VON OLIVER GRISS UND BERND FEIL (FOTO)

Wie geht’s weiter im deutschen Fußball?

DFB-Schatzmeister Dr. Stephan Osnabrügge hat am Samstag auf der Webseite dfb.de ein aussagekräftiges Interview gegeben, in dem er betonte, wie schlimm die Lage für die Vereine wirklich ist - und dass auch 50+1 eine Rolle spielt. Osnabrügge über:

die Situation an der Basis: “Tatsächlich sind auch die Fußballvereine an der Basis im Moment erheblich betroffen. Nicht nur davon, dass das Vereinsleben faktisch ausfällt und kein Freizeitsport mehr möglich ist. Viele Vereine müssen trotzdem die Platzpflege unterhalten, das Vereinsheim instand halten etc. Gleichzeitig brechen die wenigen Sponsoren weg, weil der Spielbetrieb ruht. Wir reden dabei nicht über Wirtschaftsunternehmen, sondern über den normalen Verein von nebenan. Besonders übel sieht es dann aus, wenn der Verein investiert hat, beispielsweise in einen neuen Kunstrasenplatz. Ich will nichts dramatisieren, aber klar ist, dass nicht wenige Vereine zwingend auf staatliche Hilfen angewiesen sind.”

Hilfe für die DFB-Vereine durch den Staat: “Wir haben sehr intensiv alle bestehenden Krisen-Programme ausgewertet und darüber hinaus Kontakt mit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gehabt. Die Antworten hierauf sind recht eindeutig: Die krisenbedingten Programme des Bundes richten sich grundsätzlich an Wirtschaftsunternehmen. Sämtliche aktuellen Programme des Bundes sind nicht für gemeinnützige Vereine gedacht. Dies ist auch unabhängig davon, ob und inwieweit ein wirtschaftlicher Geschäftsbetrieb besteht.”

Spezielle Unterstützung für die Drittligisten: “Die Vereine dieser Spielklasse beschäftigen meist sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Sie profitieren daher von der Möglichkeit, Kurzarbeit anmelden zu können. Der DFB unterstützt hier mit Informationen, und er vermittelt kostenlosen Rechtsrat. Viele Vereine nutzen die Möglichkeit der Kurzarbeit, um überhaupt überleben zu können. Dies ergibt eine Abfrage, die wir ganz aktuell unter den Klubs durchgeführt haben.”

die 50+1-Regel als Hindernis: “Die Erfahrungen unserer Klubs mit den staatlichen Hilfsprogrammen sind leider ernüchternd. Die Programme des Bundes sind nicht für Unternehmen gedacht, die von einem gemeinnützigen Verein beherrscht werden. Die KfW hat uns mitgeteilt, dass Spielbetriebsgesellschaften von den Programmen ausgeschlossen sind, wenn sie von einem Verein beherrscht werden. Und dies ist bei uns ja ausnahmslos der Fall. Unser System “50+1”, das ansonsten verhindert, dass Investoren Vereine kaufen und mit ihnen handeln, steht aktuell der Inanspruchnahme staatlicher Hilfe also sogar im Wege. Viele Klubs haben uns außerdem mitgeteilt, dass sie im Rahmen von Corona-Soforthilfe-Programmen des Bundes und der Länder Anträge gestellt haben und noch immer auf eine Antwort warten. In einigen Fällen scheitert eine Unterstützung auch daran, dass die Klubs in den vergangenen Jahren keine positiven Ergebnisse geschrieben haben. Dass die Ergebnisse von Sponsoren ausgeglichen worden sind, zählt dann nicht. Umso wertvoller ist es, dass die Vereine der 3. Liga und der Frauen-Bundesliga nun an dem Solidartopf der großen Klubs der Bundesliga profitieren. Dies ist ein großartiges Zeichen der Solidarität. Es ist aber auch gleichzeitig eine Anerkennung der wertvollen Nachwuchsarbeit, die auch in der 3. Liga und der FLYERALARM Frauen-Bundesliga geleistet wird.”

50+1 verhindert bei gemeinnützigen Vereinen finanzielle Hilfe: Muss die Regel JETZT fallen?

Umfrage endete am 10.05.2020 10:00 Uhr
Ja! Das ist längst überfällig!
78% (2383)
Nein! Die 50+1-Regel schützt uns doch.
22% (658)

Teilnehmer: 3041

die Passivität des DFB in der Krise: “Als Dachverband sind wir für unsere Mitgliedsverbände zuständig, ich bin daher ständig mit ihnen im Austausch. Wir haben liquiditätssichernde Maßnahmen ergriffen und unterstützen, wo es möglich und sinnvoll ist. Ob dies am Ende ausreichen wird, werden wir sehen. Das die Klubs der Ligen angeht und letztlich auch die Vereine an der Basis: Da ist der Ruf nach dem Dachverband ein sehr fußballspezifisches Thema. Ich habe bislang noch nicht gehört, dass beispielsweise von Berufsverbänden verlangt wurde, die Verluste einer Berufsgruppe auszugleichen. Bisweilen wird aber im Fußball trotzdem die Forderung erhoben, dass der DFB Gelder bereitstellen soll. In den meisten Fällen dürfen wir das schon steuerrechtlich gar nicht. Wir können es aber auch nicht. Denn auch dem DFB brechen erhebliche Einnahmen weg. Unsere Nationalmannschaften können nicht spielen, und der DFB-Pokal kann gerade nicht stattfinden. Und das Ganze in einer Zeit, in der wir mit unserem Neubau ohnehin vor riesigen Herausforderungen stehen. Aber unabhängig davon: Es ist schlicht nicht die Aufgabe eines Dachverbandes, der den Spielbetrieb organisiert und den Breitenfußball fördert, Geldmittel auf die Clubs oder die Vereine zu verteilen. Wie gesagt: hier ist viel eher der Staat am Zuge, denn mit den Klubs im zuschauerorientierten Bereich, also den Regionalligen und der 3. Liga, fällt ein ganzer Wirtschaftszweig durch das Raster, der Menschen einen Arbeitsplatz bietet und Steuern zahlt.”