"Deutschland ist nicht mehr Deutschland!": Der zerrupfte vierfache Weltmeister
- VON OLIVER GRISS
- 30.06.2026 08:27
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VON OLIVER GRISS
Tatsächlich: Früher, als man noch stolz auf den deutschen Fußball sein konnte, war’s zumindest so: Wenn gar nichts mehr ging, dann klappte es wenigstens im Elfmeterschießen. Doch selbst diese Disziplin können mittlerweile andere besser. Es war eine trostlose Performance in den USA.
Das größte Problem: Rund um die Nationalmannschaft gibt es keine Typen mehr wie früher Lothar Matthäus oder später Bastian Schweinsteiger, die den Unterschied ausmachen. Wo sind sie, die Spitzenkräfte des deutschen Fußballs? Wo andere Nationen über Weltklasse verfügen, hat Deutschland nur den bemitleidenswerten Torwart-Opa Manuel Neuer - und eine Vielzahl an Mitläufern. Talent allein reicht nicht. Da können Jamal Musiala oder Florian Wirtz noch so begabt sein und gut vermarktet werden.
Wer jetzt überrascht tut, dass die Nagelsmänner rausgeflogen sind, hat den scharfen kritischen Blick für die Realität verloren. Es hatte sich bereits in der Gruppenphase abgezeichnet, dass Deutschland nicht über die Qualität, aber vor allem Einstellung und Mentalität verfügt, die man für ein großes Turnier braucht: 7:1 gegen Curacao, ein glückliches spätes 2:1 gegen die Elfenbeinküste - und das 1:2 gegen Ecuador.
Deutschland - der zerrupfte vierfache Weltmeister.
Von der einstigen Fußball-Hochburg Deutschland ist nicht mehr viel übrig geblieben. Es ist wie in der deutschen Autoindustrie: Man hat den Anschluss verpasst. Man lebt in der Vergangenheit, das einstige Gütesiegel “Made in Germany” existiert vielerorts nur noch in den Erzählungen. Man ruht sich lieber auf den Erfolgen der Vorfahren aus, anstatt die eigenen Strukturen und die eigene Qualität kritisch zu hinterfragen. Dazu gehört auch die Bundesliga, die ihren eigenen Ansprüchen seit Jahren hinterherhinkt. Ihr internationales Ansehen wird vor allem durch geschickte Vermarktung und PR aufrechterhalten - und der Ultra-Stimmung in den Stadien. Aber ist das ein Qualitiätsmerkmal? Wir finden nicht. In Deutschland feiert man lieber sich selbst und die Steinzeitregel 50+1. Mei, es ist ja so schee…
Auch die Nachwuchsarbeit in Deutschland hat ihren Glanz verloren. Talente werden zu oft nach demselben Muster ausgebildet. Wer anders denkt oder spielt, wird angepasst. Individualität, Kreativität und Frechheit bleiben auf der Strecke – und mit ihnen ein Stück Qualität.
Und: Nicht nur die Bequemlichkeit ist ein großes deutsches Problem, sondern auch die Kritiklosigkeit. Immer wieder eindrucksvoll zu beobachten auch in den jeweiligen Vereinen. Auch 1860 ist hier gutes Beispiel - so nach dem Motto: “Was wollt ihr eigentlich? Wir haben doch die Mitgliederversammlung hinter uns. Wir sind gewählt.” Hey, Selbstkritik? Fehlanzeige.
Nichts gegen Julian Nagelsmann, allein aufgrund seiner 1860-Vergangenheit. Aber wer oft so dünnhäutig auf ganz normale Fragen von Journalisten reagiert, hat es nicht im Kreuz, Bundestrainer und Vorbild für eine ganze Nation zu sein. Nagelsmann muss abtreten! Es gibt nur einen, der Deutschland jetzt übernehmen kann - Jürgen Klopp. Ohne Wenn und Aber.
Solange Fußball-Deutschland weiter im eigenen Saft schmort, Kritik als Angriff versteht und sich weigert, von den Besten zu lernen, wird der Absturz weitergehen. Die Premier League ist der Maßstab – nicht, weil sie mehr Geld hat, sondern weil sie mutiger, schneller und kompromissloser arbeitet. Deutschland dagegen verwaltet noch immer seinen guten Ruf. Doch vom früheren Glanz allein gewinnt man keine Weltmeisterschaften mehr.
Oliver Griss (54) schreibt seit 1989 über den TSV 1860, darunter 12 Jahre für die Münchner Abendzeitung. In dieser Zeit betreute er zwischen 2005 und 2008 auch die deutsche Nationalmannschaft, darunter auch beim legendären Sommermärchen 2006.






