Skurriles aus Giesing
- VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
- 31.07.2026 09:12
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Um ihn geht`s: Biel Ballester Relat (rechts).
VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
Aber erst ein kurzer Rückblick: Über all die Monate vor dem Lizenzentzug am 3. Juni 2026 war von Präsident Gernot Mang oft zu hören, dass das Verhältnis zu Hasan Ismaik von Respekt und Wertschätzung geprägt sei. Der Jordanier selbst hatte die öffentliche Kommunikation bis zum schwarzen Mittwoch gänzlich eingestellt.
Offenbar war sein Mann vor Ort Aufsichtsrat Biel Ballester Relat, den Ismaik im Spätsommer 2025 in das Kontrollgremium geholt hatte. Er soll sich auch um die Immobiliengeschäfte Ismaiks kümmern.
Laut SZ schrieb Ismaiks damaliger Anwalt Ali Mosfer am 15. Dezember 2025: „Es dürfen keine Zahlungen ohne Biels Unterschrift ausgeführt werden.“ Selbst wenn der eigentliche KGaA-Geschäftsführer Manfred Paula „eine Zahlung freigibt, ist Biels Gegenzeichnung zwingend erforderlich“. Dies sei „strikt auf Zahlungen und umsatzsteigernde Maßnahmen (…) beschränkt“. Man sei „offen für jede rechtliche Ausgestaltung, z. B. Prokura, interne Richtlinien, Änderung der Satzung oder jede andere passende Lösung“.
Am 15. Februar 2026 war es dem Mutterverein dann offenbar zu viel. e.V.-Anwalt Guido Kambli, der bereits zu Wildmosers Zeiten aktiv war, schrieb Mosfer an, um „in aller Deutlichkeit zu den fortgesetzten Kompetenzüberschreitungen und Rechtsverstößen“ Stellung zu nehmen: „Wenn ein Aufsichtsratsmitglied operative Maßnahmen durchführt, überschreitet es seine gesetzlich festgelegten Kompetenzen; für Mitglieder des Beirats gilt dies analog. Das Mandat von Herrn Biel Ballester Relat aus dem Jahr 2025 als ‚Entsandter des Beirats‘ – welches inzwischen längst abgelaufen ist – war unmissverständlich formuliert: Die Tätigkeit erfolgt ausschließlich in einer unterstützenden und beratenden Rolle.“
In dem Schreiben sind Relats angebliche Verstöße in Bezug auf Finanzen, Sponsoren, Vermarktung, Stadion und Spielbetrieb aufgelistet. Ein schwerer Vorwurf: Angeblich soll Relat eigenmächtig „ein new payment approval process“ eingeführt haben, „bei dem sämtliche Rechnungen Herrn Biel Ballester Relat vorzulegen sind“ und von ihm „freigegeben werden müssen“. Teilweise seien fällige Rechnungen „on hold“ gesetzt worden – „ohne jeden Rechtsgrund“.
Nach SZ-Informationen wies das Präsidium Mang in der Folge Paula an, nur noch Anordnungen des Präsidiums auszuführen, um den Geschäftsführer selbst vom Druck der Investorenseite zu befreien. Relat soll laut Kamblis Schreiben direkt Kontakt zum Vermarkter Infront aufgenommen und 400.000 Euro mehr Sponsoringerlöse gefordert haben. Hinzu komme „eine unabgestimmte Ansage an die Geschäftsführung von Infront, auf ihr zustehende Vermarktungserlöse zu verzichten und schon in der laufenden Saison für Mehrerlöse in mittlerer sechsstelliger Höhe zu sorgen, da ansonsten eine Insolvenz der KGaA im Raum stehe“.
Relat schrieb im Oktober 2025 allerdings: „Ich kann als Vertreter von HAM (Ismaiks Firma; d. Red.) bestätigen, dass wir unseren Verpflichtungen als Darlehensgläubiger nachkommen werden, so wie wir dies stets getan haben.“ Auf dieser Grundlage startete Geschäftsführer Manfred Paula im Mai den Dauerkartenvorverkauf.
Relat wollte offenbar auch mehr Geld vom Ausrüster Joma herausholen. Auch mit Trainern und Spielern soll es demnach „Gespräche und möglicherweise Verhandlungen“ sowie „Änderungen von Spielerverträgen“ gegeben haben. Außerdem soll Relat darüber nachgedacht haben, wie sich die Ticketeinnahmen im Grünwalder Stadion entwickeln würden, wenn „wir die Stehplätze vollständig entfernen und zusätzliche Sitzplätze schaffen sowie mindestens zehn VIP-Logen einrichten würden“. Das ist auf jeden Fall skurril, denn Stehplätze gehören zur deutschen Fankultur.
Hasan Ismaik reagierte am Donnerstagabend auf den SZ-Artikel, den bislang kein weiteres Münchner Medium aufgegriffen hat: „Ich habe gelesen, was die Süddeutsche Zeitung über die letzten Monate vor dem Lizenzentzug veröffentlicht hat. Es ist bedauerlich, dass eine Zeitung von diesem Gewicht einen derart komplexen Vorgang auf die Darstellung nur einer Seite reduziert, während jene Fragen ausgeblendet werden, die eigentlich im Mittelpunkt der Debatte stehen müssten. Die Frage lautet nicht: Warum hat Biel Ballester Relat Fragen zu Zahlungen, Verträgen und Einnahmen gestellt? Die eigentliche Frage lautet: Warum wurden gerade diese Fragen selbst zum Problem? In jedem professionell geführten Unternehmen wäre die natürliche Reaktion, wenn ein Mitglied des Aufsichtsrats die Prüfung von Verträgen, Zahlungen oder Einnahmen verlangt, nicht Empörung, sondern die Frage: Was hat er festgestellt? Bei 1860 hingegen lautete die Reaktion offenbar: Wie konnte er es wagen, überhaupt Fragen zu stellen? Genau darin liegt das Problem.“
Ismaiks Begründung angesichts eines Klubs, der seit Jahren ein strukturelles Defizit von über zwei Millionen Euro pro Saison schreibt: „Kontrolle ist keine Machtergreifung. Eine Prüfung ist keine Verschwörung. Rechenschaftspflicht ist keine Feindseligkeit. Und gute Unternehmensführung ist kein Versuch, sich den Verein anzueignen. Sie ist vielmehr die Grundlage jeder professionellen Institution, die sich selbst ernst nimmt. Die Frage, die die Presse hätte stellen müssen, lautet daher nicht: Wer hat die Kontrolle veranlasst? Sie hätte lauten müssen: Warum wurde Kontrolle abgelehnt? Auch als eine umfassendere Prüfung von Abläufen, Verträgen und Kommunikation vorgeschlagen wurde, hätte die professionelle Frage lauten müssen: Was könnte eine solche Prüfung zutage fördern? Stattdessen wurde bereits der Wunsch nach Überprüfung selbst zum Vorwurf gemacht.“
In einer Sache hat Ismaik auf jeden Fall recht: „Es entspricht weder den Grundsätzen guter Unternehmensführung noch denen der Fairness, die Entscheidungsgewalt auszuüben, solange alles den eigenen Vorstellungen folgt, und anschließend sämtliche Fehlentwicklungen dem Investor anzulasten, sobald das Modell scheitert. Über viele Jahre hinweg wurde von mir erwartet, den Klub in jeder Krise erneut zu finanzieren. Doch sobald Fragen zur Unternehmensführung, zur Geschäftsleitung, zur Kontrolle oder zu den Einnahmen gestellt wurden, wurde bereits das Stellen dieser Fragen zum Gegenstand von Vorwürfen.
Das trägt nicht dazu bei, zu verstehen, was tatsächlich geschehen ist. Es lenkt vielmehr von jenen Fragen ab, die beantwortet werden müssen. Wenn 1860 Jahr für Jahr auf zusätzliche Finanzmittel angewiesen war, lautet die entscheidende Frage nicht: Wer hat gezahlt? Die entscheidende Frage lautet: Warum wurde niemals ein tragfähiges und nachhaltiges Modell geschaffen?“
Ismaiks vielsagender Schlusssatz: „Die Wahrheit fürchtet keine Dokumente. Sie fürchtet keine Prüfung. Und sie fürchtet keine Fragen. Im Gegenteil: Je gründlicher man nach ihr sucht, desto stärker wird sie. Wer nichts zu verbergen hat, muss auch keine Überprüfung fürchten. Was 1860 heute braucht, sind daher nicht noch mehr gegensätzliche Darstellungen, sondern mehr Dokumente, mehr Transparenz und mehr von den Fragen, die bislang nicht gestellt wurden.“
Die wichtigste Frage, die viele Fans beschäftigt: Warum kann 1860 seit vielen Jahren nicht sauber wirtschaften und schreibt immer ein Minus? Genau daran wird Gernot Mang und die neue Spielbetriebs-GmbH jetzt gemessen.
