VON OLIVER GRISS

Der Ausgleich zu meinem 24/7-Job ist mir immer noch wichtig - und so habe ich vor einiger Zeit wieder mit dem Fußballspielen begonnen. Den Kick braucht man auch noch mit 52. Ganz in der Nähe meiner Wohnung ist der SV Helios Daglfing beheimatet. Früher war Helios ein stolzer Münchner Amateurverein, immerhin mal drittklassig und die vierte Kraft nach Bayern, 1860 und Wacker. Heute ist der Klub ganz schön verstaubt, wie viele Vereine, die früher in der Landeshauptstadt gehobenes Amateurniveau angeboten haben.

Worauf ich aber eigentlich hinaus will: Zweimal die Woche trifft man sich mit Gleichgesinnten - und das Besondere an unserer Senioren E-Mannschaft (Ü50), die in einer Spielgemeinschaft mit Rot-Weiß Oberföhring existiert und 2023 als Meister in die Oberliga aufgestiegen ist: Es stehen fast nur Blaue auf dem Feld, so richtige Blaue mit Dauerkarte in der Stehhalle und einem langen Leidensregister: Der Andi, der Bobby, Banane, der Schorsch, der Helli, der Beinschuß-Norbert und so weiter. Gut, naja: Ein paar Rote sind auch unter uns, und ein paar Gladbacher. Aber das ist nicht der Rede wert (lacht). Die Blauen sind deutlich in der Überzahl. Sozusagen ist das Angebot ein Paradies für einen echten Sechzger.

Heute am Silvestertag haben wir uns das letzte Mal in diesem Jahr getroffen - und der Andi hat nach einem erfolgreichen internen Match hinterher in der Kabine provokativ seine Playlist angeworfen. “Löwenmut”, schallte es aus seinen mobilen Lautsprechern. Der Mann ist über 60, trägt in jedem Training Löwen-Klamotten aus den letzten 20 Jahren. Die Verbundenheit mit Sechzig ist immer noch gewaltig - und trotzdem resignieren inzwischen immer mehr. Möglicherweise passt die Beschreibung ja auch ganz gut auf Dich!

Das Jahr 2023 war aus Löwen-Sicht das traurigste seit vielen Jahren: Erst Aufstiegskandidat - und dann wurde fast systematisch die Spur der Kontinuität und des Burgfriedens zwischen den beiden Gesellschaftern verlassen. Angefangen vom unabgestimmten Köllner-Rauswurf inklusive Gorenzels Selbstüberschätzung “Ich-mach-jetzt-mal-den-Trainer” bis hin zum XXL-Kader-Relaunch, der dem mangelnden Budget in der heißen Transferphase geschuldet war. Als die Filetstücke längst woanders unter Vertrag waren, begann 1860 mit der (hektischen) Kaderaufstockung. Inzwischen ist 1860 im Tabellenkeller angekommen, auch durch die notorische Sturm-Not.

Wer übernimmt für diese Planlosigkeit die Verantwortung? Präsident Robert Reisinger, von dem in den Sommermonaten erstaunlich wenig zu hören war, hat die Antwort schon gegeben, als er vor einigen Wochen sagte, er sei gespannt, wer die Verantwortung übernehmen werde. Es ist wie immer bei 1860: Immer sind´s die anderen - oder besser ausgedrückt: Hasan Ismaik. Dabei hatte der Mehrheitsgesellschafter dem e.V. mit seinem Rückzug vor 6,5 Jahren symbolisch die komplette Kontrolle übergeben. Der e.V. kann seit dem Doppelabstieg 2017 schalten und walten wie er will - und kriegt’s doch nicht hin.

Nochmal zum Verständnis: Sechseinhalb Jahre liegen hinter uns unter der Regie von Reisinger. In diesem Zeitrahmen haben andere Fußball-Funktionäre Vereine mit einem durchdachten Konzept von der Amateurliga bis in den Europacup geführt (auch der von einer Gruppe verhasste Ex-Präsident Wildmoser) - und was macht das neue 1860? Man gibt sich dem Schicksal hin, pocht darauf, dass Reisinger ja der gewählte Präsident ist und die Situation eben so ist wie sie ist - und die Dritte Liga sowieso attraktiver als die Bundesliga ist.

Die Verzwergung von 1860 München ist in vollem Gange. Am Ende will es keiner gewesen sein - und nur das Beste für die Löwen wollen. 2024 muss das Jahr der Wende werden. Es muss ein Kulturwandel und Vernunft her! Die Mitgliederversammlung im Sommer ist die letzte Chance (es steht die Wahl des Verwaltungsrats an), die Löwen wieder auf einen professionellen Weg zu bringen.

Rutscht gut rein, Löwen! Und Danke, dass ihr db24 in den letzten 12,5 Jahren zum mit Abstand größten 1860-Portal gemacht habt. Ihr seid die wahren Helden von Sechzig!

Euer Oliver Griss