VON OLIVER GRISS UND IMAGO (FOTO)

Jetzt geht’s rund bei 1860. Das Präsidium reagiert auf die letzten Interviews von Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik. Am Mittwochmorgen veröffentlichte der e.V. eine Stellungnahme unter dem Titel “Hasan Ismaik verbreitet mehrere falsche Behauptungen”. Die Meldung im Wortlaut:

Sehr verehrte Mitglieder, liebe Löwinnen und Löwen,

in einem im Vorfeld der Mitgliederversammlung auf der Plattform BR24 des Bayerischen Rundfunks veröffentlichten Video stellt der Mitgesellschafter der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA, Hasan Ismaik, leider mehrere sachlich falsche Behauptungen auf. Das Präsidium und der Verwaltungsrat des TSV München von 1860 e. V. haben sich mit den fraglichen Vorwürfen auseinandergesetzt und ordnen einige davon für die Mitglieder unseres Vereins ein.

(1) Behauptung:

Der Mutterverein habe 2017 ein Sponsoring von Hasan Ismaik über 11 Millionen Euro abgelehnt, weshalb der TSV 1860 München den erforderlichen Finanznachweis gegenüber dem DFB für die 3. Liga nicht rechtzeitig habe führen können.

Bewertung:

Geschäftsführer der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA waren in der Saison 2016/2017 Anthony Power und in der Nachfolge Ian Ayre. Beide Geschäftsführer waren auf Initiative von Hasan Ismaik tätig. Kein Vertreter des Muttervereins hat ein Sponsoring für die Profifußball-Tochter abgelehnt. Robert Reisinger war zum Zeitpunkt der Lizenzierungsphase für die Saison 2017/2018 nicht Präsident des Vereins, er kam erst nach dem Zwangsabstieg im Sommer 2017 ins Amt.

Als gegen Saisonende 2016/2017 eine erhebliche Finanzierungslücke in der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA offenbar wurde, informierte die Geschäftsführung die Gesellschafter. Hasan Ismaik knüpfte einen möglichen finanziellen Ausgleich des Fehlbetrags ultimativ an eine Reihe unerfüllbarer Forderungen und verbat sich bis zu deren Realisierung jede weitere Kommunikation.

Erst am sogenannten „schwarzen Freitag“ informierten Vertreter von HAM International die Geschäftsführung der KGaA, Hasan Ismaik wolle nun doch über ein mit ihm verbundenes Unternehmen, die Marya Group mit Sitz in Dubai, kurzfristig ein Ärmelsponsoring anbieten. Als der DFB einen Finanznachweis über die lediglich auf dem Papier bestehende Summe einforderte, konnte die Geschäftsführung diesen, trotz engen Austausches mit dem potentiellen Sponsoringpartner, nicht beibringen.

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(2) Behauptung:

Präsident Robert Reisinger habe geäußert, er hätte keinen Gesprächsbedarf mit Hasan Ismaik.

Bewertung:

Die Aussage, auf die sich die Behauptung offenbar bezieht, stellt einen Momentaufnahme aus dem Sommer 2017 dar und war vom Präsidenten situationsbedingt in einem Interview geäußert worden. Ihr eine generelle Wirkung zu unterstellen ist falsch. Hasan Ismaik weiß das auch. In der Folge gab es eine intensive Zusammenarbeit in den Gremien mit Yahya Ismaik und weiteren Vertretern von HAM International. Hasan Ismaik bestand darauf, den Kontakt ausschließlich über seine Vertreter vor Ort zu pflegen. Das Präsidium hat immer wieder persönliche und öffentliche Einladungen an Hasan Ismaik zu gemeinsamen Treffen und einem Austausch ausgesprochen.

(3) Behauptung:

Die Vereinsvertreter in Präsidium und Verwaltungsrat hätten das Ziel, Hasan Ismaik loszuwerden und würden sportlichen Erfolg verhindern, um nur weiterhin im Grünwalder Stadion spielen zu können.

Bewertung:

Das ist eine Erfindung. Der Behauptung stehen zahlreiche öffentliche Äußerungen des Präsidenten entgegen. Mit Hasan Ismaiks Vertretern vor Ort fanden mehrfach konzeptionelle Gespräche, auch zusammen mit der Stadt München, über mittelfristige und langfristige Lösungen für einen geeigneten Spielort der Profifußballmannschaft statt.

(4) Behauptung:

Handelnde Personen im gemeinnützigen Mutterverein würden versuchen, Schaden an der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA anzurichten und den Klub damit zerstören.

Bewertung:

Eine solche Unterstellung entbehrt nicht nur sachlich jeder Grundlage, sie ist auch eine Unverschämtheit gegenüber den gewählten Funktionären und den Mitgliedern des Vereins.

(5) Behauptung:

Präsident Robert Reisinger habe öffentlich die Aussage getroffen, kein Geld mehr von Hasan Ismaik zu brauchen, während er zugleich um weitere Darlehen gebeten habe.

Bewertung:

Offenbar verwechselt Hasan Ismaik Personen. Von Robert Reisinger ist gar keine entsprechende Aussage belegt. In einem dpa-Bericht vom 03.06.2017 heißt es:

Deutlicher wurde Sitzberger: Wünsche wie zu Zweitliga-Zeiten, als der e.V. Ismaik noch sehr weit entgegengekommen war, „die werden nicht mehr erfüllt“, kündigte er an und erklärte warum: In der Regionalliga sei 1860 nämlich finanziell nicht mehr abhängig vom Investor. „Jetzt können wir theoretisch diese Mannschaft selber bezahlen. Das Budget könnten wir selber stemmen. Wenn er wieder eine Forderung hätte, dann könnte man sagen: Ist in Ordnung, wird nicht erfüllt!“

In der Regionalliga-Saison 2017/2018 hat HAM International tatsächlich kein Geld bezahlt. Nach dem Aufstieg in die 3. Liga beteiligte sich unser Mitgesellschafter mit seinen Unternehmen HAM International und H.I. Squared International in den vergangen Jahren in Summe in etwa gleicher Höhe an den Ausgaben der TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA wie der gemeinnützige Verein die Nachwuchsausbildung im Leistungsfußball finanzierte.

Robert Reisinger hat nie um Darlehen gebeten, sondern immer betont, die Profifußball-Gesellschaft müsse ihre Ausgaben von den Einnahmen aus Sponsoring, TV-Geldern, Transfererlösen und Ticketing decken. Hasan Ismaik hat dagegen nach dem Aufstieg in die 3. Liga aus Eigeninitiative ein sog. “zusätzliches Budget“ ausgerufen. Das Präsidium hat verfügt, dass entsprechende Mittelzuflüsse nur durch Schuldverschreibungen in Form von nachrangigen Genusscheinen stattfinden dürfen, um das Unternehmen nicht weiter zu gefährden.

Die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA konnte während der Corona-Pandemie nicht wie andere Klubs in Deutschland staatliche Wirtschaftsunterstützung für entgangene Einnahmen – die sogenannten Corona-Hilfen vom Bund – in Anspruch nehmen. Der Grund dafür: Die Profi-Fußballgesellschaft des TSV 1860 ist bilanziell überschuldet und war das auch bereits vor dem Auftreten der Corona-Pandemie. Ein Antragsteller auf Corona-Hilfen durfte sich laut Reglement aber nicht bereits zuvor in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befunden haben.

Der Firmensitz unseres Mitgesellschafters in einer sogenannten Steuer-Oase stand der Auszahlung von Corona-Hilfen an die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA ebenfalls entgegen. Daraufhin stellte Hasan Ismaik über eines seiner Unternehmen ein Überbrückungsdarlehen zur Verfügung. Es sorgte für den Erhalt der Zahlungsfähigkeit der Profifußball-Gesellschaft, für den Fall, dass geplante Einnahmen im Profifußball während der Nachwirkungen der Corona-Pandemie sich zeitlich verzögern würden.

(6) Behauptung:

Hasan Ismaik habe seine Investitionen in die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA auf Wunsch des Muttervereins als Darlehen ausgereicht.

Bewertung:

Die Investitionen unseres Mitgesellschafters erfolgten, abgesehen von der Kaufsumme beim Einstieg, ausschließlich in Form von Krediten, die die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA tief verschuldet haben. Vom Einstieg 2011 an war dies für die HAM International und ihre Handlungsbevollmächtigten das einzige für sie denkbare Finanzierungsinstrument.

Das Präsidium um Robert Reisinger hat mit seinem Amtsantritt tragfähige Rahmenbedingungen eingefordert, um die Profifußball-Gesellschaft vor der Insolvenz zu schützen. Mittelzuflüsse durch unseren Mitgesellschafter waren danach nur noch durch nachrangige Schuldverschreibungen in Form von Genussscheinen möglich, deren Wandlung vertraglich gesichert sein musste.

Mehrfache Vorstöße der Vereinsvertreter zu alternativen Finanzierungskonzepten für die TSV München von 1860 GmbH & Co. KGaA wurden von unserem Mitgesellschafter stets abschlägig beschieden.

(7) Behauptung:

Nur eine Minderheit von zwei- bis dreitausend Mitgliedern des TSV München von 1860 e. V. stünde in Wahrheit hinter den handelnden Personen in Präsidium und Verwaltungsrat. Alle anderen Mitglieder würden es mit Hasan Ismaik halten.

Bewertung:

Die geäußerte Vorstellung, man würde eine angeblich „schweigende Mehrheit“ vertreten, ist ein typisches Merkmal des Populismus. Wer behauptet, er würde für die einzig “wahren Fans“ oder Mitglieder sprechen, erhebt einen Alleinvertretungsanspruch. Schnell geht es dabei nicht nur um unterschiedliche Betrachtungsweisen in der Sache oder um divergierende Ansichten über Werte. Vielmehr werden andere als angebliche Vereinszerstörer gebrandmarkt. Diese Haltung ist demokratiefeindlich.