Schwer heilbar
- VON OLIVER GRISS
- 19.06.2026 07:52
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VON OLIVER GRISS
Am 21. Juni steigt die MV: Gehen Sie hin?
Eines kann er sich bis heute auf die Fahnen schreiben: Er entdeckte einen gewissen Martin Stranzl. Wer sich nicht mehr erinnert: Der Österreicher gehörte in der Saison 1999/2000 zu den Derby-Helden gegen Rot – ja, auch das gab es einmal. Wäre der TSV 1860 im Mai 2004 nicht aus der Bundesliga abgestiegen, hätte Stranzl den Verein vermutlich nie verlassen. Stattdessen führte ihn sein Weg über den VfB Stuttgart zu Spartak Moskau und Borussia Mönchengladbach, dazu absolvierte er 56 Länderspiele für Österreich und war zeitweise sogar Kapitän des Nationalteams.
Früher haben die Menschen bei 1860 alles dafür getan, dass es ihrem Verein gut geht – und zwar nicht nur mit großen Worten in der Boazn, sondern mit ehrlicher und authentischer Arbeit, Fleiß und Führungsstil. Heute kann ich das leider nicht mehr behaupten.
Plötzlich wird darüber gesprochen, Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik müsse „gesichtswahrend“ aus der Sache herauskommen, indem er seine Anteile den Fans überlässt. Entschuldigung, aber dieser Mann hat mehr als 80 Millionen Euro in den TSV 1860 investiert. Für nichts. Und wenn wir schon über Schuld sprechen, dann bitte ehrlich: BEIDE Gesellschafter haben sich in den letzten Wochen komplett verzockt. Keiner ist in der Situation, mit dem Finger auf den anderen zu zeigen. Beide Seiten haben ihr Gesicht verloren.
Was derzeit an der Grünwalder Straße 114 geschieht, ist ein unwürdiges Schauspiel. So etwas hat der TSV 1860 in seiner bewegten Geschichte noch nicht erlebt - und es gab sehr viele Krisen. In der Tabelle der Peinlichkeiten spielt der Verein inzwischen leider in der Hitparade des Fußballs. Und das alles nur, weil es nicht gelingt, als Partner gemeinsam durch gute und schlechte Zeiten zu gehen und man es zulässt, dass Ismaik seit vielen Jahren verunglimpft wird und man schweigend zuschaut. Das hat schon lange nichts mehr mit Meinungsfreiheit zu tun - und dass wir uns richtig verstehen: Ich bin von beiden Seiten massiv enttäuscht, weil sie es zugelassen haben, dass 1860 versenkt wird. Das ist unentschuldbar.
Es gibt derzeit nur einen Sieger: Die Anwälte beider Seiten. Die Freunde des Löwen-Fußballs leiden dagegen ohne Ende. Es ist eine Tragödie.
Präsident Gernot Mang sagte zuletzt: „1860 ist kein Chaosverein.“ Gleichzeitig beklagte er, dass bei 1860 zu wenig über Fußball gesprochen werde. Diese Frage stelle ich mir allerdings schon seit zwei Jahrzehnten. Aber wer soll bei den Löwen über Fußball reden, außer die, die Erfolg auch können? Und wenn wir über Fußball sprechen wollen, dann bitte aber auch darüber, warum 1860 von den letzten 11 Pflichtspielen nur eines gewonnen hat. Schon mal hinterfragt? Nein, es ist nicht der vermeintlich schlechte Kader. Es sind ganz andere Dinge.
Vielleicht ist jetzt endlich der Zeitpunkt gekommen, Menschen ans Ruder zu lassen, die Fußball als Leistungssport begreifen – und nicht als politischen Acker. Solange der Verein seine Prioritäten falsch setzt, wird er nicht zurückfinden. Egal ob Dritte Liga, Regionalliga oder Bayernliga. Es kommt nicht von ungefähr, dass 1860 in jeder Liga sich im Kreis dreht. Auch die Ultras, die für ihre Werte kämpfen, werden irgendwann erkennen müssen, dass Romantik allein keinen Verein rettet. Denn selbst ihnen kann es nicht gefallen, statt nach Düsseldorf oder Duisburg künftig nach Buchbach oder Vilzing zu pilgern.
Und ich glaube, ich bin nicht allein mit diesem Gefühl: Der Zwangsabstieg des TSV 1860 fühlt sich an, als würde man seinen besten Freund verlieren. Einen Freund, von dem man dachte, er sei unverwundbar. Es zerreißt mir das Herz, weil dieser Sturz ins Bodenlose tiefe Wunden hinterlassen hat, die nur schwer heilen werden.
Nach meiner Rückkehr aus Asien werde ich mich mit diesem mittlerweile 89-jährigen Löwen treffen, weil es sein Wunsch ist. Mit einem Mann, der den Verein einst mit aufgebaut, Talente entdeckt und den Fußball gelebt hat. Wir werden darüber fachsimpeln, wie der TSV 1860 wieder aufstehen kann. Vielleicht liegt genau darin die größte Hoffnung: auf Menschen, die den Verein nicht als Machtinstrument begreifen, sondern als Herzensangelegenheit. Menschen, für die Sechzig immer größer war als das eigene Ego. Denn eines hat mir dieses Telefonat gezeigt: Solange es solche Löwen noch gibt, ist auch der TSV 1860 (noch) nicht verloren.






