VON OLIVER GRISS

Als Dieter Reiter am vergangenen Dienstag im Hacker-Zelt “Himmel der Bayern” auf der Löwen-Bühne auftauchte, zeigte Münchens mächtiger Oberbürgermeister im dunkelblauen Trachten-Janker, dass er alles ist - nur nicht nachtragend. Dabei hätte er eigentlich allen Grund dazu gehabt: Immer wieder wurde der SPD-Politiker in der jüngeren Vergangenheit von der Löwen-Seite angemacht. Exemplarisch: Ein wenig überlegter Spruch von Präsident Robert Reisinger aus dem Jahr 2021, der mit Reiters Fußball-Liebe für den FC Bayern zu tun hat: “Ich wusste gar nicht, dass für die Stadtpolitik nicht mehr das Parteibuch, sondern die Vereinszugehörigkeit entscheidend ist.”

Reiter, dem des Öfteren nachgesagt wird, er würde als bekennender Roter die Blauen vernachlässigen, macht einen komplett anderen Eindruck. Er ist kein abgehobener Politiker, sondern ein Mann des Volkes, dem auch etwas daran liegt, dass die Löwen im Schatten des großen FC Bayern wieder aufstehen - damit die Stadt München und ihre Bürger endlich wieder ein Derby erleben dürfen. Wonach viele Fußball-Fans in der Millionen-Metropole lechzen. Selbst in Reiters Familie gibt es ein Übergewicht an Blauen.

Soll 1860 dem Umbau des Grünwalder Stadions zustimmen, obwohl die Kultstätte niemals bundesliga-tauglich sein wird?

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Und dafür will er den Löwen die Drehtür öffnen - um mit dem Traditionsverein aus München-Giesing endlich eine Lösung in der seit Jahren quälenden und nervtötenden Stadionfrage zu finden. Auf ein klares Bekenntnis aus der Grünwalder Straße 114 wartet der OB seit Jahren vergeblich - und genau das macht es so schwer. Die fehlende Geschlossenheit innerhalb des Klubs ist kein Verhandlungsbeschleuniger. Während die e.V.-Seite gerne auf die Karte “Heimvorteil” verweist und den für den großen Fußball sinnlosen Umbau des Grünwalder Stadions befürwortet (Bundesliga ist in Giesing auch nach einem möglichen Umbau auf 18.105 Fans nicht möglich!), wünscht sich Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik immer wieder eine Lösung, die der wirtschaftlichen Vernunft entspricht und die 1860 bei allen Gefühlen für die Giesinger Kultstätte perspektivisch weiterbringt.

Und die Wirtschaftlichkeit ist im Grünwalder Stadion laut Geschäftsführer Marc Pfeifer nun Mal nicht gegeben - und der Schwabe kennt als Finanzmann die Zahlen: Bis zu 1,7 Millionen Euro holt der TSV im Vergleich zur Konkurrenz weniger in die Kassen - und das obwohl die Löwen erstklassige Ticketpreise für Drittliga-Fußball aufrufen, was schon den ein oder anderen Gegner zu Protest-Plakaten im Gästeblock veranlasste. Und was viele Westkurven-Fans vielleicht auch noch nicht wissen: Sollten tatsächlich irgendwann die Bagger anrollen, gibt’s künftig noch weniger Stehplätze in der Herzkammer der Löwen-Fans. Und der unparteiische Reiter glaubt sowieso: Sollte 1860 aufsteigen, dann hätte der Klub bei einem erfolgreichen Verlauf in jedem Fall das Potential bis zu 40.000 Anhänger - und zwar regelmäßig.

Reiters neuestes (öffentliches) Angebot an die Löwen: Kommt mit einer gemeinsamen seriösen vereinsinternen Entscheidung ins Rathaus - und den Rest erledigt die Stadt. Es gibt laut Reiter drei Varianten: Umbau des Grünwalders für rund 80 Millionen Euro auf 18.105 Fans (ohne Bundesliga-Lizenz!), ein Umzug ins Olympiastadion - und sogar ein Grundstück für ein eigenes Schmuckkästchen innerhalb der Stadtgrenzen. Als Reiter auf der Löwen-Wiesn über diese seit Jahrzehnten andauernde Stadion-Diskussion sprach, wusste er im gleichen Atemzug auch: Auf sein Email-Postfach kommen anstrengende Tage zu. Aber Reiter sollte die Giesinger Spielchen längst kennen.

Eines wurde aus dem Reiter-Auftritt auf der Löwen-Wiesn mehr als deutlich: Der OB hat durch seinen Auftritt den vollen Respekt des TSV 1860 verdient! Weitere Sticheleien Richtung Rathaus sind nicht zielfördernd, Löwen! Der Verein braucht jetzt eine Stimme im Rathaus - aber die große Frage ist: Wer macht’s?