VON OLIVER GRISS

Ja, ich muss zugeben: Ich bin am vergangenen Wochenende fremd gegangen und hatte mich für das Heimspiel von Türkgücü München gegen Duisburg akkreditiert. Einerseits um unseren aufstrebenden Lokalrivalen mal live zu beobachten, aber noch vielmehr, um deutsche Fußballgeschichte des Olympiastadions aufzusaugen: WM-Finale 1974, EM-Finale 1988 - und natürlich die unzähligen Highlights des TSV 1860. Und es gab davon wahrlich sehr viele: Derby-Siege über die Bayern (gegen die Erste!), ein bis heute bestehender Zuschauerrekord mit 100.000 Besuchern beim Regionalliga-Duell 1973 gegen Augsburg - und natürlich heiße Europapokal-Nächte. Und einmal sang sogar der große Radi auf der Tartanbahn seinen Hit “Bin i Radi, bin i König”. Es sind unvergessene Momente. Miki Stevic, der an diesem Samstagnachmittag auch im Olympiastadion war, fragte mich: “Kannst du dich noch an mein Tor gegen Borussia Dortmund erinnern?” Nein, konnte ich mich nicht. Was ich aber noch wusste: 1860 führte gegen den BVB nach 25 Minuten schnell mit 4:0. Endstand war 4:2 für Sechzig. Es waren echte Highlights.

Sollte sich 1860 um die Rückkehr ins Olympiastadion bemühen?

Umfrage endet am 02.12.2020 12:00 Uhr

Mein letztes Spiel als Reporter im Olympiastadion verfolgte ich vor über 15 Jahren, am 31. März 2005 beim 0:0 in der Zweiten Liga gegen den 1. FC Köln. Mit 40.200 Zuschauern saß ich in diesem herrlichen Fußball-Tempel. Im Block Z1. Für die Abendzeitung München. Danach gaben die Löwen die Schlüssel für diese Arena ab. Seitdem habe ich in Erinnerungen geschwelgt. Das Olympiastadion ist eines der Wahrzeichen von München, meiner Heimatstadt.

Und ich kann Ihnen versichern: mein Oly-Comeback war so, als wäre die Zeit stehen geblieben. Es war ein Gefühl, als hätte man seine erste große Liebe nach 15 Jahren wieder getroffen - und Schmetterlinge im Bauch. Ein Augen-Orgasmus. Allein die Anfahrt zum Olympiastadion war ein Genuß.

Wahre Schönheit ist alterslos. Eigentlich hat sich im Olympiastadion nahezu nichts verändert: Die Architektur ist immer noch höchst beeindruckend, der Rasen Champions League-reif, die Infrastruktur sowieso erstklassig (genügend Parkplätze für Autos und Busse - und U-Bahn-Haltestelle) - und ganz viel Grünfläche. Eine Wohlfühl-Area. Das Gegenstück zum engen Grünwalder Stadion im Stadtteil Giesing. Und wer behauptet, man bräuchte für Fußballspiele im Olympiastadion einen Feldstecher, irrt: Der Blick aufs Spielfeld ist - anders als von der Haupttribüne in der Grünwalder Kultstätte aus - pfostenfrei. Über die besseren Kabinen bwz. auch Bewirtungsmöglichkeiten wollen wir erst gar nicht groß reden. Das Olympiastadion ist eines der Wahrzeichen der Weltstadt München, meiner Heimat. Deswegen hat’s mich auch nicht gewundert, dass Spieler aus Duisburg vor dem Anpfiff auf dem Rasen Selfies machten.

Vorausgesetzt, der TSV 1860 hat Pläne in der Schublade, in den nächsten zwei Jahren aufsteigen zu wollen, sollte eine Rückkehr nach Oberwiesenfeld - freilich nur nach Ende der Pandemie - unbedingt in Betracht gezogen und geprüft werden. Und selbst für große Spiele in der Dritten Liga wäre das Olympiastadion eine ernsthafte Option. Große Umbauarbeiten sind nicht nötig. Türkgücü hat’s bewiesen. Was den Löwen zum Oly-Comeback fehlt, ist einzig und allein eine neue Rasenheizung (Kostenpunkt 1,2 Millionen Euro). Mit der Stadt und auch mit Türkgücü kann man sicherlich darüber reden, denn klar ist auch: Der geplante große Umbau des Grünwalder Stadions wird sich aufgrund der Ist-Situation (der Stadt droht bis 2024 ein Schuldenstand von 6 Milliarden Euro) vermutlich um Jahre verzögern. Es gibt wichtigere Prioritäten in der Stadt. Bestenfalls ist aktuell mit Schönheitsarbeiten in der Giesinger Spielstätte zu rechnen. Das Geld wird nicht mehr so locker sitzen, auch bei Sponsoren - deswegen ist es jetzt umso wichtiger, dass sich die Löwen wieder für alle Fans öffnen. Im eigenen (finanziellen) Interesse.

Oliver Griss (Jahrgang 1971) schreibt seit 1990 über den TSV 1860, u.a. 12 Jahre für die Abendzeitung München zu großen Bundesliga-Zeiten.