VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)

Wenn Löwen-Pfarrer Rainer Maria Schießler heute um 19 Uhr in der Nazarethkirche in München-Bogenhausen zur Trauerfeier für den verstorbenen Kulttrainer Karsten Wettberg einlädt, wird der Geistliche in seinen Ausführungen bestimmt auch über die legendäre Unterhosen-Szene Wettbergs mit BR-Reporter Edgar Endres nach dem perfekten Zweitliga-Aufstieg 1991 sprechen – ein Moment, der bis heute zu den ikonischsten Fotos der 1860-Geschichte gehört.

Endres, der seinerzeit das Interview führte, wird heute bei der Trauerfeier für einen großen Trainer nicht dabei sein können. Er ist im Urlaub. „Als ich die Nachricht von Wettbergs Tod hörte, war ich sehr traurig und geschockt. Aber wenn man so alt wird, ist es irgendwann mit dem Leben leider vorbei. Karsten Wettberg hatte aber ein super-impulsives, tolles Leben mit allen Höhen und Tiefen“, sagte der Kult-Reporter gegenüber db24.

Wie kam es eigentlich zu diesem Interview mit dem halbnackten Wettberg? Endres erinnert sich: „Wie wir alle wissen: 1860 gewann damals gegen Borussia Neunkirchen mit 2:1 und war nach neun Jahren Bayernliga wieder zurück im Profifußball. Es war ein unglaublich emotionales Spiel – so etwas wie eine Explosion bei den Löwenfans. Es gab einen Platzsturm, 30.000 Fans damals im Grünwalder Stadion, Dauerregen. Die Fans haben alles gejagt, was auf dem Platz war – und Karsten Wettberg hat erst mal gar nicht realisiert, was gerade passiert. Er wurde auf Schultern getragen, sie haben ihn ausgezogen – und ich stand im Spielergang und wartete auf die nächsten Interviewpartner. In seinen Augen konnte ich erkennen, dass er wahnsinnige Panik hatte, vielleicht auch noch die Unterhose zu verlieren. Er kam rein, schüttelte sich kurz und meinte: ‘Das gibt’s doch gar nicht, was da draußen passiert.’ Und dann war er so cool, lehnte sich an die Wand, dahinter dieses etwas surreale Bild mit den Ordnern mit Hut. Wettberg hat mir ein hochemotionales Interview gegeben. Das war sehr authentisch, total liebenswert. Er war ein Mega-Typ. Danach haben wir uns für den Rathausbalkon verabredet.“

Doch zuvor musste Endres ins BR-Funkhaus, um sich gemeinsam mit seinem Kollegen Hans-Peter Pull der durchnässten Kleidung zu entledigen und sich frisch zu machen. „Wir waren komplett durchnässt – das war dieser Wahnsinnstag in einer Kurzzusammenfassung mit Karsten Wettberg als Trainer. Wir wissen alle: Nach dem 1:0 hat er den Regenschirm zertrümmert. So etwas sieht man nicht alle Tage. Er war einer, der Kommandos gegeben hat, aber auch seine Spieler komplett geschützt hat. Er hat sie in den Arm genommen und nie fallen gelassen. Karsten Wettberg hatte ja in der Bayernliga diese famose Ungeschlagen-Serie hingelegt. Er war ein Typ, wie es ihn so nicht mehr geben wird – einer, der aber auch polarisiert hat. Wettberg hat die Löwen-Gemeinschaft geformt, aber leider ist das in der Zweiten Liga dann schiefgegangen und 1860 wieder in die Bayernliga abgestiegen.“
Das Foto von 1991 besitzt Endres natürlich, aufgehängt hat er es aber nicht. „Es liegt in einem schönen Schreibtischfach. Ich werde immer wieder auf diese Szene angesprochen.“

Endres kann verstehen, dass die Löwenfans gerade eine sehr schwere Zeit durchmachen. Einerseits die sportliche und wirtschaftliche Tristesse – und auf der anderen Seite die Verluste von Werner Lorant vor einem Jahr und nun von Wettberg. „1860 hat sehr viele Emotionen verloren, der Verein hat auch ein bisschen von seiner Seele eingebüßt. Diese Trainer haben 1860 über viele Jahre geprägt – und bei Karsten Wettberg wissen wir, dass die Vizepräsidentschaft eine ganz schwere Zeit war. Und das Thema Liselotte Knecht will man gar nicht mehr ansprechen. Das war eine Intimfeindschaft.“