VON OLIVER GRISS UND BERND FEIL (FOTO)

Robert Reisinger geht seinen eigenen Weg. Die Münchner Medien meidet er weitgehend, die Öffentlichkeit scheut er - dafür hat der Ober-Löwe jetzt in der “Hannoverschen Allgemeinen Zeitung” gesprochen. Der Anlass: 20 Jahre Leeds. Heute vor genau 20 Jahren spielte 1860 um den Einzug in die Champions League (Häßler & Co. verloren vor 56.000 Fans mit 0:1) – seitdem ging es eigentlich nur bergab. Reisinger spricht mit Reporter Christian Müller über Ursachen und Folgen der Löwen-Entwicklung.

Einerseits lobt Reisinger den Leeds-Kader vor 20 Jahren (“Das war eine eingeschworene Truppe, die zudem über herausragende Einzelspieler verfügte”), anderseits kritisiert der Ober-Löwe die Macher dieser großen Mannschaft: “Es gab damals Funktionäre bei Sechzig, die sichtbar Schwierigkeiten hatten, Alltag und Highlights gedanklich auseinanderzuhalten.” Wen er damit meint, sagt er nicht. Doch es liegt der Verdacht nahe, dass es um den im März 2004 zurückgetretenen Karl-Heinz Wildmoser ging. Mit dem Patriarch hatte Reisinger seine Probleme. Wegen Wildmoser gab er zwischenzeitlich auch seine Mitgliedschaft zurück - das hatte er jedenfalls mal verraten.

Einer der grossen Fehler sei aus Reisingers Sicht für 1860 die Allianz Arena gewesen. “Für einen Zweitligisten waren die Mietkonditionen in Fröttmaning nicht dazu angetan, wirtschaftlich Luft zu bekommen“, erklärte der Unternehmensberater aus Kirchheim der Zeitung. Was man aber wissen muss - und das sagt Reisinger in diesem Interview nicht: Kein Drittligist zahlt mit 1,5 Millionen Euro mehr Stadionmiete als der TSV 1860 fürs Grünwalder. Willkommen in einer der populärsten Städte der Welt…

Über Mehrheitsgesellschafter Hasan Ismaik sagt Reisinger heute: “Mit seinem Einstieg verknüpften viele Fans große Erwartungen, die unser Mitgesellschafter auch zu nähren wusste.” Müller schreibt: “Ständig wechselnde Geschäftsführer, Sportdirektoren und Trainer ächzten unter dem Druck des in immer weitere Ferne rückenden Wiederaufstiegs.” Die personellen Rochaden missfallen Reisinger: “Typische Kennzeichen fehlender Geduld und überzogener Erwartungen“, eine „verhängnisvolle Hire-and-fire-Politik“. Unter Reisinger arbeitet übrigens jetzt bereits der dritte kaufmännische Geschäftsführer innerhalb der letzten drei Jahre - aber das nur am Rande.

"Lebenslüge!" Präsident Reisinger sieht 1860 nicht groß - in welcher Liga müssen die Löwen aus Ihrer Sicht spielen?

Umfrage endete am 06.09.2020 12:00 Uhr
1. Liga
57% (5114)
2. Liga
30% (2723)
Giasing, Oida! Stadtteil-Verein - das reicht!
7% (620)
Regionalliga Bayern
3% (272)
3. Liga
2% (216)

Teilnehmer: 8945

Von großen Ambitionen bei 1860 hält Reisinger nur wenig. Schließlich sei die fixe Idee, man sei eigentlich zu Höherem berufen und nur wegen widriger Umstände grad mal eben nicht ganz oben dabei, “eine Lebenslüge“. Die Zahlen widerlegen Reisinger aber einmal mehr: 1860 belegt in der Ewigen Bundesliga-Tabelle immer noch Platz 21 - und das obwohl man seit 16 Jahren nicht mehr mitmischen darf. Das ist ausschließlich auf die katastrophale Vereinspolitik zurückzuführen.

Über die Zusammenarbeit mit Ismaiks Vertrauensleuten sagt Reisinger: “Wir versuchen so gut wie nur möglich, ein abgestimmtes Handeln herzustellen.“ Und der 56-Jährige glaubt weiter an eine Rückkehr in die Zweite Liga: “Wir alle wollen nun zurück in die 2. Liga und schaffen das auch. Mit wirtschaftlich vertretbarem Handeln und einem durchdachten sportlichen Konzept.” Das Konzept kann Michael Köllner liefern - aber dazu braucht er auch einen entsprechenden Kader. Weiß Reisinger schon mehr?