Gräfer: Bayerische will bei 1860 mehr mitgestalten - und auch der e.V. braucht einen echten Neuanfang
- VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
- 12.06.2026 17:45
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VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
Die Fans zerbrechen sich den Kopf: Wie geht es weiter bei 1860 München? Am Montag um 15 Uhr beginnt zwar wieder das Training an der Grünwalder Straße 114, doch Aufbruchstimmung funktioniert definitiv anders, denn es droht eine juristische Schlammschlacht zwischen Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik, der nicht loslassen will - und dem Mutterverein.
Auch Martin Gräfer, der Vorstand des scheidendenden Hauptsponsors, hat sich wiederholt seine Gedanken gemacht. Auffallend: Er lobt erneut Präsident Gernot Mang und unterstützt diesen WEg - und kann sich bei einem Neubeginn für seinen Arbeitgeber Die Bayerische auch eine andere (wichtigere) Rolle bei 1860 vorstellen. Gräfers Facebook-Post im Wortlaut.
Fairer Hinweis: Dieser Post richtet sich an Anhänger, Fans und Mitglieder des TSV München von 1860 e.V. & TSV 1860 München
Was uns alle verbindet, unabhängig von unserer Sicht auf die vergangenen Jahre: der Schmerz über das, was mit diesem Verein gerade passiert. Das ist kein kleines Gefühl. Das ist der gemeinsame Boden, auf dem dieser Text steht. Ich schreibe das als Lebenszeitmitglied des TSV 1860 München. Mitglied seit dem Jahr, in dem die Bayerische Hauptsponsor wurde. Als Vorstand der Bayerischen habe ich diesen Verein jahrelang begleitet und fühle mich sehr verbunden.
Was letzte Woche passiert ist, kennt ihr. Ich schreibe das ausdrücklich nicht als jemand, der fertige Antworten hat, sondern als Mitglied, das versucht, die Lage ehrlich einzuordnen aber nicht mit dem Anspruch tatsächlich auf alle Fragen antworten zu haben oder alle Themen richtig einzuordnen.
Die Berichte rund um die aktuelle Lage auch heute wieder, empfinde ich seitdem als zunehmend skurril, nicht weil sie falsch wären (das kann ich gar nicht beurteilen) sondern weil sie die eigentliche Frage aus dem Blick verlieren: Was bedeutet dieser Moment konkret, und was braucht es für einen echten Neuanfang?
Was passiert ist — und was ich davon halte
Die Gesellschafter der KGaA haben sich über viele Jahre so tief zerstritten, dass am Ende keine gemeinsame Lösung mehr möglich war. Und beide Seiten tragen Verantwortung dafür, dass dieser Konflikt nie nachhaltig gelöst wurde. Am Ende all dessen steht nun der Lizenzentzug. Fakt ist: Die Löwen spielen nächste Saison bestenfalls in der Regionalliga.
Die Kündigung des Kooperationsvertrages halte ich vor diesem Hintergrund für richtig und notwendig. Aber was jetzt folgt, ist keine Umstrukturierung. Es ist näher an einer Neugründung.
Warum dieser Neustart so komplex ist und so unterschätzt wird
In der KGaA steckt fast alles, was heute den Fußballbetrieb ausmacht: Spielerverträge, Mitarbeiterverträge, Ticketing, IT, Sponsorenverträge, Vermarktung, Markenrechte. Nichts davon geht automatisch auf den e.V. über. Und hinter all diesen Strukturen stehen Menschen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die seit Jahren, manche seit Jahrzehnten, loyal für diesen Verein arbeiten. In allen Bereichen, vom Ticketing über Finanzen bis zu Marketing und PR. Sie tragen diese Krise nicht. Sie leiden unter ihr. Das darf in dieser Debatte nicht zur Randnotiz werden.Hinzu kommt ein Punkt, der in der bisherigen öffentlichen Diskussion kaum vorkommt: die Infrastruktur. Das Trainingsgelände, das Nachwuchsleistungszentrum und die Verwaltungsgebäude an der Grünwalder Straße 114 befinden sich auf einem Erbpachtgrundstück. Das Erbbaurecht liegt bei der KGaA. Die KGaA ist damit Eigentümerin der Gebäude und Aufbauten. Im Falle einer Insolvenz würden diese Gebäude grundsätzlich Teil der Insolvenzmasse werden und könnten, abhängig von der rechtlichen Ausgestaltung, Gegenstand einer Verwertung sein. Der e.V. hat darauf, wenn ich das alles richtig verstehe, keinen automatischen Zugriff. Auch der Mietvertrag für das Grünwalder Stadion läuft auf die KGaA. Das Stadion gehört der Stadt München. Aber auch hier gilt: Der e.V. braucht eine eigene Vereinbarung und zwar jetzt.
Das bedeutet konkret: Wo trainiert die Mannschaft in sechs Wochen? Mit welchem Logo auf der Brust läuft sie auf? Das sind keine rhetorischen Fragen. Das sind die drängendsten Fragen dieses Neustarts. Wer spielt und wer wird trainieren? Das gilt möglicherweise auch für Marken- und Verwertungsrechte, deren genaue Zuordnung und Nutzbarkeit derzeit zumindest nicht abschließend geklärt erscheint.
Wo die Stadt München jetzt gefragt ist — konkret und schnell
Es freut mich sehr, in öffentlichen Medien zu lesen, dass zwischen der Stadt und dem Verein bereits Gespräche geführt werden und dass diese konstruktiv verlaufen. Das ist gut. Das ist wichtig. Aber es gibt etwas, das es nicht gibt: Zeit. Es braucht keine perfekten Lösungen. Es braucht schnell — sehr schnell — konkrete Ansätze. Denn der Spielbetrieb startet in wenigen Wochen, nicht in wenigen Monaten. Beim Trainingsgelände liegt ein wichtiger rechtlicher Aspekt, der in der aktuellen Diskussion kaum vorkommt. Bei Insolvenz des Erbbaurechtsnehmers kann der Grundstückseigentümer einen sogenannten Heimfallanspruch geltend machen: Er kann das Erbbaurecht zurückfordern — gegen Entschädigung, aber aktiv und ohne auf den Ausgang eines Insolvenzverfahrens warten zu müssen. Dieser Anspruch muss innerhalb von sechs Monaten nach Kenntnis geltend gemacht werden.
Wenn die Stadt diesen Weg geht, könnte sie verhindern, dass Trainingsgelände und Gebäude in einem Insolvenzverfahren zerschlagen oder an Dritte veräußert werden. Und sie könnte das Erbbaurecht anschließend direkt an die neue Spielbetriebs-GmbH des e.V. vergeben. Zu fairen, neu verhandelten Konditionen. Das wäre kein Gefallen an einen Fußballverein. Das wäre aktive Stadtpolitik: Infrastruktur sichern, Arbeitsplätze erhalten, einem Traditionsverein mit bald 30.000 Mitgliedern eine echte Grundlage geben.
Beim Stadion braucht es sofort eine Übergangslösung bei der Miete, die der tatsächlichen wirtschaftlichen Situation gerecht wird. Die langfristige Zukunftsplanung — Erbpacht, Ausbau, Kapazität — kann danach folgen. Aber erst muss der Spielbetrieb gesichert sein.
Die neue Spielbetriebs-GmbH ist der richtige Weg — aber kein Selbstläufer
Die Gründung einer vereinseigenen Spielbetriebs-GmbH ist richtig. Sie liegt zu 100 Prozent beim Verein. Aber auch sie braucht Geld: für Ticketing-Systeme, für Sponsoring-Strukturen, für Menschen, die Vermarktung tatsächlich umsetzen können. Die Spenden der Fans sind ein starkes Zeichen und es ist großartig! Es ist ein Anfang. Das Persönlichkeiten wie Rudi Völler aus den USA heraus ankündigen auch einen Beitrag zu leisten, zeigt: Dieser Verein hat eine Bedeutung, die über jede Liga hinaus geht.
Aber: Mögliche, weitere Rechtsstreitigkeiten mit HAM könnten erhebliche Mittel binden, die dann für den Spielbetrieb fehlen. Das muss bei aller berechtigten Empörung mitgedacht werden.
Sponsoren: nicht nur Geldgeber, sondern Mitgestalter
Sponsoren stehen in dieser Situation vor einer besonderen Herausforderung. Niemand kann Interesse daran haben, in laufende Auseinandersetzungen um Marken- oder Werberechte hineingezogen zu werden. Und trotzdem: Sponsoren sind jetzt nicht nur Geldgeber. Sie können mitgestalten und Verantwortung übernehmen — auf eine Art, die weit über klassisches Sponsoring hinausgeht. Gerade in einer Phase des Umbruchs kann daraus etwas entstehen, das einen Verein langfristig trägt. Ich verheimliche nicht, dass wir im Hause der Bayerischen bereit sind, genau das ernsthaft zu prüfen. Und das machen wir auch bereits. Das ist kein Versprechen. Aber es ist eine ehrliche Haltung.
Ein besonderes Wort zum Fanshop
Die Merchandising GmbH gehört vollständig dem Mehrheitsgesellschafter der KGaA. Ihre Zukunft ist aktuell in diesem Szenario unklar. Dabei hat sie sich zuletzt durchaus positiv entwickelt — der Shop am Flughafen war für viele Fans ein sichtbares Zeichen dafür, was möglich ist. Auch dort arbeiten Menschen, die das nicht verdient haben, was gerade passiert. Was bedeutet die Kündigung des Kooperationsvertrages und der Neuanfang für die Merchandising GmbH? Der Fanshop-Konflikt war längst sichtbarer Ausdruck des tieferliegenden Konflikts — bis in den Abflugterminal des Münchner Flughafens.
Ich nutze viele Artikel und Produkte die das Logo der Löwen tragen, die ich gerne im Fanshop erworben habe und ich hoffe es wird hier konstruktive Lösungen entwickelt werden.
Ehrlichkeit über den Verein selbst
Diese Krise liegt nicht nur an Ismaik und HAM. Sie liegt auch in den Strukturen des Vereins selbst. Deshalb braucht auch der e.V. einen echten Neuanfang: eine moderne Satzung, weniger Komplexität, mehr echte Mitgliederbeteiligung. Eine hybride Mitgliederversammlung ist heute schon möglich! Das Präsidium kann, das ohne Satzungsänderung entscheiden. Wenn Strukturen am Ende vor allem dazu führen, dass sich Lager verfestigen statt überwunden werden, dann blockiert das jede Entwicklung. Deshalb halte ich eine unabhängige Kommission aus Mitgliedern für überfällig: Offen, transparent und für alle Mitglieder nachvollziehbar, die Satzung, Strukturen und Ziele des Vereins grundlegend hinterfragt.
Und es braucht endlich Ehrlichkeit: Wollen wir professionellen Fußball mit wirtschaftlicher Stärke und Partnern auf Augenhöhe oder wollen wir bewusst einen anderen, stärker mitgliederzentrierten Weg gehen? Beide Vorstellungen haben ihre Berechtigung und beide entspringen oft derselben Liebe zu diesem Verein. Aber dauerhaft kann ein Verein nicht in zwei entgegengesetzte Richtungen gleichzeitig laufen. „Wir sind der Verein” darf nicht nur für einzelne Gruppen gelten. Es muss für alle fast 30.000 Mitglieder gelten.
Zum Schluss
Vielleicht liegt genau in diesem Bruch die seltene Chance, wieder zu definieren, was TSV 1860 in Zukunft sein soll. Nicht im Streit der Vergangenheit, sondern im gemeinsamen Entwurf der Zukunft. Jetzt ist vielleicht genau der Moment, an dem wir alle uns fragen müssen, welchen Beitrag wir selbst leisten wollen. Und eines möchte ich klar sagen: Was das Präsidium und insbesondere Präsident Mang in diesen Tagen leisten, verdient Respekt und Rückhalt auch wenn die notwendigen strukturellen Fragen danach umso konsequenter angegangen werden müssen.






