VON OLIVER GRISS

Am Sonntagnachmittag hatte sich 1860-Allesfahrer Fritz Fehling (74) noch einmal aufgerafft, aber das auch nur, weil er eine Fahrgelegenheit hatte - und so steuerte sein alter Kumpel Roman Wöll mit dessen blauen Japaner mit dem Endkennzeichen 1860 das Ziel in der Provinz an. Der mühsame 3:1-Sieg beim Landesligisten TSV Aindling war gleichzeitig auch der Abgesang der Fußballfirma der Löwen, die dem Verein seinerzeit immerhin Bundesliga bescherte. Oder auch ambitionierte Zweite Liga.

Davon ist der Altmeister von 1966 jedoch mittlerweile ganz weit entfernt. Die Realität heißt: Regionalliga Bayern. Wieder einmal ein Neustart. Weil sich die Gesellschafter nicht auf eine Fortsetzung der Zusammenarbeit einigen konnten, kam’s am 3. Juni zum großen Knall. Lizenz-Entzug, später Insolvenzantrag - eine Zukunft ohne große Perspektive. Zu viel für Fehling.

Fehling ist der gebrochene Löwe.

Wie ihm geht es vielen. Was man allerdings bei Fehling wissen muss: Der Mann, der wie ein in die Jahre gekommener abgekämpfter und zerrupfter Löwe aussieht, ist keiner, den man einem Lager zuordnen sollte. Was er immer wollte: Anspruchsvollen und erfolgreichen Fußball. Er redet nicht viel. Er beobachtet lieber - und was er beobachtet, gefällt ihm nicht. Nein, Fehling ist alles, aber kein Spaßverderber.

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Dass 1860 - wie schon 2017 - künstlich gehypt wird, um die Kritik zu verscheuchen, damit kann Fehling nichts anfangen. Er hatte sein bisheriges Leben immer nach 1860 ausgerichtet, sogar auf eine Familie verzichtet - und das alles nur, um seinem Klub ganz nah sein kann. “Ich spüre eine unglaubliche Leere. Es gibt nichts Vergleichbares, wie ich mich fühle. Ich habe mit 1860 abgeschlossen”, erklärte Fehling jetzt gegenüber db24: “Irgendwann ist die Verarschung zu groß. Richtig ins Detail will ich aber nicht gehen. Ich muss aufpassen, dass hinter mir nicht einer mit dem Messer steht.”

Die Zerissenheit unter den Fans beschäftigt auch den 71-jährigen Wöll. Gegenüber der “Aichacher Zeitung” sagte er: “Der Krieg zwischen der Ukraine und Russland ist eher zu Ende als der bei uns. Dabei sind wir doch ein Verein.” Und Fehling fügt gegenüber db24 hinzu: “Früher gab es auch schon das Lagerdenken, weit vor Hasan Ismaik - aber früher gab es immer zwei gemeinsame Feinde: Den FC Bayern und den DFB. Und jetzt ist: Jeder gegen jeden.”

Das Klima bei 1860 hat sich seit vielen Jahren rapide geändert. Fans mit anderen Meinungen werden geächtet, diskreditiert und wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Genau das ist das Problem in diesem einst liebenswerten, aber chaotischen Klub - und Fehling hat Glück, dass er noch zur alten Generation gehört, die mit dem Internet eher weniger anfangen kann. So bleibt ihm wenigstens erspart, dass er in Social Media angemacht wird. Er informiert sich auch heute noch traditionell durch diverse Münchner Zeitungen, was bei seinem Lieblingsklub passiert.

Fehling hat sich entschieden, sich keine Dauerkarte mehr für 1860 zu kaufen. “Ich werde mir keine Punktspiele mehr anschauen. Es reicht”, sagt er mit verbitterter Stimme: “Was ich mir aber noch anschauen werde, ist der Toto-Pokal und ausgewählte Freundschaftsspiele. Vielleicht auch das DFB-Pokal-Spiel gegen Holstein Kiel, wenn es zustande kommt. Aber sonst nix mehr”, so Fehling, der in den 60er Jahren zum Fan wurde: “Der Radi ist schuld, dass ich mein ganzes Leben 1860 gewidmet habe.”

Aber auch zu Werner Lorant hatte Fehling eine besondere Beziehung, denn in dieser Zeit stieg 1860 von der Bayernliga bis in den Europapokal durch. Wohlgemerkt in Rekordzeit - heute dreht sich der Klub auf einem überschaubaren Niveau im Kreis. Selbstverschuldet. “Der Fußball steht schon seit längerer Zeit nicht mehr im Vordergrund. Alles andere ist wichtiger.” Wenn du gar keinen Fußball mehr siehst, dann ist es halt schlecht. Nichts gegen die Jungs, die jetzt auf dem Platz rumlaufen, aber das ist doch nicht Sechzge. Ich habe kein Problem, wenn 1860 verliert. Aber das?”

Dass 1860 ab sofort nicht mehr mit dem Löwen auf der Brust und stattdessen mit dem FA-Logo aufläuft, schmerzt Fehling ungemein: “Sechzge ist der Löwe - und nichts anderes. Das ist jetzt wie eine andere Mannschaft.” Was Fehling, der nach 40 Jahren aus seiner Münchner Wohnung raus muss und deswegen eine neue “bezahlbare” Heimat auf rund 40 bis 50 Quadratmetern sucht, auch immer wieder feststellt: “Richtige Fußballfans gibt es kaum noch bei Sechzge. Was mich besonders stört: Die meisten, die eine ehrliche Meinung über unseren Verein haben, sagen es nicht.”