VON OLIVER GRISS

Eines vorweg: Prinzipiell ist es richtig, Talente in die eigene Profi-Mannschaft hochzuziehen. Mit Matthew Durrans (21), György Szekely (25) und Ahanna Agbowo (18) rücken drei weitere Nachwuchsspieler in den Drittliga-Kader auf. Wenn’s klappt: Kann sich der TSV 1860 auf die Brust klopfen, was für für eine herausragende Nachwuchsarbeit geleistet wird - und: Es wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass am Ende vielleicht ein Talent durchstartet und mit dessen Verkauf wieder einmal die Lizenz des angeschlagenen Traditionsklubs gesichert wird.

Es gibt viele Beispiele: Julian Weigl und Benny Lauth brachten jeweils 4,2 Millionen Euro ein - und Timo Gebhart 3,2 Millionen Euro. Ja, das ist der Gebhart, den einige mit 31 Jahren schon abschreiben. Alle drei waren absolute Ausnahmetalente. Andere dagegen haben den Verein kostenlos verlassen: Florian Neuhaus, 23 und kommender Nationalspieler. Er ging nach der Abstiegssaison 2017 für lau zu Borussia Mönchengladbach. Sein Marktwert wird auf 23 Millionen Euro geschätzt. Auch Noel Niemann mussten die Löwen jetzt kostenlos ziehen lassen. Noch im Januar wollte der pfeilschnelle Offensivspieler bleiben, aber man konnte ihm kein ordentliches Angebot unterbreiten. Nun versucht er sein Glück bei Bundesliga-Aufsteiger Arminia Bielefeld. Auch Efkan Bekiroglu wäre noch im Herbst 2019 zu halten gewesen. Auch für ihn bekommt 1860 keine Ablöse. Der Deutsch-Türke spielt künftig für Alanyaspor in der türkischen Süper Lig.

Der vorläufige Löwen-Kader mit 23 Profis steht: Reicht das?

Umfrage endet am 14.08.2020 19:00 Uhr

Doch aufgepasst, Löwen: die preisgekrönte Nachwuchsarbeit der vergangenen Tage ist schon nicht lange mehr vergleichbar mit der aktuellen bei 1860. Das bestätigen auch viele Experten unabhängig voneinander - was wir damit sagen wollen: Die Talente, die 2020 in den Profikader aufsteigen, haben nicht mehr die Qualität früherer Tage. Die Jungs können nichts dafür, dass sie ins Rampenlicht beim TSV 1860 geschoben werden, sondern eher die krude Vereinspolitik zeichnet sich veranwortlich für diesen Kurs. Hätten die Löwen in der Spitze wenigstens einen ehemaligen Sportler sitzen, würden längst die Alarmglocken läuten.

Die Chancen, dass das Projekt “Giesing forscht” funktioniert, soll nun Michael Köllner erhöhen. Er wird von Sport-Geschäftsführer Günther Gorenzel bei jeder Gelegenheit als “Entwicklungstrainer” tituliert. Alles schön und gut, aber zaubern kann auch Köllner nicht. Der Kader ist nicht ausgewogen zusammengestellt - selbst dann, wenn Tim Rieder doch noch bleibt. Köllner kann nur damit arbeiten, was ihm bei den Konsolidierungs-Löwen zur Verfügung gestellt wird.