Der Gast-Kommentar von Dr. Oliver Fein: "Ich appelliere an beide Lager, das Kriegsbeil zu begraben"
- VON DR. OLIVER FEIN UND IMAGO (FOTO)
- 10.06.2026 10:34
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VON DR. OLIVER FEIN UND IMAGO (FOTO)
Auf der einen Seite die Bereitschaft der Fans, für ihren Verein das letzte Hemd zu geben. Sogar DFB-Sportdirektor Rudi Völler will als ehemaliger Löwe spenden - auf der anderen Seite die Angst der Anhänger vor der sportlichen und wirtschaftlichen Zukunft. Der Gast-Kommentar von Oliver Fein aus München:
Seit fast 15 Jahren gibt es bei Sechzigs Fans und Mitgliedern zwei sich unversöhnlich,
zum Teil sogar feindlich gegenüber stehende Lager – üblicherweise „investorenkritisch“
und m.E. etwas vereinfachend „investorennah“ genannt.
Während die Vertreter des investorenkritischen Kurses aus meiner Sicht einen mehr
oder weniger aggressiven Anti-Ismaik-Kurs für angebracht hielten und im Investor im
Grunde den Alleinschuldigen der Misere sahen, zählte ich mich zur anderen Fraktion,
jedoch nicht aus Sympathie für Ismaik, sondern aus der rationalen Einsicht in die finan-
zielle Abhängigkeit des Vereins, von der sich die Verantwortlichen seit Ismaiks Rettung
vor der Insolvenz im Jahre 2011 nicht zu befreien vermochten (im Gegenteil). Einen
Kampf gegen Ismaik hielt ich daher für kontraproduktiv, ja zerstörerisch.
Doch nun hat sich Entscheidendes geändert: Ismaik kündigte zwei Darlehen (vermutlich
rechtswidrig) ohne Vorwarnung bzw. Abmahnung wenige Tage vor dem Ende der vom
DFB gesetzten Frist, wodurch eine dringend benötigte Tranche von 2,7 Mio € für die
Lizenz 2026/27 nicht zur Auszahlung kam und der erforderliche Liquiditätsnachweis
folglich nicht erbracht werden konnte.
Abbruch
Ismaik stellte dennoch eine Zahlung in Aussicht, aber nur bei Erfüllung einer Reihe von
Forderungen. Ihn focht dabei nicht an, dass einige dieser Forderungen, insbesondere die
Einsetzung eines Supervisors im Finanzwesen, wohl gegen verbandsrechtliche Vorgaben
verstoßen (Stichwort „50+1“). Letztlich kam es zu keiner Einigung der Parteien und der
Zwangsabstieg mit all seinen Nebenwirkungen war besiegelt.
Ich konnte zunächst nicht verstehen, warum man sich aus e.V.-Sicht nicht zur schieren
Sicherung der Lizenzerteilung (zunächst) auf die Erfüllung der Forderungen einließ, um
dann ggf. später gegen sie und die vorherige Kündigung rechtlich vorzugehen. Auch ver-
bandsrechtlich unzulässige Forderungen hätten keinen Bestand gehabt, so dass man
ohne Schaden hätte formal auf sie eingehen können.
Erst einige Tage später wurde mir klar, dass der Verein sich offenbar ganz bewusst nicht
auf die Forderungen einließ und damit den Zwangsabstieg in Kauf nahm. Der Zwangsab-
stieg infolge der (wohl) rechtswidrigen Darlehenskündigung lieferte nämlich den au-
ßerordentlichen Grund für die fristlose Kündigung des Kooperationsvertrags mit Ismaik
und damit das folgende Ergebnis: die Spielrechte der Profis, U21 und U19 kehrten zum
Verein zurück, die KGaA ist ihres wirtschaftlichen Zwecks beraubt, ihre Insolvenz bevor-
stehend – und Ismaik ist vor die Tür gesetzt.
Ausbruch
Durch dieses Manöver beabsichtigt der Verein den Ausbruch vom unendlichen Teufels-
kreis aus Schulden (massives negatives Eigenkapital der KGaA) und der schwankenden
Gnade eines erratischen und unberechenbaren Mitgesellschafters.
Unabhängig von der bisherigen Zuordnung zu einem der beiden oben beschriebenen
Lager und auch unabhängig von einer nicht von der Hand zu weisenden Misswirtschaft
auch durch e.V.-Entscheidungsträger in den letzten 15 Jahren, muss man nüchtern fest-
halten:
• Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Ismaik war und ist offenbar nicht möglich.
Aus meiner Sicht hat der neue Präsident Mang nach der Ägide Reisinger sehr wohl
versucht, eine Vertrauensbasis aufzubauen – vergeblich wie das Verhalten Ismaiks
gezeigt hat.
• Ismaik gab stets zu viel zum Sterben und zu wenig zum Leben. Schon vor den denk-
würdigen letzten Tagen stand beispielsweise fest, dass der Etat aus der letzten Sai-
son – schon damals keineswegs ein Spitzenetat in der Liga - nochmals um etwa ein
Drittel für die kommende Saison hätte gesenkt werden müssen. Der erneute Nicht-
Aufstieg bzw. sogar ein Kampf um den Klassenerhalt wäre vorprogrammiert gewe-
sen. Auch auf mittlere und längere Sicht wären die sportlichen Perspektiven ange-
sichts der permanenten Unterfinanzierung düster gewesen. Sechzig wäre wohl immer mehr in ein schleichendes Siechtum verfallen.
• Ismaik hat immer wieder Entscheidungen getroffen, an deren wirtschaftlicher Sinn-
haftigkeit – selbst aus seiner Interessenssphäre – zu zweifeln war und ist. So auch
seine Entscheidung zur Kündigung der Darlehen und damit der Förderung des
Zwangsabstiegs. Bereits nach 2017 zum zweiten Mal! Mit einem offenbar emotional
tickenden und letztlich unzuverlässigen Mitgesellschafter lässt sich keine nachhalti-
ge und erfolgreiche Zusammenarbeit bilden.
Dass dem Vorgehen des e.V. ganz offensichtlich ein wohlüberlegter Plan zugrunde liegt,
zeigt auch die bereits im Gange befindliche Gründung einer neuen Spielbetriebsgesell-
schaft. Auf diese Gesellschaft sollen die derzeit beim e.V. geparkten Assets übertragen
werden. Es wäre auch zu wünschen, wenn der Hauptsponsor sowie natürlich auch alle
anderen Sponsoren im Rahmen dieser neuen Spielbetriebsgesellschaft wieder aktiv
werden. Natürlich sollen auch die Angestellten der KGaA dort ihren neuen Arbeitgeber
finden.
Aufbruch
Der Verein, allen voran der Präsident, ruft zur Geschlossenheit der Löwenwelt auf und
bezeichnet den derzeitigen Zustand als „Befreiungskampf“ – ich würde noch hinzufügen
„Überlebenskampf“.
Meiner Meinung war die Entscheidung des Vereins, auf den erneuten Affront Ismaiks hin
das Kooperationsabkommen auf Kosten der 3. Liga-Zugehörigkeit zu kündigen und den
Weg zur Insolvenz der KGaA zu befördern, richtig! Dies bietet die Chance zu einem ech-
ten Neuanfang mit einem idealerweise lokalen und kooperativen Investor (Hitzlsperger
& Co.?), der nun keine Mondpreise mehr an Ismaik zu zahlen hat und daher bisher auch
keine Chance auf einen Einstieg hatte.
Ja, es bleiben – Stand heute – vielen Risiken (schlagkräftige Mannschaft 2026/27, Insol-
venzrecht, juristische Auseinandersetzung mit Ismaik) bestehen. Aber ein Befreiungs-
und Überlebenskampf ist nun mal mit Risiken behaftet. Je geschlossener das gesamte Löwenrudel hinter der Vereinsführung und ihrem Handeln steht, um so erfolgreicher sind die Chancen, dass wir in einer paar Jahren wieder da stehen, wo Sechzig auch hingehört. Ich appelliere an beide Lager, das Kriegsbeil zu begraben und gemeinsam an einem Strang zu ziehen.
Dieser Kampf wird bundesweit und sogar darüber hinaus mit Interesse verfolgt. Sollten
wir ihn gewinnen, woran ich fest glaube, würde uns Respekt und Anerkennung zuteil
werden. Auch auf dieser Ebene können wir also eine Wende weg vom Loser- und Chaos-
Image einleiten!
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