VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)

Ein (wieder einmal) ereignisreiches Jahr liegt hinter dem TSV 1860: Mit Höhen, aber noch mehr Tiefen. Eines wurde wieder einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt: Bei Münchens tragischer Liebe wird es nie langweilig. Wir haben für Euch die Tops & Flops des Jahres 2023 zusammengefasst:

TOPS

Der Dauerkarten-Boom: Er ist trotz der chronischen Erfolglosigkeit ungebrochen: 11.700 Saisontickets hat der Klub wieder an den Mann oder die Frau gebracht. Sensationell. Das ist aber auch schon die einzige positive Konstante bei den Münchner Löwen.

David Richter: Der Torwart kam in der Sommerpause von den Offenbacher Kickers - und lässt den Konkurrenzkampf bei 1860 neu aufleben. Der 24-Jährige war ein Coup von Ex-Trainer Maurizio Jacobacci. Lange war Richter die Nummer 2, dann profitierte er von der Verletzung von Marco Hiller. Seitdem zeigt er Woche für Woche Topleistungen im Löwen-Kasten. Man kann nur hoffen, dass die Sechziger mit ihrem begabten Torwart vorzeitig verlängern.

Der Nachwuchsbereich: Mit Leandro Morgalla und Marius Wörl hat der TSV 1860 immerhin zwei eigene Talente ausgebildet, die jetzt größeren Vereinen gehören: Morgalla wechselte zu Red Bull Salzburg, Wörl ablösefrei zu Hannover 96. Immerhin gab’s für Morgalla schon rund eine Million Euro. Im Januar 2024 gibt’s einen saftigen Nachschlag.

Die Steher-Qualitäten von Geschäftsführer Marc Pfeifer: Der 43-jährige Schwabe wurde von Präsident Robert Reisinger dermaßen in der Öffentlichkeit demontiert (u.a. Anschuldigungen zu Transfer-Gebaren), dass jeder andere Funktionär möglicherweise hingeworfen und seinen Anwalt eingeschaltet hätte - Pfeifer trotzt dem Widerstand aus den eigenen Reihen. Und Pfeifer, dessen Vertrag in Folge nicht verlängert wurde, wird sich nun denken: Warum bin ich so spät aufgewacht?

Die Treue der Sponsoren-Landschaft: Dass trotz der Führungskrise noch nicht mehr Unternehmen ihren Ausstieg zum Saisonende - wie AHD Sitzberger - angekündigt haben, zeigt, wie groß die Verbundenheit zu diesem Klub ist. Aus dieser unerschütterlichen Liebe ist vor einigen Wochen die Organisation “BündnisZukunft1860” entstanden. Ein Hoffnungsschimmer in der kruden Löwen-Welt.

Die Presse wacht auf: Was wichtig ist für 1860: Auch die überregionalen Medien berichten endlich endlich über das Gebaren an der Grünwalder Straße: Ob Sport-Bild, Welt, Kicker oder auch t-online zeigen mit ihrer Recherche, dass bei den Löwen vieles im Argen liegt.

FLOPS

Der Rauswurf von Michael Köllner: Von wegen Kontinuität! Den Wert, den der Oberpfälzer für 1860 hat, sieht man heute. Er wurde im Januar 2023 nach einem 1:2 gegen Dynamo Dresden mit drei Punkten Rückstand auf Platz 3 beurlaubt. Danach wurde nichts besser. Im Gegenteil: Die Gefahr ist groß, dass die Löwen absteigen. Wer die Trennung von Köllner angeschoben hat, das sollte die HAM-Seite offen kommunizieren: Die Fans haben ein Anrecht darauf zu erfahren, was im Hintergrund wirklich passiert. Ismaik erfuhr von der Entlassung über seinen Twitter-Kanal. Das nennt man dann in Giesing gelebte Partnerschaft.

Die Saisonplanung für 2023/2024: Jeder Bezirksligist plant eine Saison besser. Erst verliert der Klub ablösefrei Eckpfeifer wie Yannick Deichmann und Marius Wörl - und dann stehen beim Trainingsauftakt gerade einmal 14 Profis auf dem Platz. Das Budget war zu diesem Zeitpunkt mit 4,5 Millionen Euro restlos erschöpft. Erst als der Dauerkartenverkauf doch besser ist als erwartet, kann 1860 mit einer Million Euro nochmal nachlegen. Doch zu diesem Zeitpunkt waren viele interessante Spieler schon vom Markt. Um den Kader voll zu bekommen, wird 1860 hektisch und verpflichtet auch Ladenhüter wie Tarsis Bonga oder Valmir Sulejmani. Hinterher sagte Präsident Reisinger, er sei gespannt, wer die Verantwortung hierfür übernehmen werde.

Das Verhalten von Aufstiegsheld Marco Hiller: Nachdem der Torwart seinen Status als Nummer 1 verlor, sprach er mit der “BILD”-Zeitung und erklärte, dass er sich jetzt Gedanken um seine Zukunft machen müsse. Dabei hatte er kurz zuvor noch gesagt, dass er sich noch zehn Jahre im Löwen-Tor vorstellen könne. Ist das eigene Ego wichtiger als 1860? Bei den Löwen saßen selbst Weltstars wie Thomas Häßler oder Davor Suker zeitweise auf der Bank.

Wer ist der Löwen-Profi des Jahres 2023?

Umfrage endete am 13.01.2024 21:00 Uhr
Jesper Verlaat
21% (548)
David Richter
21% (536)
Leandro Morgalla
20% (512)
Fabian Greilinger
8% (216)
Morris Schröter
6% (164)
Stefan Lex
5% (131)
Marco Hiller
3% (73)
Yannick Deichmann
2% (61)
Marius Wörl
2% (43)
Niki Lang
2% (43)
Tarsis Bonga
2% (43)
Manni Starke
1% (25)
Raphael Holzhauser
1% (24)
Leroy Kwadwo
1% (20)
Michi Glück
1% (17)
Fynn Lakenmacher
1% (16)
Joel Zwarts
1% (16)
Marlon Frey
1% (14)
Tim Rieder
0% (13)
Albion Vrenezi
0% (12)
Valmir Sulejmani
0% (11)
Julian Guttau
0% (9)
Jo Boyamba
0% (8)
Kilian Ludewig
0% (8)
Tim Kloss
0% (8)
Marcel Bär
0% (6)
Eroll Zejnullahu
0% (6)
Phillipp Steinhart
0% (5)
Mansour Ouro-Tagba
0% (5)
Semi Belkahia
0% (4)
Kaan Kurt
0% (4)
Milos Cocic
0% (3)
Niklas Tarnat
0% (1)

Teilnehmer: 2605

Die Giesinger Blockade: Der e.V. ist weisungsberechtigt, zieht aber auch keine Entscheidungen in der Sportchef- und Trainerfrage durch; die HAM-Seite sträubt sich gegen die ermüdende Vereinspolitik des e.V. (Kündigung von Geschäftsführer Pfeifer, Berufung Geschäftsführer Werner). Würde man miteinander reden, hätte man längst eine Lösung zum Wohl von 1860 gefunden - so läuft es darauf hinaus, dass zum Trainingsauftakt am 2. Januar der Klub weder einen Sportchef, noch einen neuen Cheftrainer hat. Das muss man auch erst einmal schaffen. Peinliche Nummer!

Der Führungsstil von Präsident Robert Reisinger: Er ist kein Menschenfänger, kein Brückenbauer, keiner, der verbinden kann. Seine Kommunikation ist unterirdisch. Er lässt kein Fettnäpfchen aus. Er spricht von der Zweiten Liga (“Wir tun alles dafür”), die Fakten sprechen eher für: Regionalliga, wir kommen! Der erfolgreiche Unternehmensberater muss sich eingestehen, dass er nach 6,5 Jahren mit seiner Politik krachend gescheitert ist. Warum ihm der linientreue Verwaltungsrat (u.a. Sascha Königsberg, Nicolai Walch, Sebastian Seeböck) noch die Stange hält, ist nicht nachzuvollziehen.

Die zerstrittene Fanszene: Die Ultras laufen seit dieser Saison nicht mehr unter dem Namen der “Münchner Löwen”, sondern treten in sogenannten Splitter-Organisationen auf. Die aktive Fanszene zeigt sich wie der ganze Verein: Uneinigkeit. Auch hier geht es um Macht und Einfluß. Auf der einen Seite stehen die “Oiden”, die nach 6,5 Jahren Tristesse endlich sportlichen Erfolg wollen. Teile der jungen Szene geben sich dagegen mit dem aktuellen Bild des TSV 1860 zufrieden. Sie lassen sich auch für politische Zwecke benutzen, heißt es aus dem Inner Circle. Zwei führende Köpfe der Ultras haben in der letzten Zeit erschöpft aufgegeben.

Neue Pyro-Welle bei 1860: Der Schaden, der durch die eigene Fan-Szene verursacht wird, ist immens. Bei den Löwen rechnet man mittlerweile mit Kosten in Höhe von 70.000 bis 90.000 Euro - und die Saison ist erst zur Hälfte rum.

e.V. kontra KGaA: In keinem Verein Deutschland gibt es Probleme dieser Art: Es geht damit los, dass der e.V. einen eigenen Fanshop betreibt und damit auch Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik provoziert und brüskiert. Zudem wird um das Markenrecht gefeilscht - und auch Geschäftsführer Marc Pfeifer muss sich wehren - Stichwort Servicevertrag (u.a. Rasenplätze)! Man hat das Gefühl, dass sich der e.V. immer benachteiligt fühlt - und das obwohl er auch stolze Einnahmen aus den Mitgliedsbeiträgen - dank des Profifußballs - profitiert.

Die Stadion-Frage: Bis 2027 sollen die Schulden der Stadt München bis auf 8,9 Milliarden Euro anwachsen - spätestens jetzt sollten die Träumer aufwachen, dass es nie einen großen Grünwalder-Umbau geben wird. Die Rückkehr nach Giesing ist - wie von db24 im Jahr 2017 prognostiziert - zur absoluten Farce geworden. Stimmungstechnisch ist das Grünwalder ohnehin nur noch ein Schatten seiner selbst. Hauptsache, Grünspitz!

Das Führungszirkel-Casting: Nachdem der e.V. Dr. Christian Werner dreimal als Sportdirektor abgelehnt hat und das auch in einem Schreiben, das dem “kicker” vorliegt, begründet hat (“Hr. Dr. Werner erfüllt in unseren Augen nicht dem Anforderungsprofil und Kriterien, die wir von einem Geschäftsführer erwarten. Es braucht viel mehr als das von Hr. Dr. Werner vorgelegte Konzept”), ist der frühere Chefsocut von Waldhof Mannheim plötzlich die Nummer 1 als Gorenzel-Nachfolger. Der e.V. schwärmt plötzlich von Werner in den höchsten Tönen. Das gibt es auch nur bei den Löwen!