VON OLIVER GRISS

Als Löwen-Fan ist man durch all die Misserfolge und Watschn in den letzten 18 Jahren gebeutelt, aber irgendwie auch abgehärtet - und doch dürften einige Anhänger nach der 0:4-Pleite in Magdeburg die ein oder andere Träne vergossen haben, denn diese niederschmetternde Niederlage war gleichbedeutend mit dem endgültigen K.o. im Aufstiegsrennen. Den Löwen bleibt im besten Fall wieder nur Platz 4. Um gleich den Dauerjublern entgegen zu treten: Nein, das ist auf dieser sportlichen Ebene definitiv KEIN Erfolg. Das Geschenk von Türkgücü verschweigen wir an dieser Stelle lieber.

Wieder hat der TSV 1860 ein Jahr verloren. Die Löwen verkommen zum Dauergast in der Dritten Liga - und das obwohl man vor zwei Jahren einen Aufstiegsplan in Höhe von zehn Millionen Euro verabschiedete: Mehr Kohle für die Mannschaft & Frieden im Verein. Die Aufstiegsformel? Mitnichten!

Es wurde in den letzten Jahren viele (vorhersehbare) strategische Fehler in der Kaderplanung begangen, die Gelder wurden falsch eingesetzt - der Mannschaft fehlen Balance und die Unterschiedsspieler. Aber vor allem auch Persönlichkeit, Nervenstärke und Frechheit. Es sind Nuancen, die den Löwen im Aufstiegskampf gefehlt haben, wie es Präsident Robert Reisinger umschreibt. Falsch! Es sind nicht nur Kleinigkeiten. 1860 ist nicht besser als drittklassig.

Tatsache ist: Von acht möglichen Versuchen gegen Teams aus der Top5-Wertung konnten die Köllner-Löwen nur einmal gegen Lautern mit 2:1 gewinnen. Das ist zu wenig. Da hilft es auch nichts, dass man sich die Situation über Rückrunden-Tabelle (Platz 3) schönredet.

Was deprimierend war für die Fans, die es an der Elbe mit den Löwen hielten: Magdeburg hatte im Show-Modus den Löwen die Grenzen aufgezeigt - in punkto Athletik, Schnelligkeit, Technik, Spielinterpretation und auch Willenskraft. Selten war eine Löwen-Mannschaft mehr unterlegen. Der 1. FCM, freilich ohne Druck völlig losgelöst, brannte bis in die Nachspielzeit. Wie kleine Kinder freuten sich Atik & Co. über jede gelungene Aktion - bei den Löwen brannte dagegen nur der Gästeblock mit Pyrotechnik.

Ergo: Für die Sechzger war das Gastspiel in Magdeburg eine Lehrstunde vom Feinsten - aber auch der Beweis, dass man mit Leidenschaft und fußballerischer Qualität viel erreichen kann: Christian Titz hat den früheren Europapokalsieger innerhalb weniger Monate von einem Abstiegskandidaten in der Dritten Liga zu einer attraktiven Adresse auf der Fußball-Landkarte geformt. Der Lohn: Der hochverdiente Aufstieg in die Zweite Liga. Großes Kompliment und Glückwunsch!

Ein wichtiger Faktor für die Magdeburger Zukunft ist auch der eigene Fußballtempel, der für rund 28.000 Besucher Platz bietet. Es gibt ganz wenige Stadien in Deutschland, die vom Lautstärke-Pegel mit der MDCC-Arena mithalten können. Diese Arena ist nicht nur finanziell ein Segen, sondern vor allem auch von seiner Wucht angsteinflösend. Allein der Stadion-Punkt zeigt auf, wie weit die Löwen der Konkurrenz hinterher hecheln. Erschwerend hinzu kommt, dass in der Führungsebene des Klubs oberhalb der Geschäftsführung keine Fußball-Kompetenz sitzt. Das ist ein großes Manko bei der Aufarbeitung der eigenen Leistung.

Trauen Sie Günther Gorenzel & Michael Köllner in der neuen Saison den Aufstieg in die Zweite Liga zu?

Umfrage endet am 23.05.2022 10:00 Uhr

Es braucht eine Kurskorrektur. Präsident Robert Reisinger muss sich endlich eingestehen, dass sein vor Jahren ausgerufener Konsolidierungskurs, der eigentlich sowieso keiner ist, gescheitert ist. Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, dass sich beide Gesellschafter zusammensetzen und den Kurs ändern müssen. Denn je länger sich der TSV in der Dritte Liga aufhalten muss, desto unattraktiver wird die Marke 1860.

Will man das wirklich riskieren?