VON OLIVER GRISS

Den Charme früherer Tage hat der TSV 1860 schon lange nicht mehr. Doch was sich seit einigen Jahren an der Grünwalder Straße 114 abspielt, hat selbst dieser große Traditionsverein noch nie in dieser Dimension erlebt. Immer wieder werden die Übungsleiter mehr oder weniger vorgeführt: Das brachte Aufstiegstrainer Daniel Bierofka im November 2019 sogar soweit, dass er unter Tränen den Klub verlassen und seinen Vertrag aufgelöst hat. Der frühere Bundesliga-Star verzichtete damals sogar freiwillig auf eine Abfindung. Er konnte einfach nicht mehr. Bierofkas Nachfolger Michael Köllner zog sich dann den Unmut eines Lagers zu, als er im Sommer 2022 explizit Investoren-Vertreter Anthony Power für das Mitwirken bei den Transfers dankte. Von da an hatte der Oberpfälzer einen schweren Stand - und der wurde nicht leichter, als ab Herbst auch die Ergebnisse fehlten. Die Entlassung war nur eine Frage der Zeit. Nach dem 1:2 am 30. Januar gegen Dresden zog der Klub die Notbremse. Danach war 1860 vier Wochen ohne Trainer und verspielte in dieser Zeit alle Aufstiegschancen. Das Thema ist klub-intern noch nicht zu den Akten gelegt.

Jetzt ist also Maurizio Jacobacci an der Reihe - und der Italo-Schweizer hat seinen Vorgängern etwas voraus: Obwohl er den Verein nach dem unrühmlichen Gorenzel-Intermezzo als Interimstrainer stabilisierte, wird seine Arbeit offenbar nicht so richtig geschätzt. Jacobacci muss seit seinem Einstieg im Februar über sich und seine Arbeit allerhand lesen. Doch am Donnerstag hatte der frühere Profi genug. Der 60-Jährige rief zu einer spontan anberaumten Pressekonferenz ins Pressestüberl. Der Auslöser: Die Behauptung, er wolle Sturm-Talent Fynn Lakenmacher aufs Abstellgleis schieben. Richtig sei aus seiner Sicht, dass die Löwen den Vertrag mit dem 23-Jährigen bis 2026 verlängern wollten - und gleichzeitig die Überlegung hatten, Lakenmacher auszuleihen. Der Spieler habe diesem Plan jedoch nicht zugestimmt, was wiederum auch - Stand jetzt - heißt: Lakenmacher kann 1860 in zwölf Monaten ablösefrei verlassen.

Was Jacobacci auch sauer macht: Es heißt, die Löwen werden bei den Transfers von der HAM-Seite - explizit Saki Stimoniaris und Anthony Power - gelenkt. Diese Gerüchte werden schon seit einiger Zeit ganz bewusst gestreut und haben nur einen Sinn. Jacobaccis Dementi: “Wir sind ein Trio mit Marc Pfeifer und dem Chefscout Jürgen Jung, der auch die ganze Zeit Spieler scoutet und das Gespräch sucht. Jeder hat seinen Part, und es funktioniert. Wir harmonieren gut und dann hört man: Wir sind Marionetten! Jeder, der mich kennt, der weiß: Würde das zutreffen, dann wäre ich nicht mehr hier…Man sollte unsere Arbeit für 1860 respektieren.” Auch dass ihm der frühere Türkgücü-Manager Max Kothny bei den Löwen angeblich unterstützen soll, wies Jacobacci wiederholt zurück ins Reich der Fabel: “Der hat genug zu tun.”

Nach knapp einer Stunde war Jacobaccis Sprechstunde vorbei, in der er als Punktsieger herausgegangen ist. Er hat mit seinem Plädoyer noch einmal sein Profil geschärft. Dass er natürlich am Ende an den Ergebnissen bei 1860 gemessen wird, das weiß auch Jacobacci. Doch Fairness halber muss man auch sagen, dass die Löwen viel zu spät auf dem Transfermarkt aktiv geworden sind und die Topstürmer-Frage, die den Klub noch heute quält, um ein ernstzunehmender Kandidat für gehobene Ansprüche zu werden…