VON OLIVER GRISS

Robert Reisinger glaubt, den Fan des TSV 1860 gut zu kennen. In der TZ, der größten Tageszeitung der Stadt, hat der Ober-Löwe eine sehr exklusive Aussage getätigt: “Aus einem schmalen sportlichen Etat kann keine Überfliegermannschaft finanziert werden. Das erwartet aber auch kaum ein Fan.”

Falsch gedacht, lieber Präsident: Der Großteil der Löwen-Anhänger will in der Dritten Liga (!) keinen ständigen Überlebenskampf, sondern eine Perspektive für den Weg zurück in die Zweite Liga. Dazu einen Trainer und Mannschaft, die sich mit dem Verein identifizieren. Team und Daniel Bierofka - ja, das passt. Die Löwen bräuchten aber jetzt eine Blutauffrischung.

Die Führungsriege dagegen, ja, sie ist beliebig austauschbar, weil sie in zwei Jahren bislang nicht bewiesen hat, dass sie Sechzig besser versteht als ihre Vorgänger.

Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik hat sich nach dem Zwangsabstieg aus der Öffentlichkeit mehr oder weniger zurückgezogen, nachdem ihm der Absturz in die Schuhe geschoben wurde. Im Sommer 2018 hatte der Geschäftsmann aus Abu Dhabi in Form von Genussscheinen noch einmal zwei Millionen Euro für zwei Spielzeiten garantiert. Es war ein Dankeschön an Trainer Bierofka. Und was kam von Reisinger? Nichts als schlaue Sprüche! Taten? Fehlanzeige! TV-Interviews? Nicht sein Ding!

Reisinger oder Bierofka: Wem vertrauen Sie bei 1860 mehr?

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Vielleicht wäre es für Reisinger hilfreich, mal in die breite Löwen-Welt hineinzuhorchen. Keiner will einen Harakiri-Kurs, aber Vernunftslösungen zum Wohle des TSV 1860, um eine der größten deutschen Fußballmarken wieder zu beleben. Sechzig ist mehr als sich auf der Bühne des “Giesinger Bräu” oder vor der Fankurve anhimmeln zu lassen. Hier wird Reisinger gefeiert, hier fühlt er sich wohl - verständlich: Es gibt von ihm nie kritische Worte, wenn’s mal wieder brennt, raucht oder diverse Handlungen gegen die guten Sitten verstoßen.

Aber: Die Realität ist eine andere. Sechzig ist nicht nur Stadtteil und Partyarea, Sechzig ist eine Herausforderung. 1860 darf nicht wie “Karnickelzüchterverein” (O-Ton Rangnick) geführt werden. Daniel Bierofka gilt in Deutschland derzeit als eines der größten Trainertalente. Will man den 40-Jährigen mit dem aktuellen Kurs rausdrängen, um den Widerstand zu minimieren?

Jeder Experte wird Reisinger bescheinigen, dass sein überhasteter Strategiewechsel (Konsolidierungskurs) kurz vor der Winterpause ein Fehler war, den er jetzt nicht mehr korrigieren kann. Würde er erneut einen Salto rückwärts - wie im vergangenen Sommer - hinlegen, würden ihn seine Wähler nicht mehr akzeptieren. Er würde wichtige Stimmen bis zur Mitgliederversammlung am 30. Juni verlieren. Aber was ist Reisinger wirklich wichtig: Sein Ego oder eine sportliche Entwicklung des TSV 1860?