel für den Saisonetat des FC Memmingen?
Minkenberg: Es ist natürlich eine schöne Einnahme, weil wir mit 1860 München und einem ausverkauften Stadion zu Beginn der Saisonplanungen noch nicht gerechnet hatten. Außerplanmäßige Sprünge wird es deshalb aber nicht geben.
db24: Es heißt, der Etat der Memminger Fußballer liege zwischen 200.000 und 300.000 Euro. Nehmen Sie uns mal mit: Wie schwierig ist es inzwischen, mit diesen Möglichkeiten ein konkurrenzfähiges Regionalliga-Team zu finanzieren?
Minkenberg: Zahlen werde ich hier nicht nennen, wir sehen den Gesamtetat des Vereins zu dem auch die Finanzierung unserer umfangreichen Jugendarbeit und andere Dinge gehören. Unser Konzept ist es, Talente zu entwickeln und zu fördern. Damit und mit Spielern aus der Region wollen wir weiter bestehen. Vom früheren Weg, auch mit einigen Ex-Profis oder semiprofessionellen Spielen zu gehen, haben wir uns verabschiedet. Aus unserer Sicht der einzige Weg auch hier zu bestehen. Noch nebenbei bemerkt: Der Etat wird, ich denke fast überall, nur zu einem Bruchteil aus Zuschauereinnahmen generiert, das Gros steuern Partner und Sponsoren bei.
db24: Der FC Memmingen hat einen Traumstart hingelegt: Drei Spiele, drei Siege, Tabellenführer. Zufall, eine schöne Momentaufnahme – oder das Ergebnis jahrelanger guter Arbeit?
Serge Ahrens: Ja, das ist das Ergebnis des Weges, den wir eingeschlagen haben mit einem unheimlich engagierten und sportlichen Kompetenzteam rund um die Mannschaft und auch mit den tollen Jungs selbst. Aktuell eine schöne Momentaufnahme.
db24: Gegen 1860 dürfte Ihr Team trotzdem nicht als Favorit ins Spiel gehen. Oder sagen Sie ganz keck: „Moment mal, wir sind Tabellenführer – die Löwen müssen erst einmal uns schlagen“?
Ahrens: Auf den Rängen wird mit den Sechzig-Fans sicher blau dominieren, auf dem Rasen ist das noch nicht gesagt…
db24: Wie groß ist Ihre eigene Erwartungshaltung nach diesem perfekten Saisonstart? Darf in Memmingen jetzt ein bisschen geträumt werden?
Ahrens: Träumen darf man immer. Aber Spaß beiseite: Wir sind Realisten genug, auch den starken Start richtig einzuschätzen. Wir haben schon mal neun Punkte, die uns keiner mehr nimmt.
db24: Ist die Tabellenführung für Sie tatsächlich nur eine Momentaufnahme – oder sagen Sie: Wenn wir im Winter immer noch da oben stehen, dann wollen wir auch um den Aufstieg spielen?
Ahrens: Dann lassen Sie uns im Winter nochmal drüber reden (lacht). Aber auch hier im Ernst. Wie mir erzählt wurde, ist der Verein vor einigen Jahren mal ins Lizenzierungsverfahren zur 3. Liga gegangen, um auszuloten, was alles gefordert wurde, bzw. möglich wäre. Das Ergebnis war, dass sich in allen Bereichen noch elementare Dinge tun müssten.
db24: In der Vorsaison haben Meister Nürnberg II und auch die SpVgg Unterhaching auf den Aufstieg verzichtet. Könnte der FC Memmingen die Dritte Liga wirtschaftlich und infrastrukturell überhaupt stemmen – oder ist die Regionalliga Bayern für einen Verein wie Memmingen inzwischen das Nonplusultra?
Ahrens: Unser Ziel ist es Memmingen als Regionalliga-Standort zu etablieren und die seit Jahrzehnten erfolgreiche Jugendarbeit fortzuführen. Und wie gesagt, für 3. Liga sprich Profifußball müsste sich in allen Bereichen noch sehr viel tun.
db24: Genau da sind wir beim grundsätzlichen Problem: Welchen sportlichen Wert hat eine Regionalliga, wenn Vereine Meister werden können, den Aufstieg aber aus wirtschaftlichen Gründen gar nicht wahrnehmen wollen oder können?
Ahrens: Die Frage greift zu kurz. Die Antwort muss immer lauten, kann man sich den Aufstieg und die 3. Liga leisten. Die Wirtschaftlichkeit geht vor. Das ist auch bei den sogenannten Großen oder Traditionsvereinen so, sonst würden auch nicht so viele sich in der vierten oder fünften Liga tummeln.
db24: Die geplante Reform der Aufstiegsregelung ist zuletzt ausgebremst worden. Wie bewerten Sie das – und was müsste sich ändern, damit ein Regionalliga-Meister tatsächlich eine verlässliche Perspektive auf den Aufstieg bekommt?
Ahrens: Die Schnittstelle zwischen Amateur- und Profifußball war schon immer der Knackpunkt. Über viele Jahrzehnte gesehen, gab es mit zig Reformen noch nie eine befriedigende Lösung. Momentan ist der erforderliche Konsens quer durch Fußballdeutschland offenbar nicht zu schaffen. Bei allen Reformgedanken um Regionalliga-Zusammensetzung und Drittliga-Aufstieg muss überall aber auch der nachfolgende Unterbau mit bedacht werden. Jede Änderung oben zieht auch massive Veränderungen in den nachfolgenden Spielklassen nach sich.
db24: Wenn Sie einem Fußballfan, der den FC Memmingen bislang kaum kennt, Ihren Verein schmackhaft machen müssten: Wofür steht die DNA dieses Allgäuer Traditionsvereins?
Minkenberg: Ist der FC Memmingen wirklich so unbekannt? Wir stehen für die Aus- und Weiterbildung von Talenten auch über den Fußball hinaus. Schauen Sie sich mal die Liste der vergangenen Jahrzehnte an, wie viele Jungs, aber auch Mädels über Memmingen ihre Fußballtraum verwirklichen konnten und den Sprung in den Profibereich geschafft haben. Vermutlich haben das nicht viele Amateurvereine in Deutschland in dieser Zahl geschafft.
db24: Und wie fußballverrückt ist Memmingen eigentlich? Kann das Gastspiel von 1860 vielleicht auch etwas auslösen, das über diesen einen Abend hinausgeht? Stichwort: Profifußball…
Minkenberg: Ein Spiel ist immer eine Momentaufnahme. Jeder Sieg etwas Schönes. Der FC Memmingen ist im Allgäu seit Jahrzehnten die fußballerische Nummer eins, so gesehen ist es für die Fans in der Region eine gewisse Normalität oder Selbstverständlichkeit, dass wir in den oberen Amateurligen spielen. Wenn es nach unten mal enger wird oder mit guten Leistungen oben mitgespielt werden kann, dann lassen sich auch mehr Fans als unser treuer Stamm anlocken.
db24: Als klar war, dass 1860 wieder in die Regionalliga Bayern muss: Was war Ihr erster Gedanke – sportlich attraktiver Gegner oder vor allem ein gewaltiges Zugpferd für die gesamte Liga?
Minkenberg: Natürlich ist es trotz aller Turbulenzen um 1860 für die Regionalliga ein Gewinn, sportlich und zuschauertechnisch.
db24: Wie wichtig ist 1860 mit seiner enormen Anhängerschaft für die Regionalliga Bayern insgesamt – gerade für Vereine, bei denen normalerweise nicht mehrere Tausend Zuschauer auf den Rängen stehen?
Minkenberg: Jeder freut sich auf das Gastspiel im Grünwalder Stadion und auf die Heimspiele gegen die Löwen, auch wenn sich einige in der Organisation ganz schön strecken müssen. Wir haben mit großen Spielen Erfahrungen, aber dennoch ist es jedes Mal wieder eine Herausforderung, denn bei uns wird nach wie vor ehrenamtlich gearbeitet. Für alle Spieler ist es natürlich etwas Besonderes gegen 1860 um Punkte spielen zu dürfen.
db24: Wie bewerten Sie die Löwen aus der Ferne – und wie nehmen Sie den radikalen Neustart wahr, der gerade in München-Giesing vollzogen wird?
Ahrens: Da steht uns eine Bewertung nicht zu. Natürlich haben wir die Entwicklung in den Medien verfolgt. Fakt ist, 1860 spielt in der Regionalliga. Was in diesem Zusammenhang für die Regionalliga wichtig ist, darüber hat uns der BFV informiert.
db24: Aktuell läuft die neue Spielbetriebs-GmbH der Löwen mit Spielern auf, die von der in der Vorinsolvenz befindlichen KGaA geleast werden. Wenn Sie das als Vorsitzender eines anderen Regionalligisten betrachten: Ist das für Sie ein völlig normaler Vorgang – oder zumindest eine ungewöhnliche Konstruktion?
Ahrens: Auch dazu kann nichts sagen, weil wir da keine Einblicke haben und es auch nicht unser Thema ist. Ich gehe davon aus, dass es in rechtlicher Abstimmung auch mit dem Bayerischen Fußballverband erfolgt.
