VON OLIVER GRISS

Als die Meister-Löwen im Mai 1966 nach dem 1:1 gegen den Hamburger SV in Edelkarossen zum Marienplatz rollten und sich vor Zehntausenden feiern ließen, saß im Porsche-Cabrio neben Torjäger Rudi Brunnenmeier ein junger Giesinger: Michael Graeter.

Er war dabei, als die Löwen deutsche Meister wurden. Jetzt, 60 Jahre später, will er selbst Verantwortung übernehmen. Graeter, später einer der bekanntesten Gesellschaftsreporter Deutschlands und Vorbild für „Baby Schimmerlos“ in der Kultserie Kir Royal, ist heute 84 – aber kein bisschen leise. Das Lebensmitglied („Ich bin im Glasscherbenviertel Giesing aufgewachsen“) kandidiert für den Münchner Stadtrat. Und: Er will in den Verwaltungsrat von 1860. Das db24-Interview:

db24: Herr Graeter, fangen wir mit Ihren politischen Plänen an: Sie wollen für die München-Liste in den Stadtrat: Warum?

MICHAEL GRAETER (84): Was in unserer Stadt passiert, da stehen mir die Haare zu Berge. Wenn ich nur an die Hollywood-Radwege denke, ich habe gedacht Picasso ist nochmal aus dem Grab gestiegen und hat die Lindwurmstraße bunt bemalt. Sowas kann man nicht machen. Das ist Anti-München, dass ich so wütend bin. Deswegen will ich Stadtrat werden. Ich muss den Burschen und Mädels mal klarmachen, wie eine Stadt funktioniert. So jedenfalls nicht! Und wenn man gegen das Auto vorgeht, die aber selber auch brav Auto fahren. So werden alle guten Leute verjagt, die am Rand von München oder in anderen Stadtteilen leben. Diese Menschen kommen nicht mehr in die Stadt, weil sie keinen Parkplatz finden. Diese Dinge will ich anprangern, weil ich mich längst noch nicht müde fühle.

db24: Von welchem Listenplatz aus starten Sie denn?

Ich bin auf Platz 12 zu finden. Mein Wahlkampf-Manager hat mir gesagt, dass er es schade findet, dass ich so weit hinten bin. Mir ist das aber egal. Es ist ja klar, dass die Gründer dieser Vereinigung vorne sein wollen und müssen. Einer hat ja ganz am Anfang geschrieben: “Jetzt gibt es zwei bekannte Namen im Stadtrat: Der eine ist Dieter Reiter, der andere Michael Graeter” (lacht). Mein Ur-Slogan ist: München zuliebe. Ich bin ja ein Polit-Baby, ich bin kein Profi. Aber ich weiß, was in unserer Stadt komplett aus dem Ruder läuft. Schauen Sie: Die Stadt ist komplett verschuldet, hat keinen Euro mehr in der Tasche.

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db24: Gilt der Claim “München - Weltstadt mit Herz” bei Ihnen nicht mehr?

Diesen Flair gibt es schon länger nicht mehr. 1945 waren wir platt, 1963 waren wir wieder da. Alles war wieder aufgebaut, auch die Oper mit den Meistersinger. Das Ausland hat über München gestaunt. 1970 kam der Feinschliff für München, auch durch die Olympischen Spiele 1972. Da war die ganze Welt da. Da haben die Menschen gesehen, was das für eine lässige, gemütliche Stadt ist, wie ich sie auch fühle. 1980 war das Jubeljahr. Da konnte man nach der Trauer und Angeschlagenheit richtig feiern. Das ging bis zur Hälfte der 90er. Und ab Ende der 90er Jahre ging München in den Schlafwagen-Modus. Für mich ist München unangenehm geworden: Die Freundlichkeit ist wie Müll rausgekehrt worden. Für mich ist das nicht mehr München mit Herz, sondern eher mit Schmerz.

db24: Woran liegt’s?

An der Stadtführung - wir haben eine Führung, die rot und grün ist. Grün ist ja die Farbe der Unreife. Was die veranstalten, ist haarsträubend. Das geht dann in alle Etagen runter. Die Parteien sind nicht für die Bürger, ich trete an für die München-Liste. Das ist eine liberale Gruppe. Ich will den Grünen zeigen, dass man unsere Stadt nicht kaputt macht. Da sitzen Leute drin, die wissen gar nicht, wie wir Münchner ticken. Ich habe auch das Gefühl, dass man die Surfwelle einstellen will. Es soll alles aus München raus, was diese Stadt lebens- und liebenswert macht.

db24: Was fehlt Ihnen auf Sportebene in der Stadt?

Die Fußballspiele zwischen Blau und Rot, zwischen Sechzig und Bayern. Das war die Voraussetzung - und dann kamen die Olympischen Spiele. Das war das Größte, was einer Stadt passieren kann. Aber zurück zum Fußball: Ohne diesen innerstädtischen Vergleich auf dem Fußballplatz fehlt einfach was - dafür gibt es keinen Ersatz.

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db24: Erzählen Sie uns was zu Ihrer persönlichen 1860-Geschichte?

Ich durfte als junger Reporter neben dem unvergessenen Rudi Brunnenmeier im Porsche Cabrio sitzen, als die Löwen über die Nymphenburger Straße und dem Stiglmair-Platz zum Marienplatz fuhren, um für die deutsche Meisterschaft gefeiet zu wurden. Später habe ich dann Karl Heckl zu 1860 gebracht. Er war einer der reichsten Münchner und hat sehr viel privates Geld in den Verein investiert - ohne groß nachzurechnen. Er hatte einen Malerbetrieb - und er hatte nach dem Krieg so viel Geld gemacht. Er hatte ganze Wohnblocks in Schwabing. Da durften dann auch die ganzen Fußballstars kostenlos wohnen. Ich weiß noch: Einmal sind wir aus Weiden runtergefahren. Wir hatten immer Champagner dabei - der blieb aber im Kühlschrank, weil wir überraschend in Weiden verloren hatten. Später kam dann Dr. Erich Riedl. Mit ihm begann der Abstieg des TSV 1860. Kurz danach Liselotte Knecht, die hatte als Turnerin gar keine Ahnung. Ich habe immer gesagt: Trennt euch! 1860 braucht auf der einen Seite einen separaten Fußballklub - und den Breitensport auf der anderen Seite.

db24: Oft hat man bei 1860 das Gefühl, dass die Zeit an der Grünwalder Straße 114 stehengeblieben ist…

Mir gefiel die Entwicklung mit der Allianz Arena Anfang der 2000er Jahre nicht so ganz, weil der Verein smart über den Tisch gezogen wurde. Karl-Heinz Wildmoser hatte das Objekt damals aufgerissen. Er hatte so einen Typen aus Österreich aufgerissen, dazu kam die Beziehung zu Pappas Mercedes. Da kam das ins Laufen. 1860 hatte in der Anfangszeit viele Zuschauer in der Allianz Arena, wohlgemerkt zu Zweitliga-Zeiten. Deswegen nervt mich das ganze Geplänkel zum Grünwalder Stadion: Das ist ein Witz! Wer da einen Umbau fordert, der will keinen ernsthaften Fußball in der heutigen Zeit. Dort kann man kein Geld verdienen! Wer das forciert, will in der Kleingärtner-Liga bleiben. Das kommt mir so vor: Ein Taxi fährt verschlossen durch die Stadt - und es können keine Fahrgäste mitfahren.

db24: Sie waren vor einigen Jahren auf einer Mitgliederversammlung des TSV 1860 und haben eine Rede gehalten…

Ja, das vergesse ich nie! Mir wurde nach einiger Zeit der Strom abgeschaltet. Das war eine Frechheit - und das Schlimme: Das hat niemanden aufgeregt. Nicht einmal das Präsidium. Dann sollen sie ihren Kleingärtner-Klub in Giesing machen, aber das hat nichts mit Sechzig zu tun. Das alles belästigt und beschädigt die gute Marke Sechzig. Und deswegen muss man bei der nächsten Mitgliederversammlung ganz deutlich das Wort wagen - oder selbst als Verwaltungsrat kandidieren. Und genau das werde ich jetzt machen. Ich werde meine Bewerbungsunterlagen einreichen.

db24: Welche Expertise können Sie einbringen?

Was ich zusagen kann: Ich werde es auch selbst nochmal probieren bei Frau Susanne Quandt, die jetzt Klatten heißt. Sie war ganz kurze Zeit Volontärin bei der Bunten - auch bei mir. Ich habe da schon noch einen leichten Kontakt. BMW, das wäre doch was…

db24: Ist 1860 noch ein Zugpferd? Die Markenkraft der Löwen hat doch in den letzten Jahren schon enorm nachgelassen…

Naja, aber das kann man schnell ändern. Auch vom Europäischen Patentamt habe ich mal gehört, dass Interesse an 1860 bestünde. Man soll sich bei 1860 nicht täuschen, wie dicht die Fanwelt nach wie vor an ihrem Verein steht. Früher waren viele Münchner Geschäftsleute Sechzger, heute ist das natürlich ein wenig anders - auch weil die Dritte Liga eine wöchentliche Ohrfeige für diesen Klub ist. Für mich ist 1860 ist eine Supermarke mit einem Trauerrand. Dieser Verein braucht endlich professionelle Strukturen, dann kommen auch die Sponsoren. Jetzt ist es so, da kann ich auch mit dem Lift den Fernsehturm und das Geld aus dem Sack runterschütteln…

db24: Im Sommer wollte Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik aufgrund der fehlenden Entwicklung seine Anteile bereits verkaufen…

Das wäre eine gute Möglichkeit für einen Neuanfang gewesen, ja. Ich hatte mich mal mit einem Interessenten getroffen, der Ismaiks Anteile kaufen wollte. Der wollte auch ein neues Stadion bauen - mir fällt aber gerade sein Name nicht ein. Er meinte, dass er Dächer von Autos baut…

db24: Sie meinen Gerhard Mey von Webasto?

Genau der! Von ihm kam aber leider nur viel Bla-bla. Er wollte mir auch für ein neues Boulevard-Blatt Geld zur Verfügung stellen. Mit ihm habe ich mich zwei- oder dreimal getroffen. Ich habe übrigens sämtliche Einladungen im Luitpoldcafe bezahlt. Ich habe immer bezahlt - und er hat es sich bezahlen lassen. Das fand ich sehr merkwürdig.