VON OLIVER GRISS

Irgendwie ist im Trainingslager in Belek alles ein Déjà-vu. Ich selbst habe – anders als die Löwen – im „Calista“ eingecheckt. Als ich zum ersten Mal den XXL-Speisesaal mit seinen vielen Nischen betrat, sprang mir sofort ein vertrauter Name ins Auge: Liqui Moly. Jener Schmierstoffhersteller von Ernst Prost, der den TSV 1860 über Jahre hinweg in der Bundesliga und der Zweiten Liga begleitet hat. Eine Zuverlässigkeit, wie sie später nur noch „Die Bayerische“ an den Tag gelegt hat.

Heute ist Liqui Moly Hauptsponsor des SSV Ulm. In der Lobby trafen wir Stephan Schwarz – inzwischen Geschäftsführer der Ulmer, früher Chefscout bei 1860 und über viele Jahre die rechte Hand von Weltmeister Stefan Reuter in Augsburg.

Einen Tag später dockte in meinem Quartier auch der VfL Bochum an – mit den beiden Ex-Löwen Maxi Wittek und Leandro Morgalla. Die nächste kleine Zeitreise, die an bessere Bundesliga-Tage des TSV 1860 erinnerte. Überhaupt: Belek ist derzeit so etwas wie die Drehscheibe des europäischen Fußballs.

Roter Stern Belgrad, der HSV, Gladbach, Salzburg, Hannover, Dresden, Magdeburg, Essen, Cluj, Aachen – sie alle waren hier, sind noch da oder werden erwartet. Ebenso Blau-Weiß Linz mit Michael Köllner. Fußball satt an der türkischen Riviera.

Gerade in diesen Tagen frage ich mich: Das wievielte Trainingslager ist das eigentlich für mich? Das 70.? 75.? Oder doch schon das 80.? Ich weiß es nicht mehr. Um die Jahrtausendwende reisten wir mit Werner Lorant innerhalb weniger Wochen gleich dreimal ins Wintercamp. Legendär die Szene beim Landeanflug in München: Schneefall ohne Ende. Lorant blickte aus dem Fenster und sagte zum damaligen Teammanager Rainer Barth nur trocken: „Barth, wir fliegen nochmal weg.“ Gesagt, getan – ein paar Tage später saßen wir im Flieger nach Portugal.

Trainingslager mit Lorant waren immer anstrengend. Nicht nur für die Spieler, sondern auch für uns Journalisten. Gespräche mit dem Kulttrainer dauerten oft bis vier Uhr morgens. Keiner der Kollegen wollte „Lorant live“ verpassen. Der Ehrenkodex, aus den mitternächtlichen Gesprächen nichts zu veröffentlichen, wurde immer eingehalten.

Zu früheren Zeiten ist das heute alles kein Vergleich mehr. Das Faninteresse ist merklich gesunken. Auch medial: In den ersten Tagen waren wir in Belek lediglich zu zweit (AZ und db24), der Merkur/TZ stieß erst am Montag dazu. Alles ist ein paar Nummern kleiner geworden. Während früher teils bis zu acht Reporter – inklusive Bayerischem Fernsehen – die Löwen begleiteten, ist das Interesse inzwischen überschaubar.

Die Ist-Löwen werden sich vielleicht sagen: Gar nicht so schlecht – Ruhe schadet nie. Doch im Fußballgeschäft ist sinkende Aufmerksamkeit grundsätzlich ein Warnsignal. Genau deshalb muss der TSV 1860 alles daransetzen, wieder aufzusteigen. Am besten noch im Mai. Denn sportlicher Erfolg steigert das Interesse, erhöht die Werbewirksamkeit – und verbessert ganz nebenbei auch die Chancen auf eine Stadionlösung. Worauf warten, Herr Mang?