Der Gastkommentar von Löwen-Fan Johann K.: Ein echter Neustart braucht weniger Pathos und mehr Ehrlichkeit
- Oliver Griss
- 27.06.2026 18:12
- 6 Minuten Lesezeit
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Aufbruch? Neuanfang? Freiheit für Sechzig? Noch ist völlig offen, wohin die Reise des TSV 1860 führt. Seit wenigen Tagen ist Insolvenzverwalter Dr. Max Liebig bei den Löwen im Amt. Seine Aufgabe: Er prüft, ob die Fußball-KGaA noch saniert werden kann – oder ob am Ende nur die Zerschlagung bleibt.
Nach dem Insolvenzantrag: Teilen Sie den e.V.-Kurs von Präsident Mang?
Viele Fans stellen sich inzwischen die Frage, warum es überhaupt so weit kommen musste. Einer von ihnen ist Johann K. aus dem Chiemgau (der vollständige Name und die Kontaktdaten sind der Redaktion bekannt). Ausgelöst durch den Leserbrief des bekannten Löwen-Fans Stefan Markt im Fanportal „sechzger.de“ mit dem Titel „Stunde Null – alles auf Anfang“ hat er diesen Gastkommentar an db24 geschickt.
Der Leserbrief „Stunde Null – alles auf Anfang“ zum TSV 1860 München ist emotional, rhetorisch stark und zielt klar darauf ab, die Fans zu mobilisieren. Gerade weil er viele Menschen erreichen dürfte, halte ich eine nüchterne, kritische Einordnung für notwendig. Die folgenden Ausführungen sind meine persönliche Meinung, gestützt auf öffentlich zugängliche Informationen und eine sachliche Bewertung der Lage des Vereins.
1. „Neuanfang“ – aber Verantwortung lag schon immer beim e.V.
Der Text vermittelt den Eindruck, der e.V. übernehme erst jetzt – nach der Insolvenz der Spielbetriebs-KGaA – wieder Verantwortung. Tatsächlich lag die Verantwortung durch die 50+1-Regel bereits seit Jahren beim e.V. und seinen Vertretern: Geschäftsführer, Budgetrahmen, strategische Ausrichtung und Personalentscheidungen wurden nicht vom Investor allein, sondern maßgeblich vom Verein mitbestimmt.
Wenn nun so getan wird, als beginne erst jetzt eine Phase echter Verantwortlichkeit, wirkt das wie eine rhetorische Umschreibung der Vergangenheit. Die Verantwortung war da, sie wurde nur nicht professionell genutzt.
2. Fehlende Selbstkritik: Der e.V. bleibt außen vor
Der Leserbrief fordert Geschlossenheit, Engagement und Disziplin der Fans, vermeidet aber jede ernsthafte Selbstkritik des e.V.:
Viele der strategischen und strukturellen Entscheidungen, die zu den heutigen Problemen geführt haben, wurden vom e.V. selbst getroffen oder trotz 50+1 nicht verhindert. Die Verantwortung für diese Fehlentwicklungen liegt daher nicht nur bei externen Partnern, sondern eindeutig auch beim Verein selbst.
Der e.V. selbst hat über Jahre hinweg eigene finanzielle Verpflichtungen aufgebaut, was strukturelle Herausforderungen innerhalb des e.V. deutlich macht.
Über Jahre fehlte eine konsistente, nachhaltig sportliche und wirtschaftlich sichtbare Strategie.
Stadionpläne wurden präsentiert, deren Finanzierung und Realisierbarkeit völlig offen sind.
Ein echter Neuanfang beginnt nicht mit Appellen an die Basis, sondern mit Transparenz, klarer Fehleranalyse und struktureller Reformbereitschaft an der Spitze.
3. Verantwortung wird nach unten durchgereicht
Der Leserbrief fordert:
mehr Mitgliedschaften
mehr Spenden
mehr Engagement
mehr Disziplin
Das alles kann sinnvoll sein. Aber in der aktuellen Konstellation wirkt es wie eine Verschiebung der Verantwortung: Die Fehler, die zuvor im Zusammenspiel von e.V., KGaA und Investor entstanden sind, sollen nun von den Fans durch Geld und Loyalität ausgeglichen werden.
Früher hieß es oft: Der Investor müsse für Misswirtschaft geradestehen. Jetzt, nach der Insolvenz der Spielbetriebs-KGaA, sollen plötzlich die Fans einspringen, ohne dass sich die Strukturen sichtbar professionalisiert hätten. Warum sollte es ohne grundlegende Änderungen im Verein plötzlich besser laufen?
4. Sportliche und organisatorische Realität: Regionalliga ohne Fundament
Während der Leserbrief von Aufbruch spricht, ist die Ausgangslage ernüchternd:
Die Profiabteilung ist insolvent, das Verfahren ist eröffnet.
Es wurde eine neue Spielbetriebsgesellschaft gegründet und dafür muss erst noch ein Kader für die Regionalliga zusammengestellt werden.
Die Insolvenz und mögliche Rechtsstreitigkeiten werden den Verein noch lange beschäftigen.
Unter diesen Bedingungen stellen sich zentrale Fragen:
Wie soll die Regionalliga sportlich stabil gehalten werden?
Wie will man einen weiteren Absturz in die Bedeutungslosigkeit verhindern?
Wie soll parallel dazu ein Großprojekt wie ein neues Stadion realisiert werden?
Der Leserbrief beantwortet keine dieser Fragen, sondern ersetzt sie durch Appelle und Pathos.
5. „Neustart“ ohne Konzept: Emotion statt Strategie
Die Insolvenz wird im Leserbrief als Chance und „Stunde Null“ verkauft. Das ist kommunikativ verständlich, aber inhaltlich dünn. Es fehlen:
konkrete Maßnahmen zur Professionalisierung der Vereinsstrukturen
klare Verantwortlichkeiten
belastbare Finanzierungsmodelle
realistische Zeitpläne
transparente Kommunikation über Risiken und Grenzen
Stattdessen wird die Basis aufgefordert, durch Mitgliedschaften, Spenden und „positives Auftreten“ den Weg mitzutragen. Das mag kurzfristig Stimmung erzeugen, ersetzt aber keine strategische Planung.
6. Stadionpläne: Luftschloss zwischen Lärmschutz, Finanzierung und Zeitplan
Der e.V. hat eine Machbarkeitsstudie für ein modernisiertes Grünwalder Stadion vorgestellt:
25.000 Zuschauer
2.000 VIP-Plätze
Erstligatauglichkeit
Photovoltaik-Dach
CO₂-neutraler Betrieb
Kostenansatz: ca. 125 Millionen Euro
Auf dem Papier klingt das beeindruckend. In der Realität stehen jedoch mehrere Hürden:
Lärmschutz und Planungsrecht: Die Stadt hat wiederholt darauf hingewiesen, dass mehr als rund 18.000 Zuschauer an diesem Standort rechtlich schwer genehmigungsfähig sind.
Eigentumsverhältnisse und Erbpacht: Das Stadion gehört der Stadt, ein Erbpachtvertrag wäre Voraussetzung für einen Umbau.
Finanzierung: Die Stadt wird einen großen Teil übernehmen müssen, wird dafür aber schlüssige Darlegungen erwarten, wie der Verein / die Investoren ihren Anteil aufbringen kann.
Zeitplan: Ein erstligataugliches Stadion bis 2030 wirkt angesichts der aktuellen Lage unrealistisch.
In der Summe entsteht der Eindruck, dass die Stadionstudie vor allem Stimmung machen soll, während zentrale Fragen zu Finanzierung, Genehmigung und sportlicher Perspektive offen bleiben.
7. Rhetorik vs. Realität: Warum der Leserbrief an Glaubwürdigkeit verliert
Der ursprüngliche Leserbrief arbeitet mit starken Bildern: „Stunde Null“, „Wendepunkt“, „Wir alle sind der Verein“. Das erzeugt Wir-Gefühl, aber verdeckt gleichzeitig:
die historische Verantwortung des e.V.
die strukturellen Defizite in Führung und Organisation
die sportliche Unsicherheit in der Regionalliga
die finanziellen und rechtlichen Risiken der Insolvenz
die Unklarheit der Stadionpläne
Statt einer ehrlichen Bestandsaufnahme wird ein moralischer Druck aufgebaut: Wer Sechzig liebt, soll jetzt zahlen, mitmachen, positiv auftreten und nicht mehr streiten.
8. Schlussfolgerung: Ein Weg, der so nicht trägt
Zusammengefasst:
Der e.V. hatte die Verantwortung schon lange, er hat sie nur nicht professionell genutzt.
Die Insolvenz der Spielbetriebs-KGaA ist kein „Reset-Knopf“, sondern ein Symptom jahrelanger Fehlentwicklungen.
Die sportliche Basis für einen Neustart in der Regionalliga ist derzeit schwach.
Die Stadionpläne sind ambitioniert, aber in Finanzierung, Genehmigung und Zeitplan fraglich.
Die Fans sollen nun kompensieren, was zuvor in den Strukturen schiefgelaufen ist, ohne sichtbare Reformen.
Ein echter Neustart braucht weniger Pathos und mehr Ehrlichkeit: klare Fehleranalyse, professionelle Strukturen, realistische sportliche Ziele und transparente Kommunikation über das, was machbar ist und was nicht.
Grundsätzlich ist Zusammenhalt wichtig, keine Frage! Man muss aber auch ernsthaft auf allen Ebenen mit einer sachlichen Aufarbeitung und den entsprechenden Konsequenzen daraus starten - wieso sollte es sonst nach der “Stunde Null” besser werden?
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