20 Jahre nach dem Arena-Verkauf spricht Ex-Geschäftsführer Ziffzer: "Wir waren mausetot - ich hatte zehn Tage Zeit bis zum Amtsgericht"
- VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
- 27.04.2026 16:08
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VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)
Als db24 am Montagnachmittag den früheren 1860-Geschäftsführer Stefan Ziffzer am Handy erreicht, ist der erst einmal verdutzt: „Was verschafft mir die Ehre?“ Ein Datum, das aus Münchner Fußballsicht auf jeden Fall historisch ist: der 27. April 2006 – also heute vor genau 20 Jahren. An diesem Tag verkauften die Löwen ihre 50 Prozent an der Allianz Arena an den FC Bayern. Noch vor dem WM-Eröffnungsspiel in Fröttmaning waren die Sechziger den Fußballtempel schon wieder los.
Gab es keine andere Lösung? „Als ich kam“, sagte Ziffzer gegenüber db24 rückblickend, „war 1860 insolvent und eigentlich im Konkurs. Nur: Das wollte keiner wahrhaben. Als ich das festgestellt hatte, hatte ich noch genau zehn Tage, um zum Amtsgericht zu gehen. Für Sechzig blieb uns keine andere Wahl. Ich hatte keine Zeit mehr, um Investoren anzusprechen, um die Arena zu halten. Wir waren mausetot.“
Wie ging’s dann weiter? „Ich bin zu den Bayern und habe die Hosen runtergelassen: Wir waren mit der Miete in Rückstand – und das nicht gering. Es ist dann ein Preis ermittelt worden, mit dem wir alles abdecken konnten. Der Preis hatte nichts mit dem tatsächlichen Wert der Allianz Arena zu tun. Was man dazu wissen muss: Das Grundstück gehört ja der Stadt, das läuft über die Erbpacht. Die Kredite für den Bau lagen bei rund 350 Millionen Euro. Davon haben die Bayern und Sechzig jeweils eine Million Euro Eigenkapital eingebracht. Der Zinssatz lag bei rund sieben Prozent – das macht im Jahr etwa 24,5 Millionen Euro. Zudem ist die Stadiongesellschaft mit einem Minus von 40 Millionen Euro gestartet. Die Einnahmen waren nicht ausreichend. Die Bayern haben mit der Allianz Arena erst rund zehn Jahre später Geld verdient…“

Deswegen sah Ziffzer keinen anderen Ausweg, als sich von dieser Spielstätte wieder zu trennen. Der frühere Löwen-Boss erinnert sich: „Der Vertrag wurde auch Christian Ude und Edmund Stoiber vorgestellt. Wir hatten eine Klausel vereinbart, dass 1860 die 50 Prozent zurückkaufen könne. Stoiber sagte, das sei wunderbar.“ Der Kaufpreis: rund 11,3 Millionen Euro. Kurz darauf wurde auch die Rückkaufoption zu Geld gemacht – weil 1860 wieder einmal dringend Kapital benötigte.
Über Aussagen von Kritikern wie dem früheren Aufsichtsrat Christian Waggershauser („Ziffzer hat nicht primär unsere Interessen vertreten“) kann der in Vaterstetten lebende 74-Jährige heute nur müde lächeln: „Es gibt sie immer wieder, die Fans, die behaupten, 1860 hätte mehr rausholen können – ich sage heute noch: Nein. Außerdem hatten wir keine Zeit!“
Für sich nimmt Ziffzer in Anspruch, dass er in seiner Zeit an der Grünwalder Straße 114 die Arena-Miete halbieren konnte und 1860 eine aufstrebende Zweitliga-Mannschaft mit neun bayerischen Spielern hatte. „Am Catering konnten wir nichts verändern“, sagt Ziffzer: „Der Caterer Arena One gehörte damals zu E.ON. Ich hatte leider nur eine mündliche Zusage, dass sie uns die Abnahme von 900 Essen garantieren. Mit diesen fest gebuchten Plätzen wären wir ziemlich gut über die Runden gekommen. Wir haben in meiner Zeit auch zweimal hintereinander kleine Gewinne erzielt. Einmal gab’s 1,3 Millionen Euro, weil wir die Rückkaufoption für die Arena abgegeben haben, dann haben wir eine Million Euro Startgage für das Abschiedsspiel von Giovane Elber bekommen – oder 2008 für das Pokal-Viertelfinale gegen Bayern rund 1,1 Millionen Euro.“
Dass die heutigen Löwen noch immer von einer Wiederauferstehung im Grünwalder Stadion träumen, darüber kann Ziffzer nur den Kopf schütteln: „Dass 1860 gerade wieder darüber nachdenkt, das Grünwalder umzubauen, kann ich nicht nachvollziehen. Wenn ich höre, dass 1860 mit einer Zuschauerkapazität von 20.000 oder 25.000 Fans plant, kann ich jetzt schon sagen: Der Investitionsaufwand – egal wer ihn bezahlt – steht in keinem Verhältnis zu den Einnahmen. Das ist viel zu teuer. Ein Hirngespinst. Das Grünwalder Stadion ist eine Illusion, eine Fata Morgana.“
Bereits zu seiner Zeit gab es Diskussionen um eine Bundesliga-Ertüchtigung der Giesinger Kultstätte. „Das ist schon damals daran gescheitert, dass die Stromleitungen für eine höhere Lux-Zahl bei den Flutlichtmasten nicht genehmigungsfähig waren.“ Deswegen kommt Ziffzer zu dem Schluss: „1860 steckt mit dieser Stadion-Diskussion in einer Sackgasse. Das Problem ist: Die Freunde des Sechzger Stadions sind besser organisiert als der Rest. Die haben eine Einstellung: Lieber mit 1860 auf Giesings Höhen in der Bezirksliga als Champions League in der Arena. Ich kann das nicht nachvollziehen.“
Ein gutes Stimmungsbild vom „neuen“ Sechzig hat Ziffzer aus der 1860-Doku „Rise & Fall“ gewonnen: „Mir haben viele Bekannte gesagt: Schau dir das mal an! Nachdem ich das getan habe, war ich mittelmäßig entsetzt über die Einseitigkeit der Berichterstattung – und die Auswahl der Personen, die alle nur in eine Farbrichtung gepasst haben.“
Ist 1860 ein hoffnungsloser Fall? „Michael Köllner hat kurz nach Saisonstart gesagt, er hoffe, dass insbesondere Kevin Volland und Florian Niederlechner ihre Form halten können, weil der Alterungsprozess schneller eintreten könne, als man glaubt. Der Mann hat Recht behalten. Ich finde, dass die Spielerqualität besser ist als der aktuelle Tabellenplatz.“
Dass Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik inzwischen die Lust an 1860 verloren hat, kann Ziffzer nachvollziehen: „Ismaik war leider maximal schlecht beraten.“ Und trotzdem sagt er: „Bei den Löwen will man einen Goldesel haben – aber der soll bitte die Klappe halten. Und das funktioniert halt nicht.“






