VON OLIVER GRISS UND ORYK HAIST (IMAGO)

Es gab mal einen berühmten Trainer bei 1860, der hatte in der Vorbereitungszeit immer gesagt: “Die Testspiele sind mir scheißegal: Für mich geht die Bundesliga eh erst ab dem 5. Spieltag los. Dann zählt es!” Was ein gewisser Werner Lorant in den 90er Jahren damit sagen wollte: Erst wenn seine runderneuerten Löwen seine Arbeit verinnerlicht hatten, wollte er sich an den Ergebnissen messen lassen. Und genau das hat meist gut funktioniert. Neuneinhalb Jahre hatte Lorant bei den Löwen geliefert - bis Präsident Karl-Heinz Wildmoser nach einem 1:5 im Stadtderby gegen den FC Bayern im Oktober 2001 genug hatte und Lorant vor die Tür setzte. Besser wurde es nach Lorant nicht mehr bei den Löwen. Ein beispielloser Absturz begann. Heute lebt Lorant zurückgezogen in Waging am See - und viele wünschen sich die große Zeit an der Grünwalder Straße 114 zurück, als man noch aufrecht durch Münchens Straßen gehen konnte.

Was das mit den Löwen der Neuzeit zu tun hat? Einer von Lorants Nachfolgern heißt heute Maurizio Jacobacci. Der 60-jährige Schweizer hat wie einst Lorant in diesem Sommer auch den Kader umgedreht und dem TSV 1860 einen völlig neuen Anstrich gegeben. Natürlich kann man die Situation nicht vergleichen, zu unterschiedlich ist das sportliche Niveau - trotzdem gibt’s gewisse Parallelen.

Jacobacci ist von seiner Mannschaft überzeugt. Das ehrt ihn. Noch zehn Tage bleiben ihm bis zum Liga-Start gegen Mannheim (5. August, 14.03 Uhr, db24-Ticker): Das Blitzturnier in Unterhaching hat dem Löwen-Dompteur die Augen geöffnet, in welchen Bereichen es noch zwickt. Die db24-Übersicht:

Jacobaccis 4-1-4-1-System: Momentan macht es noch den Eindruck, dass die Löwen die gewünschte Spielweise des Trainers noch nicht intus haben - oder passen die Spielertypen nicht für dieses System? Balldominanz? Fehlanzeige! Ein gutes durchdachtes Umschaltspiel? Ebenso! Auffällig: Seit der pfeilschnelle und ballgewandte Albion Vrenezi auf der “Zehn” spielt, kann der Ex-Regensburger seine Qualität nicht mehr richtig ausspielen. Er braucht für sein Spiel Platz, den er aber in der Mitte verständlicherweise nicht bekommt. Vrenezi, eigentlich für die Aussenbahn prädestiniert, ist nur ein Beispiel. Auch die Stürmer hängen in der Luft, bekommen kaum brauchbare Zuspiele.

die Offensivschwäche: In keinem Testspiel gegen eine Profi-Mannschaft konnte 1860 bisher ein Tor erzielen.- aber auch gegen unterklassige Gegner stellte sich die Jacobacci-Elf sehr umständlich an, um den Ball ins Tor zu befördern. Ergo: Ein echter Knipser fehlt den Löwen. Hätte 1860 den Schwerpunkt bei der Kaderplanung von Anfang an auf einen überdurchschnittlichen Stürmer gelegt, wäre die Mannschaft vermutlich schon weiter. Die Torlosigkeit gegen Gegner auf sportlicher Augenhöhe - das dürfte das Selbstbewusstsein der Mannschaft nicht unbedingt stärken.

die Anfälligkeit bei Flanken und ruhenden Bällen: Achillesferse in der bisherigen Vorbereitung: Zum einen ist 1860 auf den Flügeln zu leicht verwunderbar, zum anderen fehlt in der Abwehrzentrale die Lufthoheit. Beim 0:3 gegen Nürnberg, aber auch beim 0:1 gegen Haching zeigte der Gegner den Löwen deutlich die Grenzen auf - an dieser Schwäche gilt es zu arbeiten. Hinzu kommt, dass insbesondere Torwart Marco Hiller oft die falsche Entscheidung beim Rauslaufen trifft. 1860 braucht Überzeugung in der Luft, fehlt’s an der für die Dritte Liga so wichtigen Körperlichkeit?

noch keine Startelf: Bislang hat sich immer noch keine Wunschelf von Jacobacci herauskristallisiert, was natürlich auch damit zusammenhängt, dass er er zum Liga-Start aufgrund von Verletzungen (Tim Rieder, Phillipp Steinhart, Michi Glück) und Sperren (Marlon Frey) auf wichtiges Personal verzichten muss und Neuzugänge mit unterschiedlichen Fitnesszuständen antanzen. Aktuell hat Jacobacci für die Innenverteidiger-Position mit Jesper Verlaat und Niki Lang nur zwei gelernte Abwehrspieler zur Verfügung. Ein weiterer Zugang für die Abwehrzentrale dürfte nur eine Frage der Zeit sein. Und weil Jacobacci viel probiert, fehlen auch die wichtigen Automatismen in den Abläufen, um eine Mannschaft zu formen.

Deswegen braucht der Löwe noch Zeit. Und vielleicht erinnert sich dann der ein oder andere an der Grünwalder Straße 114 an Lorants beliebten, aber durchaus provozierenden Spruch zu Bundesliga-Zeiten.