Das db24-Interview mit Wirtschaftsexperte Zülch: "Ismaik? Wer Investoren pauschal dämonisiert, sendet ein Signal der Unberechenbarkeit"
- VON OLIVER GRISS, IMAGO UND HAGEN WOLF (BEIDE FOTO)
- 17.01.2026 09:06
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VON OLIVER GRISS, IMAGO UND HAGEN WOLF (BEIDE FOTO)
db24: Wir fangen gleich mit einem wichtigen Thema an: Warum konnte Hasan Ismaik bei 1860 München über all die Jahre nie richtig integriert werden?
HENNING ZÜLCH: Die fehlende Integration von Hasan Ismaik ist aus ökonomischer und governance-theoretischer Sicht das Resultat eines tiefen Zielkonflikts. 1860 München ist ein Klub, dessen Identität stark über Geschichte, Mitgliederbeteiligung und emotionale Selbstbestätigung definiert wird. Entscheidungen werden daher nicht primär nach Effizienzkriterien getroffen, sondern immer auch normativ aufgeladen. Demgegenüber steht ein Investor, der unternehmerische Logiken verfolgt: Kapital gegen Einfluss, Planungssicherheit, Steuerbarkeit. Die 50+1-Regel begrenzt diesen Einfluss bewusst. Dies ist kein Systemfehler, sondern ordnungspolitisch gewollt. Problematisch wird es dann, wenn diese Grenze nicht als Leitplanke akzeptiert, sondern als permanentes Hindernis empfunden wird. Hinzu kommen kulturelle Differenzen, unterschiedliche Erwartungshorizonte und kommunikative Eskalationen. In einem Umfeld, in dem Konflikte öffentlich ausgetragen werden, entsteht so kein Vertrauen. Integration setzt jedoch genau dieses Vertrauen voraus. Insofern ist der Konflikt weniger personalisiert zu betrachten, sondern als strukturell vorhersehbar.
Das Problem war nie eine Person – sondern ein systemischer Zielkonflikt.
db24: Stichwort Investorenbashing – hat Sie der Ton in der Löwen-Doku “Rise& Fall” schockiert?
Anfänglich schon. Bei genauerem Hinschauen fällt auf, dass der Tonfall der Ausdruck einer tiefsitzenden Abwehrhaltung gegenüber externer Einflussnahme ist. Historisch ist das erklärbar, ökonomisch jedoch problematisch. Kritik an Entscheidungen ist legitim, der Entzug der persönlichen Legitimierung, eine Delegitimierung, im Falle Ismaik hingegen zerstört indes institutionelles Vertrauen. Für potenzielle Investoren ist nicht entscheidend, ob Kritik existiert, sondern wie sie artikuliert wird. Eine funktionierende Governance lebt von Rollenklarheit und gegenseitiger Anerkennung. Wer Investoren pauschal dämonisiert, sendet ein Signal der Unberechenbarkeit – und genau das wird in Investitionsentscheidungen eingepreist.
Kritik ist legitim – Delegitimierung ist selbstschädigend.
db24: Der gescheiterter Anteile-Verkauf im Sommer – was ging Ihnen durch den Kopf?
Ein weiterer Baustein in einer unsäglichen Geschichte. Aber was bedeutet dies nun? Ein gescheiterter Verkaufsprozess ist aus Sicht der Unternehmensbewertung besonders schädlich. Märkte reagieren sensibel auf inkonsistente Signale. Wenn Verkaufsabsichten öffentlich kommuniziert und anschließend revidiert werden, entsteht der Eindruck mangelnder Entscheidungsreife. Investoren bewerten solche Prozesse als Governance-Risiko. Die Folge sind höhere Risikoaufschläge, geringere Zahlungsbereitschaft oder vollständiger Rückzug. Für den Klub bedeutet das eine strukturelle Schwächung der eigenen Verhandlungsposition.
Instabile Prozesse vernichten Wert.

db24: Ismaik krempelte in seinem Funktionärsstab alles um, es wurde nicht besser – warum?
Erfolg folgt nicht linear aus Investitionen. Vielmehr ist Kontinuität ein zentraler Erfolgsfaktor. Häufige Führungs- und Kaderwechsel erzeugen Koordinationsverluste, Identitätsbrüche und kurzfristige Fehlanreize. In der 3. Liga wirken diese Effekte besonders stark, da finanzielle Fehlertoleranzen gering sind. Ein Klub, der permanent neu startet, verliert nicht nur sportliche Stabilität, sondern auch ökonomische Effizienz.
Fußball belohnt Kontinuität, nicht Aktionismus.
db24: Was schreckt potentielle Investoren aktuell bei 1860 ab?
Eine ganze Menge. Aus Investorensicht kommen meines Erachtens drei Risikofaktoren bei 1860 zusammen: Erstens eine komplexe Governance-Struktur mit vielen formellen und informellen Vetospielern. Zweitens eine konfliktgeladene öffentliche Kommunikation. Drittens eine ungeklärte Stadion- und Infrastrukturperspektive, die zentrale Erlösströme begrenzt. Investoren kalkulieren nicht nur sportliche Risiken, sondern institutionelle Stabilität. Solange diese nicht gegeben ist, bleibt 1860 ein Hochrisiko-Investment.
Risiko entsteht nicht nur auf dem Platz, sondern im System.
db24: Liegen die Probleme an den Strukturen von KGaA und e.V.?
Nein! Die Rechtsform ist nicht per se dysfunktional. In anderen Klubs funktioniert sie durchaus. Entscheidend ist, ob Rollen klar definiert und akzeptiert werden. Bei 1860 ist die Struktur jedoch hoch politisiert, was Entscheidungsprozesse verlangsamt und Konflikte verstetigt. Strukturen brauchen Vertrauen – ohne dieses wird jede Organisationsform ineffizient.
Strukturen funktionieren nur so gut wie das Vertrauen in sie.
db24: Hasan Ismaik will seine Anteile verkaufen: Was ist das Aktienpaket wert?
Der Wert des Aktienpakets von Hasan Ismaik lässt sich nicht sinnvoll über eine einzelne Zahl bestimmen, sondern nur über ein Bündel von Annahmen. Ökonomisch betrachtet ergibt sich der Unternehmenswert eines Fußballklubs aus den künftig erwartbaren Zahlungsströmen, diskontiert um das jeweilige Risiko. Genau hier liegt das Kernproblem bei 1860 München. Diese Zukunftserträge hängen maßgeblich von fünf Faktoren ab: erstens der Liga-Zugehörigkeit, zweitens der Stadion- und Infrastrukturperspektive, drittens der Sponsoring- und Vermarktungsfähigkeit, viertens der Governance-Stabilität und fünftens der strategischen Klarheit. In allen fünf Punkten bestehen derzeit erhebliche Unsicherheiten. Die 3. Liga begrenzt Erlöse strukturell, das Stadion limitiert Skalierungspotenziale, die Governance gilt als konfliktanfällig, und eine langfristig konsistente Strategie ist für Außenstehende nur schwierig erkennbar. Öffentlich kommunizierte Preisvorstellungen spiegeln daher vor allem Erwartungshaltungen wider – nicht zwingend den Marktwert. Ein professioneller Investor würde aktuell einen deutlichen Risikoabschlag vornehmen, weil er nicht nur sportliche Risiken, sondern vor allem institutionelle Risiken einpreist: Entscheidungsfähigkeit, Verlässlichkeit, Konfliktpotenzial und politische Eingriffe. Deshalb ist der Wert des Aktienpakets weniger eine feste Zahl als eine Funktion des Zukunftsvertrauens. Je glaubwürdiger die Perspektive, desto höher die Zahlungsbereitschaft. Je größer die Unsicherheit, desto geringer der realisierbare Preis.
Der Wert von Ismaiks Paket hängt nicht von der Vergangenheit ab, sondern davon, wie glaubwürdig die Zukunft von 1860 ist.
db24: Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Mitgliederbeteiligung sowie der Governance-Konflikt zwischen Präsident Gernot Mang und Bayerische-Boss Martin Gräfer?
Mitgliederbeteiligung ist der normative Kern der 50+1-Regel und ein zentrales Element der Identität von Traditionsvereinen wie dem TSV 1860 München. Sie schafft Legitimation, Kontrolle und Identifikation. Gleichzeitig bewegt sich ein Profifußballklub in einem hochkompetitiven Umfeld, das klare Zuständigkeiten, schnelle Entscheidungen und verlässliche Prozesse erfordert.
Der Governance-Konflikt – sichtbar etwa in der Debatte zwischen Martin Gräfer und Gernot Mang – ist daher weniger persönlich als strukturell. Er zeigt die Spannung zwischen notwendiger Beteiligung und operativer Steuerbarkeit. Problematisch wird es nicht dort, wo Mitglieder eingebunden werden, sondern dort, wo Beteiligung situativ politisiert wird und Entscheidungsprozesse unklar bleiben. Aus Investorensicht ist nicht die Mitgliederbeteiligung das Risiko, sondern ihre Unvorhersehbarkeit. Investoren kalkulieren mit festen Regeln, nicht mit wechselnden Stimmungsbildern. Eine funktionierende Governance muss Beteiligung ermöglichen, sie aber zugleich über klare Verfahren kanalisieren, um Handlungsfähigkeit zu sichern.
Mitgliederbeteiligung ist richtig – sie muss aber klar geregelt sein.
db24: Die Bayerische zahlt rund 1,2 Millionen Euro pro Jahr für sein Hauptsponsoring: Ist die Löwen-Brust diesen Preis wert?
Für die 3. Liga liegt ein Hauptsponsoring von rund 1,2 Millionen Euro klar über dem Marktdurchschnitt. In der 3. Liga bewegen sich Hauptsponsorings typischerweise im mittleren sechsstelligen Bereich. Sportlich betrachtet ist das also ein übertariflicher Betrag. Aus Sponsorensicht erklärt sich die Summe jedoch nicht über Tabellenplatz oder Liga, sondern über den Markenwert von 1860 München. Der Klub bietet trotz Drittklassigkeit eine bundesweite Bekanntheit, hohe emotionale Bindung und starke regionale Identität. Für die Bayerische ist das Engagement daher weniger ein klassisches Reichweiten-Sponsoring als eine strategische Markenpartnerschaft mit langfristiger Perspektive – auch mit Blick auf einen möglichen Aufstieg. Insofern kann man von einem Liebhaberpreis sprechen, allerdings von einem rational begründeten.
Sportlich ist das übertariflich – strategisch aber gut erklärbar.
db24: Was passiert ohne die Bayerische ab 2027?
Sollte die Bayerische ihr Engagement 2027 beenden, stünde 1860 vor einer spürbaren strategischen Zäsur. Ein Hauptsponsor in dieser Größenordnung ist in der 3. Liga keineswegs selbstverständlich. Ohne sportlichen Aufstieg, ohne klare Stadionperspektive und ohne stabile Führungsstrukturen wird es sehr schwierig, einen Partner mit vergleichbarem Volumen zu finden. Größe, renommierte Unternehmen investieren nicht primär in Tradition, sondern in Verlässlichkeit, Planbarkeit und positive öffentliche Wahrnehmung. Dauerhafte Konflikte, wechselnde Verantwortlichkeiten und ungelöste Strukturfragen erhöhen aus Sponsorensicht das Risiko. Die Folge wäre entweder ein deutlich niedrigeres Sponsoringvolumen oder eine stärkere Abhängigkeit von mehreren kleineren Partnern. Langfristig würde das den finanziellen Handlungsspielraum des Klubs einschränken und den Druck auf sportliche Entscheidungen weiter erhöhen.
Ohne Stabilität wird es sehr schwer, einen gleichwertigen Hauptsponsor zu finden.
db24: Wie sollte die Stadionfrage gelöst werden?
Die Stadionfrage ist für 1860 keine emotionale Standortdebatte, sondern die zentrale wirtschaftliche Zukunftsfrage. Im modernen Profifußball entstehen die entscheidenden Erlöse nicht mehr allein durch Ticketverkäufe, sondern durch Hospitality, Business Seats, Naming Rights, Events und Zusatzvermarktung. Genau diese Erlöshebel sind im Grünwalder Stadion strukturell stark begrenzt. Eine nachhaltige Lösung muss deshalb drei Elemente miteinander verbinden. Erstens braucht es kurzfristig Planungssicherheit, also eine klare politische und vertragliche Perspektive, wie lange und unter welchen Bedingungen das Grünwalder Stadion genutzt werden kann. Zweitens braucht es mittelfristig eine wirtschaftliche Optimierung, etwa durch gezielte Ausbaumaßnahmen, die realistisch umsetzbar sind und zusätzliche Erlöse ermöglichen. Drittens muss langfristig ergebnisoffen geprüft werden, ob ein Ausbau, eine grundsätzliche Neulösung oder eine Alternative wirtschaftlich tragfähiger ist. Entscheidend ist weniger, welche Variante gewählt wird, sondern dass überhaupt eine verbindliche Perspektive entsteht. Ohne diese Perspektive bleibt selbst sportlicher Erfolg finanziell unvollständig, weil er sich nicht nachhaltig monetarisieren lässt.
Nicht die Romantik entscheidet, sondern die Erlösfähigkeit.
db24: Ist 50+1 das große Handicap bei 1860?
Nein. Im internationalen Vergleich begrenzt 50+1 den Kapitalzufluss, schützt aber Wettbewerbsintegrität und Mitgliederkultur. Englische Klubs zeigen, dass unbegrenztes Kapital nicht automatisch Stabilität bedeutet. 50+1 ist ein Trade-off, kein Fehler.
50+1 schützt vor Kapital, aber auch vor Kontrollverlust.
db24: Wie groß ist das Potential von 1860 wirklich?
Das Potential des TSV 1860 München ist im deutschen Fußball nach wie vor überdurchschnittlich. Der Klub verfügt über eine starke Traditionsmarke, eine große emotionale Fanbasis und eine bundesweite Bekanntheit, die weit über die aktuelle Ligazugehörigkeit hinausgeht. Diese emotionale Reichweite ist ein echter Wert – sie ist historisch gewachsen und lässt sich nicht kurzfristig reproduzieren. Gleichzeitig ist dieses Potential aktuell nur begrenzt monetarisierbar. Im modernen Profifußball entsteht wirtschaftlicher Wert dort, wo sportlicher Erfolg, professionelle Führung und leistungsfähige Infrastruktur zusammenkommen. Genau an diesen Schnittstellen bestehen bei 1860 seit Jahren strukturelle Defizite. Solange sportliche Perspektive, Stadionfrage und Governance nicht stabil gelöst sind, bleibt das vorhandene Potential größtenteils theoretisch. Unter den richtigen Rahmenbedingungen – also mit klaren Führungsstrukturen, einer belastbaren Stadionlösung und mindestens einer dauerhaften Etablierung oberhalb der 3. Liga – ließe sich das Potential jedoch deutlich besser ausschöpfen. Dann könnte 1860 wirtschaftlich wieder in eine Größenordnung vorstoßen, die seiner Markenbekanntheit eher entspricht.
1860 hat großes Potential – aber erst Struktur macht daraus Wert.
Was viele Vereine beschäftigt: Hat die Dritte Liga in dieser Konstellation überhaupt Zukunft?
Die 3. Liga hat sportlich ohne Zweifel Zukunft. Sie ist attraktiv, traditionsreich, regional stark verwurzelt und für Fans wie Medien interessant. Viele große Namen, volle Stadien und eine hohe Identifikation sorgen dafür, dass die Liga sportlich und emotional funktioniert.
Ökonomisch bleibt sie jedoch strukturell angespannt. Die Kosten – insbesondere für Personal, Reisen, Sicherheit und Infrastruktur – haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Demgegenüber stehen vergleichsweise begrenzte und nur bedingt planbare Erlöse aus Medienrechten und zentraler Vermarktung. Diese Kosten-Erlös-Schere ist das zentrale Problem der Liga. Ohne strukturelle Anpassungen wird diese Spannung dauerhaft bestehen bleiben. Dazu gehören eine verbesserte Erlösverteilung, eine stärkere zentrale Vermarktung und realistischere Kostenstrukturen. Andernfalls bleibt die 3. Liga für viele Klubs nur mit externen Zuschüssen oder hohem Risiko betreibbar. Insofern hat die 3. Liga sportlich Zukunft, wirtschaftlich aber nur dann, wenn das System weiterentwickelt wird.
Sportlich attraktiv – wirtschaftlich nur mit Reformen dauerhaft tragfähig.
db24: Warum ist der Aufstieg in die 2. Liga für 1860 notwendig?
Der Aufstieg in die 2. Bundesliga ist für den TSV 1860 München keine sportliche Prestige-Frage, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Der Sprung von der 3. in die 2. Liga bedeutet im deutschen Profifußball einen fundamentalen Strukturwechsel. Medienerlöse, Sponsoringvolumen, Marktwerte und die allgemeine Sichtbarkeit steigen deutlich und vor allem planbarer an.
Für einen Traditionsklub wie 1860 ist die 2. Liga die Ebene, auf der sich sportlicher Erfolg erstmals wieder nachhaltig wirtschaftlich absichern lässt. Erst dort entsteht ein Erlösniveau, das Investitionen in Kader, Nachwuchs, Infrastruktur und Organisation erlaubt, ohne permanent am finanziellen Limit zu operieren. In der 3. Liga hingegen wirken Fehlentscheidungen sofort existenziell, weil die finanziellen Spielräume sehr begrenzt sind. Darüber hinaus ist die 2. Liga auch für Sponsoren, Investoren und Partner ein anderes Signal. Sie steht für höhere Stabilität, bessere Vermarktungsmöglichkeiten und eine glaubwürdigere Zukunftsperspektive. Ohne diesen Schritt bleibt 1860 strukturell limitiert – unabhängig von seiner Tradition und Fanbasis.
Die 2. Liga ist für 1860 keine Kür, sondern die wirtschaftliche Grundlage.
Henning Zülch ist Wirtschaftswissenschaftler und Leiter des Lehrstuhls für Rechnungswesen, Wirtschaftsprüfung und Controlling der HHL Leipzig Graduate School of Management. Dort forscht er unter anderem im Bereich Sports Management und beschäftigt sich mit der Erfolgsplanbarkeit und Strategien von professionellen Sportclubs und wie sich anerkannte betriebswirtschaftliche Konzepte übertragen lassen.






