VON BERND KAMMERER

Die Unzufriedenheit im Löwen-Lager wächst: Purer Abstiegskampf, offene Konfrontation mit dem Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik, verwaiste Stellen im Sportchef- und Trainerbereich, eine Mannschaft, die den Ansprüchen nicht genügt, viele persönliche Scharmützel, Stallgeruch-Checks - und einen Geschäftsführer Marc Pfeifer, der trotz guter Arbeit im Finanz- und Sponsoringbereich vom e.V. zum 30. Juni vor die Tür gesetzt wird. “Der Löwe stirbt” - mit diesem Slogan hatten wir unsere Leser aufgerufen, uns zu schreiben. Bernd Kammerer ist der nächste Gast-Kommentator:

Ich verfolge das Geschehen rund um den TSV 1860 München seit Beginn der 90er Jahre. Anfangs habe ich tolle Zeiten mit dem Durchmarsch von der Bayernliga in die erste Bundesliga erleben dürfen, anschließend eine tolle Phase, in der sich die Löwen als gestandener Bundesligist präsentierten und immer wieder für Highlights sorgten. Ein spielerisch überragendes Mittelfeld um Piotr Nowak und Icke Häßler sorgte damals für Begeisterung. Der Niedergang begann im Jahr 2004 mit dem Abstieg aus der Beletage. Das Siechtum fand bereits in den Folgejahren seinen Anfang, als man sich immer mehr zu einer Art grauen Maus der 2. Liga entwickelte. Die Allianz-Arena entpuppte sich als Millionen-Grab. Wobei im Augenblick vermutlich jeder Löwen-Fan (ausser Präsident Reisinger und seine Gefolgschaft) zufrieden wäre, wenn 1860 wieder ein durchschnittlicher Zweitligist wäre.

Nach dem Total-Crash 2017 erfuhr der Verein kurzfristig eine nicht für möglich gehaltene Aufbruchstimmung, welche im sofortigen Aufstieg in Liga 3 gipfelte, gepaart mit unvergesslichen Momenten rund ums Grünwalder Stadion nach dem Relegations-Rückspiel gegen Saarbrücken. Als man Trainer Michael Köllner holte, ging die Entwicklung zunächst von Jahr zu Jahr nach oben. Köllner fungierte als eine Art Airbag zwischen den beiden zerstrittenen Parteien um Investor Ismaik und dem e.V. Nach über dreijähriger Tätigkeit beim TSV 1860 schien aber selbst der sympathische Köllner mehr und mehr den Faden zu verlieren. Schließlich gipfelte die Abwärtsspirale in seiner Entlassung. Bedauerlicherweise muss man konstatieren, dass die Lage seit der Köllner-Entlassung um ein Vielfaches schlimmer geworden ist.

Als Außenstehender hat man irgendwie den Eindruck, dass sich der Verein in einer regelrechten Schockstarre befindet, wie in einer Schraubzwinge. Wichtige und überfällige Entscheidungen werden aufgrund fehlender Hierarchien aufgeschoben oder gar nicht getroffen. Der Klub wirkt komplett gelähmt, in jeder Hinsicht. Die aktuelle Situation ist gefühlt noch schlimmer als nach dem unfreiwilligen Doppel-Abstieg 2017. Man wird den Eindruck nicht los, dass man sich beim TSV 1860 immer irgendwie selbst im Weg steht.

Ich möchte mich weder für die HAM-Seite noch für die EV-Seite eindeutig positionieren, aber ich bin eher PRO Ismaik, weil ich glaube, dass der Verein besser dastehen würde, wenn es 50+1 nicht mehr geben würde. Präsident Reisinger ist in meinen Augen ein Bremsklotz für den Verein. Meine Prognose: Unter Präsident Reisinger werden die Löwen niemals aufsteigen, eher das Gegenteil ist zu befürchten. Solange nicht beide Parteien an einem Strang ziehen, wird niemals Ruhe einkehren. Auf einen grünen Zweig kommt man so natürlich nicht. Daher gibt es meiner Meinung nach nur zwei Lösungen, um den Klub aus seinem Dornröschen-Schlaf zu erwecken: Entweder Ismaik gibt sein Investment auf und der Klub wagt einen Neustart im Amateurbereich, oder der e.V. lenkt ein und lässt Ismaik mehr oder weniger freie Hand bzw. 50 + 1 fällt. Eine Einigung zwischen den beiden restlos zerstrittenen Parteien scheint aber Stand jetzt absolut ausgeschlossen.

Was ich noch loswerden möchte: MÜNCHENS GROSSE LIEBE scheint ein Talent dafür zu haben, regelmäßig in Fettnäpfchen zu treten. Aus welchen Gründen auch immer zieht dieser Verein das Pech förmlich an. Auf eine gewisse Art und Weise ist dies auch faszinierend. Ich erinnere mich noch gut an die Zusammenfassung des Löwen-Spiels bei Borussia Dortmund II vor ein paar Wochen. Nach einem Slapstick-Gegentor sagte der Kommentator, dass sich solch ein Gegentor wohl nur der TSV 1860 München fängt. Und damit hat er nicht ganz unrecht. Dieses Gegentor steht als Sinnbild für die momentane Lage bei MÜNCHENS GROSSER LIEBE. Im Moment muss man sich fast schämen, Fan des TSV 1860 München zu sein. Es ist traurig und bezeichnend, dass es so weit kommen musste. Die Lage bei den Münchner Löwen im Dezember 2023 ist düsterer denn je. Auch ich bin in tiefer Sorge, dass Sechzig endgültig in der Versenkung verschwindet.

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