Erster Todestag: Blumen fürs Lorant-Grab - und Worte für einen großen Löwen
- VON OLIVER GRISS UND FOTO (PRIVAT)
- 20.04.2026 14:46
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VON OLIVER GRISS UND FOTO (PRIVAT)
Wenn ich in meine alte Heimat Richtung Salzburg reiste, machte ich immer den kleinen Umweg über Waging, um eines der wichtigsten Löwen-Gesichter der letzten 100 Jahre zu treffen. Es war ein echtes Privileg, Werner Lorant, einem ganz Großen, so nah zu sein. Und wenn wir uns nach zwei Stunden Trashtalk über TSV 1860 München wieder verabschiedeten, sagte er nicht selten: „Wann kommst du wieder?“
Früher, zu meinen AZ-Zeiten, hatten wir nicht wenige Auseinandersetzungen und Frotzeleien – das gehörte seinerzeit zur Showbühne Bundesliga dazu. Und trotzdem waren sie immer von gegenseitigem Respekt, Wertschätzung und Vertrauen geprägt. Lorant respektierte die Arbeit des Münchner Boulevards – täglich berief er für uns eine außerordentliche Pressekonferenz im Löwenstüberl ein, um uns mit Nachrichten zu füttern. Nicht selten mussten täglich zwei Seiten gefüllt werden. Heutzutage undenkbar.
Dass am Nebentisch Spieler wie Thomas Häßler, Marco Kurz, Bernhard Winkler oder Holger Greilich gleichzeitig ihre Suppe schlürften und ihnen bei Lorants markigen Sprüchen gefühlt nicht selten der Löffel aus der Hand fiel, juckte den Löwen-Dompteur wenig. Damals war es auch usus, mit dem Trainer zwei- bis dreimal die Woche zusätzlich zu telefonieren. Lorant verstand das Business Fußball perfekt. Er sprang für „Premiere“ auch mal vom Hamburger Fernsehturm – oder ging auf die Galopprennbahn in Riem.
Nach 0:0 in Saarbrücken: Welche Note geben Sie dem bisherigen Saisonverlauf?
Lorant war ein echtes Unikat. Er konnte nicht nur einstecken, sondern auch gewaltig austeilen. Wie im Frühjahr 2001: Als ich in einer AZ-Geschichte Lorant aufforderte, dass er sich mal Sturmtalent Benny Lauth von den Amateuren anschauen sollte, keifte er in die Mikrofone: „Der hat von Tuten und Blasen keine Ahnung … Der hat’s nicht mal bis zur Bezirksoberliga geschafft. Wir haben viel bessere als Lauth.“
Dass Lorant nicht richtig informiert war – sei’s drum. Und Lauth, der später Nationalspieler wurde, ist bis heute der Löwe, der dem Verein mit rund 4,4 Millionen Euro die größte Ablösesumme aller Zeiten eingebracht hat. Und das war seinerzeit sehr viel Geld.
Der Radiosender Bayern 3 machte übrigens damals aus Lorants Wutrede zur Faschingszeit einen Löwen-Rap – und mich motivierte Lorant dazu, meine Kickstiefel wieder aus dem Schrank zu holen und mich beim SV Kirchanschöring wieder auf Betriebstemperatur zu bringen. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar – es war der perfekte Ausgleich neben meiner Tätigkeit bei der Münchner Abendzeitung.
Ich bin ehrlich: Nicht nur an seinem ersten Todestag denke ich an Lorant, sondern jeden Tag. An einen Trainer – aber auch an einen Menschen, der mein halbes Leben geprägt hat. Der mir gezeigt hat, dass man mit dem TSV 1860 durchaus erfolgreich sein kann, wenn die Taten größer sind als die Sprüche: Bayernliga-Meisterschaft und Zweitliga-Aufstieg 1993, ein Jahr später Meppen und die Rückkehr nach 13 langen Jahren in die Bundesliga.
Kurze Zeit später Europapokal, zwei unvergessene Derby-Siege gegen den FC Bayern in der Saison 99/00 – mit der Krönung als Tabellenvierter der Bundesliga. Nicht in einem Strategiespiel auf Facebook, sondern alles hautnah miterlebt.
Und ja, auch damals schwamm der TSV 1860 nicht im Geld. Aber Lorant und Karl-Heinz Wildmoser haben für die Löwen geschuftet – auch, um sich selbst auf eine Plattform zu hieven, die bei einem anderen Verein vermutlich nicht möglich gewesen wäre. Lorant hat dem Klub mehr gegeben, als er Sechzig gekostet hat (inklusive DFB-Strafen). Qualität hat eben ihren Preis. Und klar ist auch: Sie waren keine Verwalter wie in der heutigen Zeit, sondern übernahmen Verantwortung.
Und um mit einem immer wieder lancierten Gerücht aufzuräumen: Dass das Verhältnis zwischen Lorant und Präsident Wildmoser allein wegen des Baus der Allianz Arena zerbrach und im Rauswurf nach dem 1:5 gegen Bayern mündete, ist so nicht richtig. Beide waren extreme Sturköpfe – und weil Lorant immer öfter mit einem Wechsel zu Eintracht Frankfurt kokettierte und sonstige Eskapaden lieferte, war es Wildmoser irgendwann genug.
Jetzt aber haben sie im Himmel genug Zeit, um die gemeinsame Zeit auszudiskutieren. Und falls sie einen Schiedsrichter brauchen: Franz Beckenbauer, der heimliche Sechzger, könnte auf der Wolke daneben eingreifen.
Danke für alles, Werner Lorant!






