VON OLIVER GRISS

Die Augen von Daniel Bierofka wirken traurig und müde. Sehr müde sogar, wenn man Fotos von 2017 mit aktuellen Bildern vergleicht. Die zweieinhalb Jahre als Cheftrainer dürften sich für Bierofka anfühlen wie zehn Jahre. Beim TSV 1860 zu arbeiten, nein, das ist nicht vergnügungssteuer-pflichtig. Ex-Präsident Karl-Heinz Wildmoser, der im Gegensatz zu all seinen Nachfolgern großen Erfolg und auch Sympathien und einen Bekanntheitsgrad weit über die Grenzen Bayerns hinaus hatte, sagte einmal: “Bei Sechzig hast du nullkommanull Lebensqualität.” Er zerbrach an den Löwen. Verstarb 2010. Viel zu jung.

Es wird auch nichts unternommen, den TSV 1860 so aufzustellen, wie es für eine so große deutsche Fußballmarke eigentlich gehört. Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik darf nicht investieren, zumindest nicht so, wie er will. Das Präsidium Reisinger plant einen anderen Weg: Eine Kapitalerhöhung - und nicht lachen: Der (noch imaginäre) dritte Gesellschafter soll fünf Millionen Euro beisteuern. Ein Tropfen auf den heißen Stein, um das 1860-Trainingsgelände und die Spielstätte Grünwalder Stadion weiter finanizieren zu können? Ismaik hatte vor Monaten Gesprächsbereitschaft signalisiert, Saki Stimoniaris als Verhandlungspartner vorgeschlagen. Diese Idee lehnte das Präsidium ab. Seitdem herrscht Eiszeit. Reisinger kann nicht mit Stimoniaris - und der VW-Aufsichtsrat wird sich sagen: wer kann schon mit Reisinger? Der gelernte Speditionskaufmann wird bei 1860 immer kritischer gesehen: Seit zweieinhalb Jahren ist er im Amt, aber nichts bewegt sich in eine positive Richtung. Selbst bei seinem “Baby”, der ersten e.V.-Fußball-Mannschaft, zeigt sich immer mehr: Ohne Geld geht mal gar nix! Nicht mal Kreisliga.

Stattdessen wird konsolidiert, bis es kracht.

Wen oder was würden Sie gerne von der SpVgg Unterhaching bei 1860 haben?

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Völlig anders stellt sich die Situation im beschaulichen Unterhaching dar. Der Münchner Vorortklub ist ein Lehrbeispiel für 1860, wie man einen Verein richtig aufbaut. Hier werden nicht feige Intrigen gesponnen oder Geldgeber verunglimpft, sondern es wird gemeinsam an einer Erfolgsgeschichte gestrickt. Hier fühlen sich die Traditionalisten nicht als die besseren Fußball-Versteher. Hier geht’s ausschließlich um das Salz in der Suppe: Um König Fußball.

Alles hört auf das Kommando von Ex-Löwen-Kapitän Manni Schwabl. Um über das nötige Spielgeld zu verfügen, ist der Vorortklub vor ein paar Monaten erst als zweiter deutscher Profiklub an die Börse gegangen: Die Jugendarbeit wird immer besser (Torwart Mantl hat eine Einladung für die U20-Nationalelf), das Profi-Team steht auf Platz 1 in der Dritten Liga. Das ist alles kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit. Zudem plant der Klub, den Sportpark von der Gemeinde Unterhaching zu übernehmen. Ausbaupläne liegen in der Schublade. Und selbst die Vereinsgaststätte ist inzwischen ein echter Insidertipp - und das nicht nur aus kulinarischer Sicht. Oft gibt es die Möglichkeit mit Baumeister Schwabl ein persönliches Gespräch zu führen. Die Menschlichkeit kommt nicht zu kurz bei der Spielvereinigung. Darauf legt Schwabl wert. Die Öffentlichkeitsarbeit ist zudem sympathisch und unkompliziert. Geheimtraining gibt es nicht. Mit dem Regionalligisten TSV 1860 Rosenheim haben die Hachinger sogar neuerdings ein “Farmteam”. Haching macht viel richtig.

Und Sechzig? Lebt nur noch von seinen treuen Fans und seinem großen Namen. Doch wie lange noch? Weiter sind die Bosse nicht bereit, einen neuen vernünftigen Kurs einzuschlagen.

Oliver Griss (48) berichtet seit über 30 Jahren von Münchens großer Liebe und ging dabei mit dem TSV 1860 den Weg von der Bayernliga bis in die Champions League-Qualifikation und zurück.