Bierofka: "1860? Die Zeit heilt alle Wunden!"
- VON OLIVER GRISS UND GETTY (FOTO)
- 03.03.2026 11:43
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VON OLIVER GRISS UND GETTY (FOTO)
Er war Spieler zu erfolgreichen Bundesliga-Zeiten, Kapitän, Aufstiegstrainer – und im November 2019 ein Mann mit Tränen in den Augen: Daniel Bierofka. Als gefeierter Aufstiegstrainer warf er hin. Die vereinsinterne Politik hatte ihn zermürbt. Heute ist der frühere Nationalspieler Auswahltrainer beim BFV – und blickt im Sport1-Podcast „Deep Dive“ mit etwas Abstand auf seine große Liebe zurück: den TSV 1860 München.
„Einmal Löwe, immer Löwe – das ist die Ur-DNA dieses Vereins“, sagt Bierofka. Wer vom Löwen-Fieber gepackt werde, den lasse es nicht mehr los. 1860 habe eine besondere Aura, sei wie eine große Familie. Neben dem großen Nachbarn FC Bayern sei Sechzig immer der Arbeiterklub gewesen: bodenständig, nahbar, werteorientiert. Und auch wenn Bierofka heute differenzierter auf den Klub schaut, bleibt die emotionale Verbindung. Sein Vater spielte und trainierte bei 1860, er selbst wuchs praktisch im Grünwalder Stadion auf. „Lieben ist vielleicht zu viel gesagt – meine Frau und meine Kinder liebe ich. Aber ich mag diesen Verein sehr gerne.“
Bierofka trennt klar zwischen dem Verein und den handelnden Personen. Reibungspunkte, unterschiedliche Strömungen, fehlende Einigkeit – all das habe es ihm nicht leicht gemacht. Oft werde intern nicht mit einer Stimme gesprochen, vieles komme von außen hinzu. Diese Gemengelage koste Kraft. Gerade in seiner Trainerzeit spürte er, wie schnell man in einem Lager verortet wird. Wer etwas sagt, wird automatisch einer Seite zugerechnet. „Als Trainer bist du kein Politiker“, sagt er. Doch bei 1860 sei genau das oft nötig gewesen.
Über Ex-Coach Werner Lorant, der im vergangenen Jahr nach langer Krankheit verstorben ist, spricht Bierofka mit Respekt – und Ehrlichkeit. Bei Lorant habe es kein Dazwischen gegeben: „Entweder er hat dich gemocht oder gehasst.“ Die hohe Kaderfluktuation in dessen fast zehnjähriger Amtszeit sei Ausdruck dieser kompromisslosen Art gewesen. In der heutigen Zeit, glaubt Bierofka, könnten nicht mehr viele Spieler unter Lorant bestehen. Man musste viel einstecken – sportlich wie menschlich. Was Lorant jedoch vermittelte, sei eine innere Härte gewesen, die ihn selbst geprägt habe.
Besonders eindringlich schildert Bierofka die Zeit rund um den Einstieg von Hasan Ismaik 2011. Der Verein sei finanziell „faktisch tot“ gewesen. Spieler hätten nicht gewusst, ob es überhaupt weitergeht. Gehaltsverzichte standen im Raum, die Lage war „eins vor zwölf“.
Anfangs sei die Rettung durch Ismaik im Fanlager wohlwollend aufgenommen worden. Doch mit zunehmendem Einfluss – Stichwort Forderungen nach personellen Veränderungen oder prominenten Trainerlösungen – seien erste Risse entstanden. In Deutschland, so Bierofka, seien die Einflussmöglichkeiten eines Investors nun einmal begrenzt. Der Konflikt zwischen e.V. und Investor habe sich verhärtet. Zwei Seiten, kein Miteinander. Aussagen seien sofort interpretiert worden. Energie sei verloren gegangen – Energie, die man sportlich dringend gebraucht hätte. „Du hättest in diesem Verein eine brutale Power, du müsstest sie nur in eine Linie kriegen.“
Gleichzeitig betont Bierofka, dass Ismaik Jahr für Jahr die Fortführungsprognose ermöglicht habe – ein Aspekt, den viele vergessen würden. Heute nehme sich der Mehrheitsgesellschafter stark zurück, von dessen Umfeld höre man kaum noch etwas. Am Ende bleibt bei Bierofka ein Gefühl: 1860 hätte enormes Potenzial. Doch die dauerhafte Spaltung – im Klub wie in der Fanszene – habe viel Kraft gekostet. Als Trainer habe ihn das zermürbt. “Mir ging es immer um die Sache. Dadurch, dass ich ein bisschen verstrickt war, egal was ich gesagt habe, wurde es immer gerne auf eine Seite ausgelegt. Es wurde versucht, ein Feuer aufzumachen, wo keine Feuer waren. Und so ging es die ganze Zeit: Wo Feuer ist, ist auch die Gefahr, dass du verbrennst. Und am Ende des Tages war es auch so.”
Sein aktuelles Verhältnis zu 1860 beschreibt Bierofka als “total normal” - der ehemalige Publikumsliebling sagt: “Ich bin jetzt sechs Jahre weg. Die Zeit heilt alle Wunden. Nachtragend zu sein, bringt nichts. Böse Gedanken zu haben, bringt niemandem etwas. Irgendwann hat es sich normalisiert - und dann war ich wieder öfter im Grünwalder Stadion. Mittlerweile kann ich jedem die Hand geben und kann aufs Gelände. Alles ist gut. Das war auch mein Wunsch. Es ist auch das Schöne, dass es sich komplett normalisiert hat.”
Was die Löwen aufbauen wird: Daniel Bierofka glaubt an das Potential der Mannschaft. Der frühere Aufstiegstrainer: „Geduld ist jetzt nicht so schlecht. Ich glaube, diese Mannschaft hat Potential. Wenn du diese Mannschaft zusammenhältst und sie mit der ein oder anderen Verstärkung ausbalancierst, dann hast du zumindest fürs nächste Jahr – falls du es heuer nicht schaffen solltest – eine gute Chance.“






