15 Jahre Ismaik - Folge 1: „Bei 1860 hat man nur nach der Liquiditätsdenke gehandelt, nicht nach dem Kaufmannsdenken"
- VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
- 31.05.2026 11:16
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VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
Tatsächlich besaß Wildmoser die besondere Gabe, in schwierigen Situationen das Ruder noch herumzureißen. Das hatte er in seiner Zeit als Löwen-Boss oft genug bewiesen. Als 1860 jedoch 2004 sportlich aus der Bundesliga abstieg, war der Großgastronom infolge des Schmiergeldskandals bereits entmachtet. Auf die Geschicke des Vereins hatte er keinen Einfluss mehr. Sein Nachfolger Karl Auer war mit der Aufgabe hoffnungslos überfordert.
So zog 1860 im Sommer 2005 als Zweitligist in die Allianz Arena nach Fröttmaning. Anfangs funktionierte das Projekt noch. Der Zuschauerschnitt lag bei 41.371 Besuchern in der Saison 2005/06 und bei 36.229 im Jahr darauf. Doch mit den ausbleibenden sportlichen Erfolgen schwand auch das Interesse. In der Saison 2010/11 kamen im Schnitt nur noch 19.541 Zuschauer zu den Heimspielen – ein alarmierender Wert für einen Klub mit diesem Stadion und diesen Ambitionen.
In diesen Jahren gaben sich Geschäftsführer und Präsidenten beinahe die Klinke in die Hand. Statt den Verein strategisch weiterzuentwickeln, kämpften sie vor allem darum, den nächsten finanziellen Engpass zu überstehen. Man hangelte sich von Saison zu Saison in der Hoffnung auf die Rückkehr in die Bundesliga.
Doch um überhaupt handlungsfähig zu bleiben, musste 1860 immer wieder sein wertvolles Tafelsilber verkaufen. U21-Nationalspieler Timo Gebhart wechselte im Winter 2008 für 3,2 Millionen Euro zum VfB Stuttgart, Lars Bender im Sommer 2009 für 2,9 Millionen Euro zu Bayer Leverkusen.
Im Herbst 2010 deutete sich an, dass die Lage ernster war als jemals zuvor. Anders als heute setzten die Verantwortlichen damals auf maximale Transparenz. Schatzmeister Dieter Schneider und Geschäftsführer Robert Schäfer luden im Dezember 2010 kurzfristig zu einer Pressekonferenz ein und zeichneten ein düsteres Bild. „Wir haben eine ernste Situation, wir reden über den Bestand des Vereins. Wenn wir sehen, dass das Konzept nicht umsetzbar ist, dann ist Schluss“, erklärte Schäfer. Was er damit meinte? Lizenzentzug und Amateurfußball!
Warum die Lage so prekär war, beschrieb Schäfer unmissverständlich: „Wir haben fünf Jahre lang massiv über unsere Verhältnisse gelebt. Wir haben uns nie davon verabschiedet, kein Erstligist mehr zu sein.“ Schneider ergänzte: „Bei 1860 hat man nur nach der Liquiditätsdenke gehandelt, nicht nach dem Kaufmannsdenken. Und irgendwann holt einen das ein. Man hat in der Vergangenheit immer auf die Zukunft gelebt.“
Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits rund acht Millionen Euro Schulden angesammelt. Die Löwen auf der Intensivstation. Dann sprach Schneider den Satz aus, der die ganze Verzweiflung der Verantwortlichen offenlegte: „Wir brauchen Banken und Investoren.“
Es war ein Hilferuf.
Mitte März 2011 berichtete die Süddeutsche Zeitung, dass den Löwen das baldige Aus drohe. Bis Ende Mai mussten 3,5 Millionen Euro aufgebracht werden, um die laufende Saison überhaupt zu Ende spielen zu können. Die Altlasten waren inzwischen auf rund zwölf Millionen Euro angewachsen. Für die Finanzierung der Saison 2011/12 fehlten zusätzlich acht bis neun Millionen Euro.
Die Hoffnung auf Hilfe aus der Politik zerschlug sich. Auch das von Schneider favorisierte Bankenmodell erwies sich letztlich als Sackgasse. An den Gesprächen waren unter anderem die Stadtsparkasse München, die Bayerische Landesbank, private Geldgeber und sogar Bayern-Präsident Uli Hoeneß beteiligt: “Wir hätten der Landesbank die acht Millionen Euro für zwei Prozent Zinsen zur Verfügung gestellt, und die Landesbank hätte das Geld dann für vier Prozent an die Löwen weiterverleihen können.” Laut Hoeneß’ Ansicht war der Deal am damaligen Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) gescheitert. Die Förderung des Profisports sei “nicht mit der Aufgabenstellung und dem Förderauftrag der LfA vereinbar”, teilte das Wirtschaftsministerium seinerzeit mit. Und dass sich die großen Münchner DAX-Unternehmen wie BMW oder Siemens nicht zur Rettung der Löwen beitragen wollten, lag damals schon an der eher problematischen Außendarstellung des Klubs.
Dann aber erschien am 31. März 2011 in der Süddeutschen Zeitung, wenige Tage nach der Absage aus der Politik, eine Schlagzeile, die in der Löwen-Familie plötzlich Hoffnung weckte: „Ein Scheich als letzte Hoffnung.“ Wer dieser geheimnisvolle Retter sein sollte, blieb zunächst offen.






